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Kerstin Samstag, Friederike Samstag

Wahnsinn um drei Ecken - Eine Familiengeschichte

Cover Buch

Was passiert in einer Familie, wenn ein 18-jähriger junger Mann an einer Schizophrenie erkrankt? Kerstin als Mutter und Friederike als Schwester des Erkrankten geben uns in vorliegendem Buch einen sehr intensiven und intimen Einblick in das, was wie eine „Naturkatastrophe“ über sie hereinbrach.

In kurzen Texten, in denen sie mosaikartig langsam ein Bild entstehen lassen, beschreiben Mutter und Tochter abwechselnd ihre Erlebnisse und Gefühle. Die fragmentarische Erzählweise spiegelt die Brüchigkeit und Unfassbarkeit der Erfahrungen. Rückblickend auf die acht Jahre Leben mit der Erkrankung des Sohnes/Bruders stellen die beiden im Vorwort fest: „Dass durch leidvolle Erfahrungen die Schönheit und der Wert des Lebens deutlicher erfahren werden, ist eine oft wiederholte Erkenntnis. Wir haben gemerkt, dass uns dies in der Krise nicht geholfen hat. Es war teilweise wie ein Verlust der sicheren Existenz der vertrauten Welt und der eigenen Handlungsmöglichkeiten. Aber wenn wir heute zurückschauen, können wir das Geschehene als wesentlichen Erfahrungsgewinn und gemeinsame Entwicklung schätzen.“(S. 11)

Ringen um Verständnis

Wie in ein „Loch“ wurde Friederike ins Bodenlose gezogen, als der „kleine“ Bruder erkrankt. Sie erlebt ihn als verloren in absoluter Kommunikationslosigkeit. Die Mutter beschreibt die Sprachverwirrungen auf der psychiatrischen Station, wo der der Sohn behandelt wird. Sie hat das Gefühl, dass er dort nicht verstanden wird, sie selbst fühlt sich nicht verstanden, es fällt ihr schwer, die Verantwortung abzugeben und ihn nicht mehr bei sich zu Hause aufzunehmen. „Meine Liebe und Fürsorge für meinen Sohn haben ihre Grenzen dort, wo es sich nicht mehr richtig und förderlich anfühlt. Weder für ihn noch für mich.“ (S. 27) Friederike beginnt sich von der Mutter enttäuscht abzuwenden - sie erträgt es nicht mehr, dass nur der Bruder mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht und sie ist wütend, ohne es sich zu gestatten, es sein zu dürfen. „Mein Gefühl war ständig: Ich darf mich auf nichts verlassen, ich darf keine Bedürfnisse haben und muss umgekehrt immer parat sein.“ (S. 39) Ein reger Schriftverkehr zwischen den beiden zeigt das Ringen um Verständnis, das gleichzeitig als Ringen der Tochter nach Abgrenzung und Ablösung von der Mutter deutlich wird. Friederike kämpft auch mit ihrem Körper, mit ihrer Essstörung. Das Philosophiestudium ist ihr Leben, hier kann sie ihre Energien und Begabung einsetzen, hier findet sie in den theoretischen Strukturen Halt, Erklärungen, auch Antworten auf ihre Fragen.

„Ich muss mich um ihn kümmern“

Die Mutter kämpft mit dem psychiatrischen Versorgungssystem und seinen „Ratschlägen“. Zu schnell, zu herzlos kämen Sätze wie „Sie haben ein Recht auf eigenes Leben.“ und „Sie sollten loslassen.“ Aufgefangen wird sie in einer Angehörigengruppe und durch die Lektüre von Büchern. Die Regeln des Krankenhauses erscheinen ihr undurchsichtig und bedrohlich und das Misstrauen wächst. Sie ist fast eins mit dem Leiden ihres Sohnes und öffnet ein Fenster in ihre eigenen biografischen Themen, die es ihr schwer machen, sich abzugrenzen, sich aus der Identifikation zu lösen. „Ich muss mich um ihn kümmern!“ Das ist seit vielen Jahren ein inneres Postulat, das aus meiner Brust in meinen Kopf hinaufsteigt. Ganz versteckt in meinem Inneren gibt es dazu aber auch einen Widerstand. Als gäbe es eine kleine Gruppe von Rebellen in einem autoritär geführten Land...Anpassung ist der einzige Weg. Ich kenne das gut aus meiner Kindheit. Wozu noch daran denken, was man wollen könnte? Was man fühlt und denkt, wird versteckt im Inneren, sodass man es manchmal selbst nicht mehr findet.“(S. 113) Die Tochter konfrontiert ihre Mutter mit der „Normalität“: „Aber bitte, wie normal ist es denn, wenn eine Erwachsene einen anderen Erwachsenen behandelt wie einen Zweijährigen? Mir fallen so viele Beispiele ein aus dieser Zeit, die mich heute noch rasend machen. Ich erinnere mich an den verunsicherten Blick des Kellners, wenn meine Mutter im Restaurant für meinen Bruder sprach, als könne er nicht für sich selbst sprechen. Ich erinnere mich an ganze Nachmittage, die größtenteils von meinem Bruder und seinen Bedürfnissen diktiert waren.“ (S. 102)

Den eigenen Ort finden

Die Auseinandersetzungen mit sich selbst, mit der Tochter, mit Freunden, mit anderen Angehörigen ermöglichen Kerstin langsam, sich selbst und ihr eigenes Leben wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Sie macht Psychotherapie, beginnt selbst eine Ausbildung zur Therapeutin. Sie wagt es, sich ihrem Sohn als Gegenüber zu zeigen und die Reaktionen sind: Positiv! „Ich will nicht mehr nur dir zuliebe bestimmte Sachen machen, setze ich an. Er reagiert nicht, schaut weiter in den Fernseher. Du willst das doch auch nicht, fahre ich fort, dass ich etwas nur dir zuliebe mache. Da stimmt er mir sofort zu. Das ermutigt mich, weiterzureden, jetzt bin ich im Fluss. Dir zuliebe etwas tun, das habe ich schließlich 25 Jahre lang gemacht, damit muss ja mal Schluss sein. Klar, sagt er.“ (S. 137)  „Den eigenen Ort finden“, so der Titel des letzten Kapitels - es hat den Anschein eines „happy end, eines Schlusspunktes. Aber keineswegs rosafarben oder blauäugig, harmonisch, naiv, sondern sehr bodenständig im Sinne von wieder mehr Boden unter den Füßen spüren. Eine Verortung im eigenen Inneren öffnet Räume in der äußeren Welt: Sich selbst und den anderen so annehmen, wie er/sie ist, die eigenen Grenzen akzeptieren, Unstimmigkeiten und Widersprüche aushalten, Perspektiven und Mut für die Zukunft. Und im Rucksack - hart erarbeitet durch die vielen guten und schlechten Erfahrungen - eine Fülle an Wissen und Handlungskompetenz für die weitere Reise.

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer


Autorinnen: 
Kerstin Samstag, Friederike Samstag
Verlag: BALANCE buch + medien verlag, Köln 2018
ISBN: 978-3867391719

 

 

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