EX-IN Genesungsbegleitung. Erfahrungsberichte aus der Praxis

Susanne Ackers, Klaus Nuißl (Hg.)

Die UN-Behindertenrechtskonvention verbrieft Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen als selbstbestimmte Bürger*innen ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Patient*innen des Gesundheitssystems werden rechtlich zu „Nutzer*innen“, die ein Mitspracherecht in allen sie betreffenden Belangen haben. 

Die EX-IN Bewegung ist eine der schönsten Entwicklungen der letzten 15 Jahre, wie dieses Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe Psychiatrie-Erfahrener zu einer Veränderung der Hilfsangebote für Menschen in psychischen Krisen umgesetzt wird.

Experienced Involvement

EX-IN ist die Abkürzung für das englische „Experienced Involvement“ und meint „Beteiligung Erfahrener“. Dahinter steckt die Idee, dass Psychiatrie-Erfahrene, also Menschen, die selbst psychische Krisen erlebt haben, im Rahmen einer Ausbildung zu bezahlten Fachkräften im psychiatrischen System qualifiziert werden. Entwickelt wurde die Initiative in Europa im Rahmen des Leonardo-da-Vinci-Pilotprojekts der Europäischen Union von 2005 bis 2007 durch Fachkräfte, Wissenschaftler*innen sowie Psychiatrieerfahrene. 

Im kürzlich im Psychiatrie-Verlag erschienenen Buch berichten zwanzig EX-IN Genesungsbegleiter*innen über ihre Tätigkeit in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern der stationären und ambulanten sozialpsychiatrischen Dienste (vor allem in Deutschland – aber auch Mario Leitgeber vom Vorarlberger Verein Omnibus ist mit dabei) und reflektieren ihren Rollenwechsel vom „Patienten“ / „Nutzenden“ psychiatrischer Hilfen zum mitarbeitenden Kollegen. 

Vielfältige Tätigkeiten und Forderungen

Sehr bunt sind die vielfältigen Tätigkeiten, sie reichen von Beratung und Begleitung Betroffener bis zu Öffentlichkeitsarbeit und politischer Arbeit in verschiedenen Gremien, wo Psychiatrieplanung passiert .Die Genesungsbegleiter*innen erzählen, welche Erwartungen sie an ihre Arbeit hatten und wie sich diese erfüllt haben – aber auch, welche Erwartungen ihnen als „Peers“ in den Teams der jeweiligen psychiatrischen Einrichtungen begegnet sind. Offen sprechen die Mitarbeiter*inne über freudvolle und leidvolle Erlebnisse und Herausforderungen und ihren Umgang mit dem „Dilemma, von Beruf Kranker zu sein“ (Oliver Kustner, S. 138). 

Eine der großen Zukunftsherausforderungen von EX-IN ist ein gerechtes Entlohnungssystem, denn häufig werden EX-IN Absolvent*innen auf dem Niveau von Hilfskräften bezahlt und deren Wunsch nach finanzieller Absicherung durch Erwerbsarbeit wird oft enttäuscht. 

Als Mensch spürbar sein

„Im Kern bedeutet Genesungsbegleitung, sich als „spürbarer Mensch“ (Gwen Schulz) zu zeigen.“ – schreibt Jörg Utschakowski, der das EU-Projekt EX-IN in Deutschland initiierte und koordinierte, im Vorwort. „Als Mensch spürbar sein“ - sollten wir Profis uns das nicht auch als Motto auf die Fahnen heften?

EX-IN Genesungsbegleitung. Erfahrungsberichte aus der Praxis
Susanne Ackers, Klaus Nuißl (Hg.)
Psychiatrie Verlag 2021
Rezensiert von Daniela Schreyer