Die Suchtfibel

Ralf Schneider

Wie Abhängigkeit entsteht und wie man sich daraus befreit

Die Suchtfibel ist erstmals 1978 erschienen, um alkoholabhängigen Patienten in allgemein verständlicher Form die wichtigsten Informationen über die Krankheit zu vermitteln. Mittlerweile gibt es die 18. Auflage dieses Buches, ein Zeichen, wie sehr sich dieses Buch in der Praxis bewährt. Der Autor Ralf Schneider ist psychologischer Psychotherapeut und Geschäftsführer der salus klinken Friedrichsdorf in Deutschland, einer Fachklinik, die auf psychosomatische Störungen und Suchterkrankungen spezialisiert ist.

Hilfe zum Verstehen und Handeln

Die Suchtfibel will Betroffenen helfen, zu Experten ihrer Suchterkrankung zu werden. Sie will Informationen vermitteln, die Hilfe zum Verstehen, Entscheiden und Handeln geben. Sie ist in fünf Kapitel gegliedert, die den Änderungsprozess bei der Befreiung von Süchten entsprechen

  • Von der Ahnungslosigkeit zur Nachdenklichkeit: Sich Grundwissen zur Sucht und zu Suchtstoffen aneignen
  • Von der Nachdenklichkeit zum Problembewusstsein: Verstehen, wie es zu Störungen im Verhalten und zur Abhängigkeit kommt
  • Von der Unentschiedenheit zur Lösung: Sich selbst die richtige Diagnose stellen und Schlussfolgerungen daraus ziehen
  • Vom Zaudern zum Handeln: Wie man sich von Süchten befreit
  • Von der Änderung zur Stabilisierung: Die Freiheit sichern und Rückfällen vorbeugen 

Im ersten Kapitel erfahren Sie, wie Suchtmittel funktionieren und erhalten Sie umfassende Informationen zu den wichtigsten Suchtmitteln. Das zweite Kapitel widmet sich dem problematischen Gebraucht der Suchtmittel. Wann beginnt Missbrauch? Welche Ursachen gibt es dafür? Wie kann schädlicher Konsum beendet werden? Im dritten Kapitel wird nun geklärt, wann man konkret von Abhängigkeit spricht und welche Auswirkungen diese hat. Das vierte Kapitel widmet sich der Therapie von Süchten von der ersten Bereitschaft zur Behandlung bis zu den Erfolgsaussichten. Das fünfte Kapitel schließlich beschäftigt sich damit, wie nach erfolgreicher Therapie Rückfällen vorgebeugt und die Gesundheit erhalten werden kann. 

Die Rolle der Angehörigen

Das Buch behandelt in einigen Kapiteln auch die Rolle der Angehörigen sehr eingehend. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages dürfen wir einige Passagen aus dem Buch zitieren, die wertvolle Tipps für Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen enthalten.

Was kann ich tun, wenn ein Angehöriger, Freund oder Kollege Probleme mit Alkohol oder anderen Substanzen bekommt? S. 177

Da ein zentrales Merkmal von Süchten die Verzerrung und Verleugnung der Problematik ist, sind Eingriffe von außen gleichermaßen schwierig wie notwendig. Das Schlimmste ist, nichts zu tun.

Wenn Sie helfen oder etwas Sinnvolles tun möchten, machen Sie sich zuerst einmal frei von der Erwartung, dass sich durch ein einziges klärendes Gespräch alles ändern wird. Das ist so gut wie nie der Fall. Aber deshalb besteht keinerlei Anlass zu Pessimismus. Solche Gespräche muss man führen, aber eben mehr als eines, und man darf nicht verzagen, wenn sich anfänglich wenig tut.

