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19. Mai 2017 - Österreich

Der Alltag mit psychischer Erkrankung

Ein Stimmungsbericht über die 26. Angehörigentagung der HPE in Wien

Die Tagung der HPE Österreich hat sich diesmal mit einem Basisthema für Angehörige psychisch erkrankter Menschen beschäftigt: dem „Alltag mit psychischer Erkrankung“ auf dem heutigen Stand des Wissens! Und sie hat nicht nur Angehörige, die möglicherweise das erste Mal mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert sind neues gebracht, sondern auch für jene Angehörigen, die diesen Alltag schon seit vielen Jahren leben und Erfahrung darin haben.

Eine hoffnungsweckende Stimmung ging von der in mehreren Beiträgen angesprochenen Tatsache aus, dass die Psychiatrie eine junge Wissenschaft ist, die noch Entwicklungszeit braucht und dass gerade in den letzten Jahrzehnten sehr viel geschaffen und verbessert wurde. Aus medizinischer Sicht entwickeln sich die für eine psychiatrische Diagnose notwendigen Klassifikationssysteme weiter (Univ.Prof. Dr. Thomas Stompe, AKH, Sozialpsychiatrie). Parallel dazu geht die Erkenntnis einher, dass solche Diagnosen nur der Ansatzpunkt für Arzt und Krankenkasse sein kann und ein absolutes MUSS in einer Behandlung nie ersetzen kann: das Gespräch mit den Patienten und die detaillierte Erhebung der Vorgeschichte.

Auch in der Behandlung psychisch erkrankter Menschen liegt ein Meilenstein noch nicht so weit zurück (Prof. Dr. Juliane Walter-Denec, Sozialpsychiatrisches Ambulatorium Favoriten): „weg von einer mehrjährigen Unterbringung in Anstalten - hin zu einem weitgehend selbstbestimmten Leben in der Gesellschaft“. Das wurde erst in den 1970er Jahren in Angriff genommen. Damit ist einerseits die Bedeutung der Angehörigen ins Zentrum getreten, andererseits Problemkreise wie das Wohnen, die Arbeitswelt und die soziale Inklusion, denn psychisch erkrankte Menschen empfinden den Verlust des sozialen Umfeldes, der Verlust ihrer Peergroup als sehr schmerzlich (Robert Mittermaier, Geschäftsführer von LOK-Leben ohne Krankenhaus)).

Neben vielen Angeboten, die sich zu diesen drei Themenkreisen in den letzten Jahren entwickelt haben ist nun auch die Tendenz spürbar, dass neue unkonventionelle Behandlungs- und Betreuungskonzepte, die in anderen Teilen der Welt bereits sehr erfolgreich sind, langsam auch in Österreich diskutiert werden. Eine dieser Methoden, die Peer Betreuung, wird auch bereits angewendet und ist sehr erfolgreich.

Wie immer war der Tagungs-Nachmittag verschiedenen interessanten Workshops mit Themen für den bzw. aus dem Alltag gewidmet. Dabei wurde ein Bogen von Praktischem, Lehrreichem bis hin zu Entspannendem gespannt.

In der Podiumsdiskussion „Rund um Psychische Erkrankungen“ am 2. Tag, kamen für das Gesundheitssystem Verantwortliche aus Politik, Verwaltung und Betreuung zu Wort:

Dr. Magdalena Arrouas (Ministerium für Gesundheit) erinnert, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen in Österreich bis zur „Mental Health Declaration for Europe“ 2005 in Helsinki in Gesetzen und Verordnungen gar nicht verankert und vertreten waren. Erst darnach gab es ein eigenes Ressort im Gesundheitsministerium und gezielte Arbeit.

Dr. Johannes Gregoritsch (Hauptverband der Sozialversicherungsträger) bekundet, dass die Bedeutung psychischer Erkrankungen und die Notwendigkeit differenzierter Behandlungen auch bei den Sozialversicherungen angekommen ist aber, wegen des riesigen Umfanges, noch stark unterbelichtet ist. Sowohl die Bereitstellung von Geldmittel aus einem „Topf für alle Krankheiten“ sind ein noch ungelöstes Problem als auch die Tatsache, dass Sozialversicherungen nur für die Versorgung Kranker, die auch in diesen Topf eingezahlt haben, zuständig sind.

Primarius Dr. Friedrich Riffer, Leiter der Psychiatrischen Abteilung im Krankenhaus Waidhofen an der Thaya und

MMag. Gernot Koren, Geschäftsführer von pro mente OÖ machen in ihren Arbeitsbereichen ähnliche Erfahrungen: es gibt viele sehr gute Möglichkeiten für die Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen, aber die Bürokratie ist ein gewaltiges Hindernis. Einerseits überhäuft sie Ärzte und Betreuungsteams mit Arbeit, andererseits tun sich immer wieder riesige Lücken auf, durch welche psychisch erkrankte Menschen fallen.

Dr. Georg Willi, Nationalratsabgeordneter aus Tirol, hat einen für viele überraschenden Rat für das erfolgreiche Einbringen von Anträgen in die politische Ebene: Anträge und deren Hintergrund müssen politische Vertreter berühren und als Folge davon begeistern – nur so kann man sich Bündnispartner erwerben. Einzelgeschichten, die betroffen machen sind dafür ein exzellentes Mittel. Einmalige Kampagnen wirken oft wie ein Strohfeuer; eine mit einer „richtig dosierten Lästigkeit“ an PolitikerInnen gebrachte Erzählung voll von Einzelschicksalen kann Menschen berühren. Geschichten aus unserem Leben und dem unserer erkrankten Angehörigen erzählen - daran haben Angehörige wohl keinen Mangel!

Die nachfolgende Diskussion wurde von Barbara Stöckl, ORF-Journalistin und –Moderatorin professionell und einfühlsam moderiert.


Bericht von Veronika Zwatz-Meise, Vorstand HPE Wien

 

Folien der Referentinnen und Referenten:

Thomas Stompe, Alltägliche Diagnosen in der Psychiatrie

Juliane Walter-Denec, Therapeutischer Alltag

Robert Mittermaier, Soziale Beziehungen im Alltag

 

 

 

 

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