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Felix Longolius, Charlotte Krüger

Ich mag mich irren. Mein Leben zwischen Wahn und Wirklichkeit

Cover Buch

Felix Longolius ist im Alter von 22 Jahren an Schizophrenie erkrankt. Gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Charlotte Krüger hat er in dem vorliegenden Buch seine persönlichen Erfahrungen mit dieser Erkrankung niedergeschrieben. Im Vorwort schreibt er: „Wenn es möglich ist, beim Lesen meiner Geschichte in eine andere Realität einzutauchen – und dann beim Aufblicken klarer zu sehen als vorher -, wäre einiges erreicht“ (S. 18). Dieses Buch macht in meinen Augen beides möglich, sowohl das Eintauchen in gleichzeitig erschreckende und faszinierende Wahnwelten als auch einige Erkenntnisse über die Erkrankung und den Umgang damit – zum Teil erhellend, zum Teil ernüchternd.

Grenzen zwischen Realität und Fantasie 

Der Beginn der Erkrankung ist der Ausgangspunkt der Erzählung. Zunächst sind es einzelne Erfahrungen, in denen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Doch allmählich werden die scheinbar bedeutungsvollen Erlebnisse immer häufiger und intensiver. Beim Lesen folgt man Felix Longolius in eine schillernde Parallelwelt (er selbst beschreibt den Beginn seiner Erkrankung als „Fall in den Kaninchenbau“ (S. 30), in einer Anspielung an „Alice im Wunderland“).

Felix Longolius findet sich in einer Welt wieder, in der er Zugriff auf ein riesiges telepathisches Netzwerk hat. Er erlebt es als seine Mission, als „Weltpolizei“ die Menschheit zu retten. Politische Ereignisse sind plötzlich beeinflussbar, wenn auch nicht kontrollierbar. Nicht nur Heldentaten beschäftigen ihn, sondern auch die Liebe – seine Auserwählte, die ihn im wahren Leben nicht beachtet, schickt ihm verheißungsvolle Botschaften. Doch er muss bald die Erfahrung machen, dass all diese positive Aufregung schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Die Psychose wird sogar lebensbedrohlich für ihn.

In den Wahnphasen schwer erreichbar

Die Realität hält in weiterer Folge ganz andere Dinge für ihn bereit: Einweisungen, Akutpsychiatrie (in mehreren Ländern), Medikamente, Betreuungsverfahren, Begutachtungen, besorgte und hilflose Freunde und Verwandte. „Für meine Freunde und Verwandten war ich in meinen Wahnphasen schwer erreichbar, wenn ich nicht gerade etwas von ihnen wollte. Sie hatten keinen Zugang zu meiner Welt, die mir so viel faszinierender und bedeutungsvoller erschien als die, in der ich sonst lebte – und auch sie“ (S. 165).

 

Ich mag mich irren

 Bedeutungsvoll ist auch der Titel des Buches: „Ich mag mich irren“. Zum einen kommt darin die neugierige und hinterfragende Haltung des Autors zum Ausdruck. Er zieht es zwar in Betracht, dass seine besonderen Erfahrungen nur Zeichen einer veränderten Hirnchemie sind, aber er ist nicht vollständig davon überzeugt. Zum anderen spielt der Titel auch auf seine „Sehnsucht nach dem Wahn“ (S. 109) an – er mag es, sich zu irren. „Ich frage mich, wie sich die „Normalen“ in Sachen Realität immer so sicher sein können. Irren sie denn nie? Und warum darf ich nicht irren? Heißt es nicht, irren sei menschlich?“ (S. 108).

Seine Auseinandersetzung mit den Symptomen der Schizophrenie ist abwechselnd eher distanziert und theoretisch, dann wieder sehr persönlich: „Das, was sie [die Stimmen] mir sagen, entspringt meinem eigenen Innern, meinen Gefühlen, Ängsten, Sorgen und Wünschen – kurz, all dem, woraus mein Denken besteht. Wenn mich also die Stimmen bestimmen, dann bestimme ich mich immer noch selbst. Selbst-Bestimmung“ (S. 147).

Felix Longolius gibt in diesem Buch sehr tiefe und ehrliche Einblicke in sein Leben zwischen Wahn und Wirklichkeit, und das auf ausgesprochen humorvolle, sympathische und berührende Weise. Mit vielen sprachlichen Bildern und Wortspielen schafft er es, die subjektive Seite der Schizophrenie ein wenig begreifbarer zu machen.

 


Für Sie rezensiert: Judith Reiss

Autor: Felix Longolius, Charlotte Krüger

Verlag: Bastei Lübbe, 2017

ISBN: 978-3785726051

 

 

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