Die Beziehung zur eigenen Mutter
Immer wieder werden Mütter als schwierig, schuldig, „nicht fähig“ beschrieben. Kontaktabbruch zu den Müttern. Dabei erinnere ich mich immer wieder traurig, dass ja auch ich zu meiner Mutter den Kontakt abgebrochen habe. Ich habe lange unter ihrer Art und unserer Nicht-Beziehung gelitten. Heute weiß ich, dass unsere Lebensziele sich sehr stark unterscheiden und ich mit ihr nicht über die „Schwere und Ungerechtigkeit“ des Lebens sprechen will. Nach viel Arbeit, in der es für mich um Versöhnung mit meinem Leben ging, stelle ich immer wieder fest, dass Mutter IHR Bestes tat. Wenn ich ihre Lebensbedingungen sehe, dann weiß ich: „Sie tat und gab, was sie hatte und konnte.“ Dass sie ihr Leben nicht mit Therapie „auf die Reihe“ bringen wollte und will, ist ihr gutes Recht. Wie ich damit umgehe, ist meine Sache. Doch ich bin heute an dem Punkt, dass ich ihr im Stillen „Danke“ sagen kann.
Mutter-Sein
Ich bin selber Mutter von fünf Kindern. In den herausfordernden Situationen, die uns das Leben gab (und die kann ich manchmal nur als „zu schwer“ bezeichne), haben sowohl meine Kinder als auch ich auf die unterschiedlichsten Weisen reagiert. Meine Kinder waren zwischen 11 und 18, als sich mein Mann (vor 16 Jahren) das Leben nahm. In den Jahren danach habe ich nur geschaut, wie ich überleben kann. Gesucht, wie ich irgendwie mit dieser (totgeschwiegenen und mich beschämenden) Situation umgehe.
Meine zwei Jüngsten entwickelten psychische Erkrankungen, die uns alle oft überforderten. Immer wieder bekam ich Rat-Schläge. Auf eventuelle Hilfsleistungen wurde ich nicht hingewiesen. Und ich muss gestehen, dass ich sie eventuell nicht annehmen hätte können, denn ich suchte Vorbilder.
Meine Tankstellen und meine Kraftquellen
Heute weiß ich mehr. Heute darf ich zurückschauen auf Hilfe. Nicht im therapeutischen, sondern im alternativen Bereich. Ich darf den Boden unter meinen Füßen immer wieder wahrnehmen. Ich weiß um meine Tankstellen, um meine Kraftquellen, um meine Kompetenzen und Stärken. Und ich weiß um die Menschen, die mir zuhören. Die, bei denen ich SEIN darf.
Antworten finden
Ich habe noch viele Fragen. Oft keine Antworten darauf, wie ich mit meinem Sohn reden soll oder kann. Keine Antworten darauf, wie man reagieren soll, wenn aufgrund der Krankheit Rückzug oder ein überaus lauter Ausbruch mit Hass und Beschimpfungen erfolgt. Keine Antwort darauf, wie ich meine Grenzen am besten setze, wenn mir wieder jemand sagt, dass ich meinen Weg gehen und mich endlich von meinen Kindern lösen soll.
Manchmal gelingt es super. Ich habe ausprobiert, bin gefallen, Vieles ist auch gelungen. Manchmal bin ich einfach nur müde. Und es ist mir egal, was der andere meint, besser zu wissen, besser zu können.
Ich erlebe mit meinen Kindern auch sehr schöne, lustige Zeiten.
Wer bitte schaut auf mich?
Im KONTAKT 1 / 2020 gibt es eine Wunschliste an die Eltern. Wenn ich das lese, dann gibt es „ja, da mache ich viel davon“ (ich gehe mit dem Ältesten Klettersteige, fahre mit der jüngeren Tochter viele 100km Fahrrad, bin mit dem Jüngsten am Klavier, u.v.m.).
Doch es gibt einen Teil in mir, der ist nur wütend. Was soll ich denn noch alles?!?!?! Wer bitte schaut auf mich? Gibt mir die Erholungspause, von der es heißt „Wenn du nicht auf dich schaust, wer soll es dann tun?“
Da kommt eine Wut, die mich motiviert, in den nächsten fünf Minuten auf das Fahrrad zu steigen und an die Luft zu gehen, damit ich wieder ruhig atmen und weitergehen kann.
Und die mich ermutigt, im Sommer meinen Rucksack zu nehmen und zu gehen, um manches zu ordnen, was ich besonders in den Monaten seit Märzbeginn erlebt und gelernt habe.
Ulrike Längle, Vorsitzende HPE Vorarlberg
Foto: pixabay, Radosław Cieśla