Ein Kochbuch für richtiges Verhalten in schwierigen Lebenssituationen gibt es nicht. Solche Situationen sind ja deshalb schwierig, weil man sie nicht durchschaut und weil es nur wenige klare Fakten gibt, dafür umso mehr Fettnäpfchen, in die man unversehens tappen kann. Trotzdem mögen folgende Tipps zur Frühintervention hilfreich sein, die sich in diesem Beispiel auf das Verhalten im Umgang mit einer Person beziehen, die höchstwahrscheinlich ein Alkoholproblem hat:

  • Reden Sie mit ihr oder ihm statt über sie oder ihn
  • Überlegen Sie sich vorher, was Sie ansprechen möchten und welche Hilfe Sie anbieten können. Machen Sie sich am besten Notizen, welche Beobachtungen Sie gemacht haben.
  • Wählen Sie einen günstigen Zeitpunkt: Die möglicherweise suchtgefährdete Person steht nicht unter dem Einfluss einer Substanz, die Situation ist vertraulich und sie haben beide Zeit.
  • Machen Sie deutlich, dass Sie das Gespräch aus Sorge um den anderen suchen.
  • Beschreiben Sie ganz konkret, was Sie besorgniserregend finden und wie sich das Verhalten der betreffenden Person geändert hat; verzichten Sie auf Vorhaltungen und Vorwürfe.
  • Zeigen Sie Ihr persönliches Interesse an der Person und sehen Sie nicht nur deren Probleme mit Alkohol oder Drogen
  • Fragen Sie ruhig nach Gründen für den Alkoholkonsum, aber lassen Sie sich bei allem Verständnis nicht davon abbringen, sie oder ihn aufzufordern und zu ermutigen, die Situation zu ändern.
  • Seien Sie auf Beschönigungs- oder Verleugnungsversuche, auf Verständnis heischende, vernünftig klingende Erklärungen, auf aggressive Reaktionen und auf Selbstmitleid gefasst. Das gehört zum Krankheitsbild. Erkennen Sie das an, aber lassen Sie sich dadurch nicht davon abbringen, auf ihr eigenes Urteil zu vertrauen und auf Vereinbarungen und notwendige Maßnahmen zu bestehen.
  • Wenn Sie glauben, dass der Betroffene ernsthaft gefährdet ist, bitten Sie ihn, sich an Hilfseinrichtungen zu wenden und geben Sie ihm eventuell entsprechende Adressen: Drogenberatungsstelle, Fachambulanz für Suchtfragen, Beratungsstelle am Gesundheitsamt, Internet, Telefonnotruf, etc.
  • Bieten Sie weitere Gespräche an, auch wenn das erste Gespräch nicht erfolgreich war. 
  • Behalten Sie für sich, was Sie erfahren.
  • Wenn Sie sich überfordert fühlen, suchen Sie selbst Hilfe und Informationen. Unterstützung und Rat können Sie in Suchtberatungsstellen, Angehörigengruppen oder bei anderen Fachleuten finden.

Was versteht man unter “Co-Abhängigkeit“? S. 251

Der Begriff „Co-Alkoholiker“ oder „Co-Abhängige“ hat sich mittlerweile in der Suchthilfe eingebürgert, obwohl viele diese Wortwahl für nicht besonders glücklich halten, denn zumindest in deutscher Sprache führt der Begriff leicht zu Missverständnissen. „Co“ (lat. Con = zusammen, mit) kennen wir hauptsächlich aus dem Geschäftsleben als Kompagnon, als Teilhaber und Gesellschafter oder als „Co-Autor“ eines Buches, das zwei oder mehrere Personen gemeinsam geschrieben haben. Wenn Angehörige als „Co-Alkoholiker“ angesprochen werden, sind manche von ihnen verständlicherweise irritiert, denn sie haben ja eher den Eindruck, dass sie Leidtragende, Ausgegrenzte und Opfer sind, auf keinen Fall Nutznießer oder Teilhaber von etwas Produktivem. Sie fühlen sich gründlich missverstanden, wenn nicht sogar zu Unrecht auf die Anklagebank gesetzt. Deshalb sollte man den Begriff nur verwenden, wenn die dahinter stehende Bedeutung von betroffenen Angehörigen, Freunden oder Kollegen verstanden und akzeptiert wird. Ansonsten sollte man auf seine Verwendung verzichten und lieber von „unbeabsichtigt Sucht förderndem Verhalten“ sprechen.

Zum Verständnis muss man wissen: Kein Erwachsener kann einen anderen süchtig machen. Um süchtig zu werden, muss man die Droge selbst „freiwillig‘“ nehmen. Ein Co-Alkoholiker macht folglich niemanden zum Alkoholiker. Ein Co-Alkoholiker ist auch nicht unbedingt jemand, der zusammen mit dem Alkoholiker trinkt, also kein Trinkkumpan.

