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Jo Becker, Daniela Schlutz

Experten für Eigensinn

Cover Buch

Berichte gelungener Zusammenarbeit bei herausforderndem Verhalten, erzählt von Klienten, Angehörigen und Fachkräften

„Schwierige Klienten bleiben nicht schwierig“ – dieser Mut machende Satz in der Einleitung fasst zusammen, was dieses Buch vermitteln will. Der Initiator der Idee, der Psychiater Jo Becker, schöpft aus langjähriger Berufserfahrung seiner Tätigkeit in der Rehabilitation von speziell schwierigen seelisch kranken Menschen. Wenn immer wieder Schwierigkeiten bei der Eingliederung in betreute Systeme auftreten, bedeutet das eine enorme Herausforderung für die BetreuerInnen und MitbewohnerInnen.

 

Lebensgeschichten aus verschiedenen Perspektiven erzählt

Der Hauptteil des Buches schildert 20 derartig problematische Schicksals-Geschichten, die in authentischen Kurzberichten aus jeweils drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. Der/die KlientIn kommt ausführlich zu Wort, aber auch seine betreuende Bezugsperson und meist auch ein Familienmitglied. Es ist spannend zu vergleichen, dass die trialogisch aufgestellten verschiedenen Sichtweisen keineswegs immer deckungsgleich zusammenpassen. Verschiedene Lebens-Ausschnitte können durch den Perspektivenwechsel sehr unterschiedliche Bedeutung bzw. Wichtigkeit erlangen. Im Mittelpunkt steht aber bei allen Berichten die positive Entwicklung des/der KlientIn.


Um ein Beispiel zu nennen, das Thema „Ordnung und Sauberkeit“ kann, wenn nicht genügend ernst genommen, bis zu Wohnungsverlust und Obdachlosigkeit führen. Einfühlsame BetreuerInnen können auch in aussichtslos scheinenden Fällen mit viel Geduld und Wohlwollen in Gesprächen auf Augenhöhe durch Förderung kleinster Lernschritte gute Fortschritte erzielen. Wenn die Verbesserung der Lebensqualität erkannt wird, wächst auch das Vertrauen des Klienten. Manchmal ist es wichtig zu vermitteln, dass nicht die Person kritisiert wird, sondern beispielsweise die Tatsache der Unordnung der Stein des Anstoßes ist – es zeigt sich also, dass konstruktive Kritik auch nötig und zielführend sein kann. Dabei ist es auch wichtig, dass es zu einvernehmlichen Vereinbarungen ohne Nötigung, also ohne Veränderungs-Druck von außen kommt. Dazu ist es unerlässlich, eine empathische Beziehung zum Klienten aufzubauen, ohne die das Handeln des Klienten kaum beeinflusst werden kann.

Wertschätzung, Toleranz und Flexibilität

Gegenseitige Wertschätzung ist ja die Grundlage für gelingende Zusammenarbeit. Auch beim Modell des Wohnens in einer Gastfamilie, das in zwei Geschichten vorgestellt wird, spielen Toleranz und Flexibilität, die Art des „So – Sein - Lassens“ eine wichtige Rolle. Das gelingt ganz natürlich bei professionell- emotionaler Distanz wesentlich leichter als in der Herkunftsfamilie. Dort muss ja erst der Schock, die Trauer, die Enttäuschung über nicht erfüllte Erwartungen durch die Erkrankung des geliebten Familienmitglieds aufgearbeitet werden. Dabei kann es auch für Angehörige hilfreich sein, eine therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das Dilemma, helfen zu wollen, aber völlig andere Vorstellungen von Lebensqualität, von gelungenem Leben zu haben als der Erkrankte, erschwert die Situation zusätzlich.


Das Hauptziel des Buches ist, wie eingangs erwähnt, die Unterstützung der in der Gemeindepsychiatrie tätigen  Betreuerinnen und Betreuer. Durch die trialogische Form der Darstellung der Lebensgeschichten wird erfreulicherweise auch für besseres Verständnis der Situation der Angehörigen gesorgt. Außerdem wird im zweiten Teil des Buches auf leicht verständliche Weise die veränderte Wechselwirkung der kognitiven und der emotionalen Bewusstseinsebene bei einer psychischen Erkrankung erklärt und auf die Wichtigkeit einer wertschätzenden, empathischen Beziehung nochmals hingewiesen. Aus der gewissen natürlichen Distanz des professionellen Umgangs kann das oft leichter sein als aus der Nähe des Angehörig-Seins. Empathische Beziehung beginnt bei non-verbaler Kontaktsuche durch Blickkontakt, Körperhaltung. Oft melden sich Störfaktoren wie Ärger, Ungeduld. Als hilfreiches Gegenmittel wird „verstehendes Fragen“ in Form von Wiederholungsfragen empfohlen, aber auch die „Königsdisziplin“ verbaler Kommunikation, der Humor mit seiner emotionalen Botschaft: Ich vertraue Dir. „Humor ist nicht nur gemeinschaftsstiftend, sondern auch geeignet, angespannte Situationen zu entspannen!“ Am Beispiel von Lutz R. wird das deutlich, als er lernt, gemeinsam mit seiner Freundin wieder zu lachen.

 

Grundhaltung von Zuversicht und Ermutigung

Genauso wichtig ist nach Meinung des erfahrenen Praktikers eine Grundhaltung von Zuversicht und Ermutigung. „Sie können sicher sein: Ihre Klienten spüren, ob Sie auf eine Besserung vertrauen.“  Positive Beispiele, wie die Berichte in diesem sehr empfehlenswerten Buch können helfen, auch in schwierigen Situationen zuversichtlich zu bleiben. Viele der Klienten drücken auf verschiedene Weise Ähnliches aus wie beispielsweise Carolin B.: „Die Betreuer sehen mich positiv und ermutigen mich, nehmen mich als Person so wie ich bin. Das tut mir sehr gut“. Und die Schwester eines Klienten formuliert es ähnlich: „Anderen würde ich raten ,…, sich auf das zu konzentrieren, was zählt: Hoffnung vermitteln und Liebe zeigen“.

 


Für Sie rezensiert: Hedwig Nechtelberger


AutorInnen:
Jo Becker, Daniela Schlutz
Verlag: Psychiatrie-Verlag 2019
ISBN: 978-3884149225

 

 

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