Die kleinen Dinge: 7 Angehörige über Nähe im Alltag

Ein Kaffee am Wochenende, gemeinsam Nägel lackieren oder Fußball schauen, Online-Scrabble spielen, ein Buchclub zu zweit oder zusammen im Garten entspannen? Gut in Beziehung zu sein und zu bleiben liegt oft in den kleinen Dingen. Sechs Angehörige erzählen von kleinen Ritualen, gemeinsamen Hobbies und Aktivitäten, die sie mit ihren betroffenen Familienmitgliedern verbinden.

Wir haben euch gefragt, welche kleinen Rituale, welche Hobbies oder Aktivitäten euch helfen, mit euren betroffenen Familienmitgliedern oder Freund:innen in Beziehung zu bleiben. Vielleicht können die folgenden Beiträge eine Inspiration für euch sein, vielleicht erinnern sie euch an etwas, was euch mit euren Lieben verbindet und vielleicht schenken sie euch einfach ein Lächeln. Vielen Dank für die Einsendungen!

 

Ein Ritual für mich und meine betroffene Schwester ist ein Morgen am Wochenende. Wir treffen uns zum Kaffee um die Neuigkeiten der Woche auszutauschen. 

Anfangs ist es mir schwergefallen, das richtige Maß an Kontakt zu finden. In Krisen sehe ich sie täglich, mehrmals wird telefoniert am Tag, dann gehe ich auf Abstand und es gab auch schon mehrere Wochen keinen Kontakt. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass es wichtig ist, dass ich auch in Krisen auf meine Bedürfnisse schaue, nur so kann ich auch in Liebe in Kontakt bleiben. Und auch der beständige Kontakt kann so gehalten werden. 

Um in Kontakt zu bleiben, wollen wir nun versuchen auch mal "ohne Erkrankung" zu leben, also bewusst nicht die Symptome besprechen, einfach so eine Pizza genießen und in die Welt schauen 🤭

Magdalena, Vorarlberg

 

Meine Mutter besitzt eine recht beachtliche Sammlung an Nagellacken. Immer, wenn ich sie im Wohnheim besuche, lackieren wir uns beide die Nägel. Das macht uns beiden Spaß. Nachdem ich nicht so der Nagellack-Typ bin, lackiere ich mir immer nur die Zehennägel, aber meine Mutter wünscht sich meistens das volle Programm. Wir spielen meistens auch eine Runde Mühle und Mensch ärgere dich nicht.

Andrea, Wien

 

Meine Mama hat Germanistik studiert und immer schon gern gelesen. Nach diversen Psychiatrie-Aufenthalten wurde das Lesen zu einer ihrer Hauptbeschäftigungen. Vor einigen Jahren hatte ich die Idee, einen Buchclub mit ihr zu gründen: Wir beide sind die einzigen Mitglieder. Seitdem suchen wir uns abwechselnd einen Roman aus, den wir gleichzeitig lesen und uns danach darüber austauschen. Das hat unsere Beziehung sehr gestärkt: Einerseits verbindet es uns, weil wir das nur miteinander teilen, andererseits eröffnen sich dadurch neue Gesprächsthemen, die über das Alltagsgeschehen hinausgehen. Und drittens habe ich es so geschafft, dem Lesen wieder mehr Raum in meinem Leben zu geben, was schon länger mein Wunsch war. 

Annalena, Wien

 

Ich lebe mit meinem Sohn, 35 Jahre alt und diagnostizierte Schizophrenie. Die psychische Erkrankung betrifft nicht nur meinen Sohn, sondern auch mich. Oft stelle ich mir die Frage für ihn da zu sein, ohne mich selbst zu verlieren? Ich bin draufgekommen, dass kleine, wiederkehrende Momente, die Verbindung schaffen. Wir sind beide große Sport- und Fußball-Fans (Sturm Graz). Dies verbindet und gerne sehen wir uns auch Spiele im TV gemeinsam an. Gemeinsame Zeit auf einem Bauernmarkt genießen wir auch. Dies ermöglicht Nähe, ohne Druck aufzubauen. Solche Gemeinsamkeiten schaffen Ausgleich und erinnern daran, dass das eigene ICH weit über Symptome hinausgeht. Ich habe gelernt, dass Zuhören, Aushalten und Da sein entlastender sein kann als gute Ratschläge.