Unter „co-abhängig“ werden Personen oder sogar Organisationen verstanden, die Bedingungen herstellen oder fördern, die etwas beitragen zum Fortschreiten und zur Aufrechterhaltung der Krankheit. Das geschieht fast immer unwissentlich und unwillentlich. Man muss als Angehöriger, Kollege, Vorgesetzter oder Personalrat gar nichts Besonderes tun, um „co-abhängig“ zu werden, denn auch Nichtstun ermöglicht es einem Süchtigen, mit seinem Verhalten fortzufahren.

Ein co-abhängiges Verhalten zeigen Arbeitskollegen oder Vorgesetzte, Vater und Mutter, Ehefrauen und –männer, Ärzte und Therapeuten, Freunde und Geschwister und sogar die eigenen Kindern, wenn sie

  • Alkohol, Medikamente oder Drogen besorgen, damit es nicht zur Krise kommt
  • Verantwortung für Verhaltenskonsequenzen der Süchtigen übernehmen, 
  • den Konsum der Suchtkranken verschleiern, entschuldigen oder rechtfertigen,
  • den Abhängigen Belastungen in Haushalt, Familie oder Beruf abnehmen oder ersparen,
  • das Verhalten der Abhängigen kontrollieren, z.B. nach Drogenverstecken suchen, sie von Alkohol und Trinkanlässen fernhalten, sie beim Lügen ertappen wollen usw.,
  • unaufrichtig den Abhängigen, anderen Personen oder sich selbst gegenüber sind, was die Tatsachen und ihre Gefühle bezüglich der Abhängigkeit betrifft.

Wie kann man den Teufelswalzer der „Co-Abhängigkeit“ beenden? S. 255

„Co-Abhängige“ können sich folgende Einstellungen zu eigen machen (hier bezogen auf Alkoholismus):

  • Ich kann an ihrem /seinem Trinken nichts ändern, denn es handelt sich um Sucht. Sie/er „muss“ noch trinken, egal wie ich mich verhalte. Die Chance, dass sich vielleicht etwas ändert, wird größer, wenn ich mit einigen meiner bisherigen Verhaltensweisen Schluss mache. Ich schreibe diese Verhaltensweisen und die Alternativen dazu auf.
  • Dass ich verstehe, wie krank er/sie ist, heißt nicht dass ich das Trinken und dessen Auswirkungen auf mich hinnehme. Ich teile mit, was ich wahrnehme, ich setzte klare Grenzen bezüglich dessen, was ich in Kauf nehme und was nicht, und ich sage verbindlich, was ich bei Überschreiten der Grenzen tatsächlich tun werde. Ich spreche also keine leeren Drohungen aus und kontrolliere nicht.
  • Ich ignoriere das Trinken, das heißt: Ich nehme es zur Kenntnis, aber ich tadele es nicht; ich lasse Lügen stehen und verwickle mich nicht in derartige Diskussionen.
  • Ich verwöhne und versorge den Partner nicht mit dem Ziel, sie bzw. ihn vom Trinken abzuhalten oder um Folgen des Trinkens zu heilen und zu mildern; ich zeige meinem Partner, dass ich sie bzw. ihn als Person mag, nicht aber als Süchtige(n); ich erleichtere ihr bzw. ihm nicht die Last und Qual der Sucht.
  • Ich tue etwas für mich: Wie kann ich Lebensglück und Zufriedenheit finden, auch wenn der andere sich nicht ändert und ich mich trotzdem nicht von ihm vollständig lösen will?

Wenn Angehörige, Freunde oder Arbeitskollegen auf die letzte Frage antworten müssen: „Das geht nicht!“, dann sollten sie umgehend Hilfe für sich selbst in Anspruch nehmen. Die Hilfe wird im Wesentlichen darin bestehen zu lernen, wie man mit Krisen umgeht, etwas für das eigene Wohnbefinden zu tun, sich selbst besser zu verstehen, mit sich ins Reine zu kommen, offen und klar Stellung zu beziehen und Verhaltensweisen zu fördern, die die Verantwortlichkeiten regeln und der Entstehung von negativen Gefühlen vorbeugen.

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer

Titel: Die Suchtfibel
Autor: Ralf Schneider
Verlag:Schneider Verlag Hohengehren GmbH