HPE-Logo
Bundesland wählen: map
A|A|A

BApK e.V. (Hg.)

Mit psychischer Krankheit in der Familie leben

Cover Buch Mit psychischer Krankheit in der Familie leben

Das vorliegende Buch ist die Neuauflage des vom deutschen Bundesverband der Angehörigen e. V. (BApK) erstmals 1996 mit dem Titel: „Jetzt will ich´s wissen“ herausgegebenen Ratgebers für Angehörige und bildet einerseits den Wandel innerhalb der Psychiatrie, andererseits die Entwicklungen der Angehörigen-Selbsthilfe in den letzten 20 Jahren ab.Im Vorwort schreibt Eva Straub, die langjährige Vorsitzende des Landesverbandes Bayern, wie der Bundesverband zu einer kompetenten Interessensvertretung der Angehörigen psychisch Erkrankter geworden ist – mit dem Wermutstropfen, dass sich „die Hoffnung der ersten Generation, durch und mit dem Bundesverband und den Landesverbänden eine politisch relevante Kraft zu schaffen, wie es etwa die „Lebenshilfe“ im Bereich der geistig behinderten Menschen zweifellos ist, bis heute nicht ganz erfüllt hat.“ (S. 10)

Angehörige kommen zu Wort

Im ersten Teil des Buches kommen MitarbeiterInnen der Angehörigenbewegung zu Wort. Ich möchte exemplarisch einige Beiträge und Zitate herausgreifen, die sich mir besonders eingeprägt haben.

  • Susanne Heim, die sich seit 1984 in der Angehörigenselbsthilfe engagiert und sich selbst als „altgediente Angehörige“ bezeichnet, macht sich in ihrem Aufsatz „Unermüdlich und allzeit bereit“ darüber Gedanken, wie hilfreich selbstlose Angehörige sind. Sie fordert vehement die Achtung und Beachtung der Angehörigen, da sie die Hauptlast der außerklinischen Versorgung tragen und fordert aber gleichzeitig von den Angehörigen selbst die Bereitschaft zur Reflexion und Veränderung ihrer Helferrolle. Sie kommt zum Abschluss zu folgendem Resümee: „Ich habe begriffen:
    • dass es meinem Sohn nichts nützt, wenn ich mir schade oder schaden lasse;
    • dass er nicht gesunden kann, wenn ich mich seinetwegen kränke;
    • dass wir uns gegenseitig strangulieren, wenn ich leide, weil er leidet – und er leidet, weil ich leide, weil er leidet … und am Ende keiner mehr weiß, worum es geht, was mein ist und was dein.
    Ich tue also gut daran, die Verantwortung für mich und mein Lebens selbst zu übernehmen.“ (S. 20)
  • Eva Straub beschreibt in ihrem Beitrag „Verantwortung und Selbstbestimmung“ diese Gratwanderung der Angehörigen, eine gute Balance zwischen Sorge für den Erkrankten und Selbstfürsorge zu finden und was ihrer Meinung nach dabei hilft: Wissen über die Erkrankung und das Einholen von Informationen bei allen Beteiligten (Profis, anderen Angehörigen, Psychiatrie-Erfahrenen und vor allem Gespräche mit dem eigenen erkrankten Familienmitglied). Kritisch pocht auch sie, wie davor schon Susanne Heim, auf die Eigenverantwortung der Angehörigen: „Je mehr der Angehörige bei der Betreuung des psychisch Kranken Verantwortung übernimmt oder aus Selbstüberschätzung an sich zieht, umso weniger Selbstbestimmung bleibt ihm. Gefangen in den eigenen Ansprüchen und nicht selten in gesellschaftlichen Konventionen, kümmert er sich schließlich um alles, verliert das Gefühl für sich selbst und seine Belastungsgrenzen. Es gehört eine gehörige Portion Selbstbewusstsein dazu, zu seinen Bedürfnissen zu stehen, ohne Schuldgefühle zu entwickeln.“ (S. 26 – 27)
  • Julia Stolpp eröffnet in ihrem Aufsatz „Dann fahr ich halt!“ mit einer selbst erlebten Alltagssituation, wo sie eines der Hauptprobleme von Kindern psychisch Erkrankter thematisiert: Die spontane Verantwortungsübernahme der Kinder bis zur Übernahme der Elternrolle, wenn sie erleben, dass die Eltern diese aufgrund der Erkrankung nicht mehr übernehmen können. Besondere Sorgen bereitet ihr die Tatsache, dass es wohl viel Wissen darüber gibt, dass häufig in Familien psychische Erkrankungen generationenübergreifend auftreten und ein großer Teil der Kinder selbst mit psychischen Schwierigkeiten, auch mit eigenen Erkrankungen zu kämpfen hat, es aber gleichzeitig für diese Risikogruppe kein Unterstützungsangebot gibt. Dieser Feststellung kann ich mich nur anschließend: Nach wie vor gibt es in Wien kein Beratungsangebot für Kinder, die in Familien mit psychischer Erkrankung leben müssen! Ein Skandal.

Nach den Angehörigenberichten folgen Beiträge von sehr namhaften Professionellen im deutschsprachigen Raum (u.a. Prof. Asmus Finzen, Prof. Josef Bäuml) zu den Themen: Psychische Erkrankungen, Psychopharmaka, Psychotherapie, Psychoedukation, Versorgungssysteme und Gesetz von A – Z.

„Wie sag ich´s bloß“

Besonders hervorheben möchte ich noch einen Beitrag von einer Psychologin und Psychotherapeutin, Claudia Dahm-Mory, die sich in dem Artikel „Wie sag ich´s bloß“ mit Kommunikationstechniken im Umgang mit den erkrankten Familienmitgliedern beschäftigt. Auch aus ihrer Perspektive der Arbeit mit Angehörigen scheint das schon erwähnte Verantwortungsthema und die Rollendiffusionen in den Familien („Bin ich jetzt Mutter/Schwester/Partnerin oder bin ich Psychotherapeutin, Sozialarbeiterin, Krankenschwester etc.) zentral zu sein. Nachdem sie Grundlegendes über Kommunikationstechniken erklärt hat, geht sie näher auf spezielle Merkmale der Kommunikation mit psychotischen PatientInnen ein und entwirft sehr brauchbare Regeln, die für Angehörige als Leidfaden hilfreich sein können.

Dieses äußerst gelungene Buch ist realitätsnah und deckt alle Themen und Fragen ab, die Angehörigen durch den Kopf gehen. Gratulation dem Bundesverband und seinen MitarbeiterInnen!

Für Sie rezensiert: DSA Daniela Schreyer

Autoren: BApK e.V. (Hg.)
Verlag: BALANCE Buch + Medien Verlag
ISBN: 978-3867390880

Zurück zu: Bücher & DVDs zu psychischen Erkrankungen