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Jana Hauschild

Übersehene Geschwister

Cover Buch

Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter

Geschwisterbeziehungen gehören zu den längsten Beziehungen, die wir Menschen führen – unsere Geschwister begleiten uns oft von frühester Kindheit an bis ins hohe Alter. In Deutschland leben mehrere Millionen Menschen, die von der psychischen Erkrankung eines Bruders oder einer Schwester betroffen sind, dennoch gehören diese Menschen zu den „vergessenen Angehörigen“. Sie werden von den Fachleuten und oft auch von ihren Eltern übersehen, „fallen aus dem Sichtfeld“ und werden somit unsichtbar. Jana Hauschild, die Autorin, Journalistin und selbst Schwester eines Bruders, der an Borderline leidet, möchte diesen unsichtbaren und damit wortlosen Geschwistern mit vorliegendem Buch eine Sprache geben. Wir begegnen 12 Brüdern und Schwestern, die teilweise schon seit ihrer frühesten Kindheit von der psychischen Erkrankung eines Geschwisterkindes belastet waren. Sie haben den Mut und die Kraft, ihrem Erleben Worte zu geben, sich zu Gehör zu bringen.

Gefühlschaos und betäubte Gefühle

Im ersten Teil des Buches werden einerseits ihr Gefühlschaos, andererseits ihre betäubten Gefühle zum Thema, ihr Schmerz, ihre Trauer, ihre Wut, ihre Schuldgefühle, immer wiederkehrende Todesängste bei Suiziddrohungen. Dennoch bleibt bei vielen dieser Geschwister der „Funke Zuneigung“ erhalten. „Hasse die Krankheit, nicht die kranke Person.“ (S. 62), so lautet das Motto der US-Geschwisterorganisation, und es gelingt wirklich vielen dieser Menschen, zu guter Letzt doch in Liebe ihrem kranken Geschwister verbunden zu bleiben.

 

Familienbanden

Der größte Abschnitt des Buches wird den „Familienbanden“ gewidmet, ist es doch immer das gesamte Familiensystem, das von der psychischen Erkrankung „verrückt“ wird. Die familiären Beziehungen sind oft von großer Nähe und Fürsorge geprägt, die gesunden Geschwister übernehmen Elternfunktionen für die erkrankte Person, sind ihre Verbündeten, vermitteln zwischen den Familienmitgliedern, spenden ihren Eltern Trost und sind der Sonnenschein ihrer Familien. Dabei kommt ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung zu kurz. Reinhard Peukert, langjähriger Aktivist der deutschen Geschwisterbewegung beschreibt die Distanzierungswünsche der Geschwister als „Familienflucht“, eigene Lebenswege können oft nur durch radikale Distanz, manchmal auch durch Kontaktabbrüche, fortgesetzt werden. Eine Schwester, die den Spagat zwischen Nähe und Distanz bereits geschafft hat, beschreibt in der Reflexion diesen Weg wie folgt: „Man muss nicht loslassen, aber man darf nicht mehr daran festhalten.“ (S. 79)


Um ihre belastenden Erfahrungen durch die Erkrankung eines Bruders / einer Schwester zu verarbeiten, brauchen die Geschwister selbst Unterstützung. Viele dieser Menschen erkranken selbst zwar nicht manifest an einer psychischen Erkrankung, zeigen aber selbst starke Einschränkungen in den Möglichkeiten, ihr eigenes Leben unbelastet führen zu können und ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Besonders wenn schon ihre eigene Kindheit und Jugend stark von der Erkrankung überschattet war, werden sie in ihrer Entwicklung aufgehalten, „wie eine Frucht, die zu grün vom Baum genommen wurde und keine Chance hatte, weiterzuwachsen und zu reifen“ (S. 140), zieht eine amerikanische Psychologin den Vergleich. Die Prägung durch die Erkrankung hat aber nicht nur negative Folgen, denn die erfolgreiche Bewältigung von Belastungen führt zu Stärke und Reifung und kann auch einen großen Gewinn für das eigene Leben darstellen. „ Die Erkrankung der Schwester, des Bruders hat mich zu dem gemacht, wer ich heute bin.“ betonen zahlreiche Geschwister“ – im Negativen wie im Positiven.

 

Nicht in der „Kümmerer-Rolle“ festgenagelt werden

 

Nicht zuletzt muss gewürdigt werden, dass die gesunden Geschwister eine sehr große Leistung für ihre Familien erbringen können und sie auch hilfreich für die Therapie sind. „Die Geschwister in Behandlungsgesprächen dabei zu haben, ist für alle Beteiligten ein Gewinn.“ (S. 187) sagt der bekannt deutsche Psychologe Thomas Bock. Doch Geschwister sollen nicht in der „Kümmerer-Rolle“ festgenagelt werden, sie können und müssen die Eltern nicht ersetzen. Sie sollen und dürften in der Beziehung zu ihrem erkrankten Geschwister andere, eigene Wege beschreiten und nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Damit dieses eigene Leben, die eigene Zukunft beginnen kann – nämlich JETZT, gibt es am Ende des Buches einen guten Überblick über hilfreiche Adressen und Literaturempfehlungen.

Schön, dass es endlich ein deutschsprachiges Buch gibt, in dem die Geschwister der Erkrankten die Hauptrolle spielen!



Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer


Autorin:
Jana Hauschild
Verlag: Beltz Verlag, Weinheim Basel 2019
ISBN: 978-3-407-86505-2

 

 

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