Schizophrenie

Asmus Finzen

Die Krankheit verstehen, behandeln, bewältigen.

Asmus Finzen kann mittlerweile als Doyen der deutschen sozialpsychiatrischen Szene bezeichnet werden. Vielen Angehörigen ist er durch seine gut verständlichen Bücher zu den Themen Schizophrenie, Stigma und Medikamente schon seit Jahren ein Begriff.

Die LeserInnen erwartet das, was sie vom Autor gewohnt sind: profunde Information, starker Praxisbezug durch eine Fülle an (teilweise sehr persönlichen) Beispielen, gute Lesbarkeit, eine große Nähe zur Befindlichkeit der Angehörigen, sein von großem Respekt getragener Zugang zum psychisch leidenden Menschen und eine unumstößlich positive Grundhaltung die Behandelbarkeit psychischer Erkrankungen betreffend.

Noch bevor sich Finzen der Erkrankung selbst nähert, beschreibt er, was diese in den Familien auslöst, der Autor geht sogar so weit, von der „Familienkatastrophe Schizophrenie“ (S. 33) zu sprechen: Große Kränkungen, die Bedrohung des Familienzusammenhalts, der Verlust der Selbständigkeit, die Ungewissheit des Ausgangs, die Veränderungen der eigenen Biografie, die Frage nach der Schuld.

Niemand hat Schuld

Dieses Thema ist Finzen ein Herzensanliegen. „Niemand hat Schuld“ (S. 49) betitelt er ein Kapitel und noch unzählige Male danach lässt er seine LeserInnen wissen, was er von unbewiesenen und ungerechten Schuldzuweisungen an die Eltern der Erkrankten hält: nämlich genau überhaupt nichts.

Wider das Verzagen

Dem Kapitel über die Behandlungsgrundsätze setzt er ein Zitat Eugen Bleulers voran: „Die Schizophrenietherapie ist die dankbarste für den Arzt.“ (S 145). Damit offenbart sich auch sein entschiedener Aufruf „Wider das Verzagen“, ein Verzagen, das sich sowohl bei den Behandlern, als auch bei den Erkrankten und deren Angehörigen nur allzu leicht einstellen kann, sollte der Genesungsprozess zu langsam voran schreiten.
In seinem Nachwort lässt Finzen den bedeutenden Schizophrenieforscher Cullberg zu Wort kommen: „Der größte Feind der psychiatrischen Behandlung ist die pessimistische Haltung gegenüber Psychosen. Diese beschädigt den Willen der Patientinnen und Patienten, wieder gesund zu werden.“ Und so Finzen weiter: „Was wir über die Krankheit denken, wie wir uns bei der Behandlung fühlen, wirkt sich auf das Schicksal der Patienten aus.“ (S. 239)

Der Autor ergibt sich jedoch keineswegs unrealistischer Hoffnung, erwähnt immer wieder die Ernsthaftigkeit schizophrener Erkrankungen, spricht vom „steinigen Weg der Wiederherstellung“ (S. 176), auf den man sich in gar nicht so wenigen Fällen einzustellen hat und verschweigt auch das möglicherweise andauernde Rückfallsrisiko nicht.

Ein ganzes Kapitel für die Angehörigen

Das letzte Kapitel „Mit den Kranken leben“ (S 219) widmet Finzen ganz den Angehörigen. Er wendet sich einerseits den Angehörigen als Mitbetroffene, als selbst Leidende, andererseits als für den Erkrankten oft unentbehrliche Helfer zu und gibt wertvolle Denkanstöße und Tipps für die praktische Bewältigung des Alltags mit dem erkrankten Familienmitglied.

Welch großen Respekt er den Angehörigen zollt, kommt in seinen Schlussworten zum Ausdruck: „Angehörige können und sollen ihr Expertenwissen auch als Interessensvertretung für die psychisch Kranken einsetzen. Sie bringen eine zusätzliche Perspektive ein in die gesundheitspolitische Auseinandersetzung um die weitere Entwicklung der psychiatrischen Versorgung. Sie können und sollen auf Defizite aufmerksam machen, um die professionellen Helfer auf das Leid hin zu weisen, das Kranke und Angehörige jenseits der Psychiatrie in der Gemeinschaft der Gesunden erfahren, auf das Unrecht, das ihnen immer noch und immer neu widerfährt und das die Öffentlichkeit allzu oft nicht zur Kenntnis nehmen will.“ (S 234)

Daniela Schreyer

Autor: Asmus Finzen
Verlag: Psychiatrie Verlag (2010)
ISBN: 978-3-88414-522-7