Borderline begegnen

Susanne Schoppmann, Matthias Herrmann, Christiane Tilly

„Borderline bedeutet für die Betroffenen Stress rund um die Uhr, denn die Störung verläuft nicht in Phasen, die von beschwerdefreiten Zeiten abzugrenzen sind. Die Betroffenen werden fortwährend mit schwierigen Gefühlen konfrontiert, müssen sich mit ihren eigenen Verhaltensmustern auseinandersetzen und miterleben, wie das soziale Umfeld darauf reagiert. Borderline ist anstrengend, sowohl für die Erkrankten selbst als auch für die Helfenden.“ (S. 19) „Und wie“, werden sich leidgeprüfte Angehörige kopfnickend denken, „An denen kommst Du nicht vorbei“ so manche überforderte psychosoziale Profis…

Mut zur Begegnung

Mit dem vorliegenden Buch wollen 3 Borderline-Fachleute, eine Fachkrankenschwester für psychiatrische Pflege, ein Erziehungswissenschaftler, der eine Wohneinrichtung für psychisch kranke Jugendliche leitet und eine Ergotherapeutin, die auch Expertin aus eigener Erfahrung ist, Mut zur Begegnung mit Menschen mit einer Borderline-Störung machen. Das dialogbasierte Buch ist lebendig und alltagsorientiert und mischt gekonnt Theorie und Praxis, Erklärung und Beschreibung mit unmittelbarem Erleben und Anregungen zu Selbstreflexion und wird so wirklich zu einem wertvollen Unikat in der Fülle der Borderline-Literatur.

Die Autoren arbeiten immer wieder mit einem im Rahmen eines Peer-Projektes mit Borderline-Betroffenen konzipierten „Eisbergmodell“,  um die Zusammenhänge zwischen unsichtbaren Gefühlen und Wahrnehmungen (unter der Wasseroberfläche) und sichtbarem Verhalten (der Spitze des Eisbergs) verständlich zu machen. Ein sehr brauchbares Konzept, um über Erlebens- und Verhaltensweisen miteinander ins Gespräch zu kommen.

„Persönlichkeitskaleidoskop“

Sehr spannend ist auch das Interview mit Tim, einem jungen Mann, den Matthias Herrmann in einem Jugendwohnheim kennengelernt hat. Tim beschreibt das zentrale Identitätsproblem von Borderline-Erkrankten so: „Ich bin so etwas wie ein Persönlichkeitskaleidoskop – ich kann aus den einzelnen Identitätsfragmenten sicherlich leicht schillernde Persönlichkeiten erzeugen, da mach ich mir ja auch gern ein Spiel daraus, aber es gibt da auch einfach etwas, was ich nicht steuern kann…und das ist eben die Tatsache, dass ich dieses Muster immer wieder neu erzeugen muss und sich nichts so richtig echt anfühlt…nimmt man die trügerischen Spiegel bei einem Kaleidoskop weg, bleibt nur ein Splitterhaufen übrig. Und so ist das auch bei mir: Da sind nur einzelne Persönlichkeitsfragmente, die auf der verzweifelten Suche nach einem Kernfragment sind – das es wohl nicht gibt.“ (S. 45) Bei Tim wurde dann die Diagnose und die Zuwendung zu gewaltbereiten Gruppen eine „Identitätskrücke“. In der Arbeit mit solchen Jugendlichen geht es also immer darum, das Nicht-Sichtbare hinter dem abweichenden Verhalten sichtbar zu machen. „Helft mit herauszufinden wie ich bin!“ lautet der Aufruf und dazu benötigen diese Menschen ein Gegenüber, um ihr Selbstbild entwickeln zu können.

Borderline-Erlebens- und Verhaltensweisen

Detailliert werden dann die typischen Borderline-Erlebens- und Verhaltensweisen beschrieben: Selbstverletzendes Verhalten, Wechselbäder der Gefühle, Nähe und Distanz, Grenzüberschreitungen und Suizidalität. Es wird sowohl die innerpsychische Funktion dieser Borderline-Themen beleuchtet als auch die starke kommunikative Beziehungsfunktion, die das Gegenüber zu Antworten herausfordert.

Selbstfürsorge

Abgerundet wird das Buch von Empfehlungen zur Selbstfürsorge, ein besonders wichtiges Thema für alle Menschen, die mit Borderline-Betroffenen in Beziehung stehen – denn, um sich wirklich einlassen zu können, braucht es auch die Fähigkeit, sich abzugrenzen.

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer

Titel: Borderline begegenen
Autoren: Susanne Schoppmann, Matthias Herrmann, Christiane Tilly
Verlag: Psychiatrie-Verlag, Köln 2015