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Stephen P. Hinshaw

Eine andere Art von Wahnsinn

Cover Buch

Vom langen Schweigen und Hoffen einer Familie

Die „andere Art von Wahnsinn“, von der Stephen Hinshaw, selbst Professor für Psychologie und Psychiatrie in Kalifornien, spricht, ist das beklemmende, erzwungene Schweigen über psychische Erkrankungen in Familie und Gesellschaft. Für den Sozialpsychiater Asmus Finzen ist das Stigma – insbesondere bei schizophrenen Erkrankungen – wie eine „zweite Erkrankung“.

„Mein Vater verschwand immer mal wieder für Wochen oder Monate ohne Erklärung in einem dieser schrecklichen Krankenhäuser. Wenn er zurückkam, taten wir so, als wäre alles in Ordnung. Das hat uns viel Kraft gekostet. Vielleicht hätten wir alle ein freieres, reicheres und erfüllteres Leben führen können, wenn das Thema offen angesprochen worden wäre.“

In der vorliegenden Autobiografie schreibt Hinshaw über sein Aufwachsen in einer gebildeten, bürgerlichen Familie im Amerika der 50er-Jahre und bricht mit diesem Buch das Schweigen. Er schreibt sich frei, möchte kein Träger eines Familiengeheimnisses mehr sein – denn „Erzwungenes Schweigen macht gefühllos.“ Stephans Vater, Universitätsprofessor an der philosophischen Fakultät in Ohio, litt an einer bipolaren Erkrankung mit psychotischen Symptomen. Die Mutter vertuschte über Jahre das regelmäßige „Verschwinden“ des Vaters, er war einfach weg, den Angstphantasien der Kinder war Tür und Tor geöffnet. Sogar die Ärzte animierten dazu, Kindern nichts zu erzählen, denn es war in den 50er Jahren noch untersagt, dass Familienangehörige Details über die Erkrankung ihres Familienmitglieds erhielten.

Der Sohn wird zum Vertrauten des von ihm bewunderten Vaters, mit dem er in regelmäßigen Gesprächen über dessen Vergangenheit, seine Erlebnisse und seine philosophischen Gedanken zu sprechen beginnt. Der Junge hörte zu, er spürte, dass Nachfragen nicht erwünscht war. Erst mit 18 Jahren enthüllte ihm der Vater sein Geheimnis. „Ich hoffe, dass die Erzählung der Geschichte meines Vaters, die Vermittlung der Notlage unserer Familie und die Enthüllung meines eigenen Lebenswegs vielleicht auch mit dabei helfen können, das Blatt zu wenden.“ (S. 331)

Hat sich dieses Blatt nicht schon gewendet? Die Psychiatrie, deren Haltungen und die Menschen, die darin arbeiten, sind kaum mehr mit denen vor 60 Jahren vergleichbar, vieles hat sich zum Positiven gewandelt. Die Scham allerding, die mit psychischen Erkrankungen verbunden ist, ist nach wie vor allgegenwärtig. Nach wie vor wird in den Familien viel Energie, die benötigt würde, die Erkrankung konstruktiv zu bewältigen darauf verwendet, diese zu verleugnen und zu verschweigen. Es braucht diesen Mut und die Offenheit, wie sie der Autor dieses Buch hat, um den Teufelskreislauf zu durchbrechen – dieser Auftrag richtet sich an uns alle!



Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer


Autor:
Stephen P. Hinshaw
Verlag: Psychiatrie-Verlag, Köln 2019
ISBN: 978-3966050333

 

 

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