Renate, Steiermark

 

Wir „scrabblen“ – unser Spieletreff im Internet

Vor mehr als vier Jahren entschloss sich unser betroffener Sohn, nach Graz zu übersiedeln und sich eine selbstbestimmte, unabhängige Existenz aufzubauen. Wir halten telefonisch Kontakt zu ihm und besuchen uns gegenseitig, so oft es geht. Ein besonderes Vergnügen für Mutter und Sohn sind unsere „Scrabble-Matches“, die wir über Computer und Handy abwickeln. Früher benutzten wir nur das Brettspiel, das ich aus England mitbrachte, eine zweite kleine Reiseversion liegt in Graz bereit. Am Ende wird das Spielbrett immer fotografiert und in der Bildergalerie gespeichert (siehe Foto Weihnachten 2025).

Wenn wir beide nicht am gleichen Ort sein können, nutzen wir ein kostenloses Spielangebot im Internet. 45 Minuten stehen zur Verfügung, um aus 7 zufällig zugelosten Buchstaben sinnvolle englische Wörter zu bilden. Das Tolle bei der Internetversion ist, dass sich lückenhafte Erinnerungen an ein Wort als Volltreffer entpuppen können – das freut uns beide! Das vorgegeben Zeitlimit lässt das Spiel nicht ausufern, wir wissen genau, wann Schluss ist und man sich anderen Dingen zuwenden kann. Dass ich viele Jahre Englisch unterrichtet habe, verschafft mir keinesfalls von vorn herein einen Vorteil, immer wieder muss ich ernüchternde Niederlagen einstecken – sehr zum Vergnügen meines Sohnes!

„Scabble“ begleitet uns schon seit vielen Jahren, trotz Unterbrechungen haben wir immer wieder zum Spielen zurückgefunden, weil wir eine ähnliche Begeisterung dafür empfinden. Natürlichen werden dabei „Sprüche geklopft“, denn der Spaß steht im Vordergrund. Die Tatsache, dass wir über „Hilfsmittel“ kommunizieren, beeinträchtigt die gemeinsam verbrachte Zeit nicht im Geringsten.

Irmgard, Tirol

 

Mein Sohn genießt es immer sehr speziell im Sommer zu mir nachhause aufs Land zu kommen und im Garten zu verweilen, zu relaxen und die Ruhe zu genießen. Ich koche dann eine seiner Lieblingsspeisen die wir gemeinsam essen. Manchmal sind auch kurze Spaziergänge auf einem speziellen Platz möglich. Er geht auch kurz ins nahe gelegene Bad, da Wasser immer ganz wichtig im Sommer zu Abkühlung für ihn ist. Für mich ist es immer noch wichtig, genau zu schauen, wie kann ich mich auf alles einlassen, damit ich mich nicht in einem inneren Stress befinde, damit wir beide ein gutes Miteinander haben können.

Gerade heute hat sich wieder eine Gelegenheit aufgetan eine gemeinsame Unternehmung zu planen. Schon die Planung eines gemeinsamen Termines ist ein in Kontakt treten und ein Prozess, der auch eine Herausforderung darstellt, da wir unterschiedliche Vorstellungen haben, bei meinem Sohn muss alles schnell gehen und ich brauche mehr Zeit, um die Aktivität zu planen und auszuführen. Wir wollen wieder einmal gemeinsam Shoppen gehen und das natürlich mit einem gemeinsamen Essen verbinden. Das begleitet uns schon viele Jahre. Auch immer wieder zu achten, welches Zeitlimit setzen wir uns, damit es nicht zu anstrengend für uns beide wird.

Ich erlebe bei solchen Unternehmungen, wieviel Freude und Zufriedenheit auch vorhanden ist. Wieder ist es wichtig, auch für mich als Angehörige, wie weit kann ich mich auf die Herausforderungen einlassen und wo achte ich auch ganz besonders auf mich.

Silvia, Niederösterreich

 

Eigentlich ist es gar nicht meine Art, Dinge für selbstverständlich zu nehmen. Aber durch oftmalige Enttäuschungen, Zurückweisungen oder ignoriert zu werden, war ich abgestumpft. Bei positiven Erlebnissen mit meinem Sohn sagte ich dann auch nichts, ganz nach dem Motto: "Nichts gesagt, ist Lob genug". Die Übung des Perspektivwechsels, also die Dinge aus dem Blickwinkel des Anderen zu betrachten, war dann hilfreich. Wie schön sind doch liebe Worte! Wenn wir uns nun kurze Nachrichten schreiben, weil der Andere grad schläft oder fort ist, endet es oft mit "Hab Dich lieb". Und beim Verabschieden gibt's nun öfters eine Umarmung. Obwohl es nur kleine Gesten sind, berühren sie uns beide emotional sehr und anfangs war auch Überwindung nötig. Es trägt aber sehr zu einer offenen, bejahenden Beziehung bei.

Franz