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Der Schock war erstmal groß

Die Mutter eines an Schizophrenie erkrankten Sohnes spricht über die Hürden, die sie überwinden musste, um die Erkrankung ihres Kindes als Teil ihres Lebens zu akzeptieren, und wer und was ihr dabei geholfen hat.


Wenn man erfährt, dass sein Kind eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis hat, ist erst einmal der Schock groß - es ist noch nicht möglich, die Erkrankung zu akzeptieren. Was und wer haben Ihnen in dieser Anfangsphase geholfen?
Sonja: Am meisten hat mir das WISSEN über psychische Erkrankungen geholfen. Da es in unserer Familie schon eine psychische Erkrankung gab, war mir das Thema nicht ganz unbekannt. Um die notwendigen Antworten zu bekommen, war es wichtig, FRAGEN ZU STELLEN. Wenn diese Fragen von den behandelnden Ärzten meines Sohnes nicht beantwortet werden konnten, wurde ich weiterverwiesen. So habe ich mir dann auch bei HPE Hilfe geholt, Fachliteratur gelesen und im Internet gestöbert.


Psychische Erkrankungen werden im Vergleich zu körperlichen Erkrankungen immer mit Schuld in Verbindung gebracht (schlechte Erziehung, schlechter Lebensstil etc.) Die Angst, vor den negativen Gedanken oder Aussagen der Mitmenschen (z.B. „kein Wunder bei der Familie“) ist groß. Was antworten Sie Menschen, die schlecht über Familien mit psychischen Erkrankungen denken?
Sonja: Leider gab es auch bei uns Schuldzuweisungen von außen. Eine Ärztin hat – sicher gutmeinend – einmal zu mir gesagt: „Sie brauchen sich keine Sorgen machen, Sie sind ja eh nicht alleine schuld.“ Ich habe mir dann als Entgegnung folgende Argumente zurechtgelegt, die eigentlich immer gewirkt haben: 1) Ich habe nach bestem Wissen meine Kinder erzogen. Ich habe alles getan, was in meinen Möglichkeiten stand. Die Erkrankung war nicht absehbar, ich hätte sie nicht verhindern können und habe mir daher auch nichts vorzuwerfen. 2) Laut Statistik erkrankt jeder 100. Mensch an Schizophrenie, das sind ca. 200.000 Personen alleine in Wien. Wir sind nicht die einzige Familie, in der solche Erkrankungen vorkommen. Es kann jeden treffen, niemand ist davor geschützt.


Viele Menschen schämen sich dafür, wenn jemand in ihrer Familie psychisch erkrankt. Sie neigen dazu, nach Ursachen der Erkrankung im eigenen Fehlverhalten zu suchen („Wenn ich das damals (nicht) gemacht hätte, wäre sie/er nicht krank…“). Gibt es Ausweg aus dieser Selbstentwertung?
Sonja: Ich habe mich in der Anfangszeit sehr geschämt und mich auch viel gerechtfertigt. Es war mir sehr unangenehm, mit Freunden über die Erkrankung meines Sohnes zu sprechen. Schizophrenie ist noch immer mit vielen Ängsten verbunden. Wenn die Diagnose Depression gelautet hätte, wäre es mir sicher leichter gefallen, darüber zu reden. Da haben mir sehr die Selbsthilfegruppen bei HPE geholfen, wo ich ohne Bewertung angenommen wurde. Dort habe ich auch gesehen, dass es noch viel tragischere Schicksale als unseres gibt. Sehr wichtig für mich war natürlich das Verständnis meiner Familie und wichtiger Freunde.


Viele Menschen tun sich schwer, fremde Hilfe, vor allem psychiatrisch/psychologische Hilfe anzunehmen. Was würden Sie diesen Menschen raten?
Sonja: Die Ängste vor professioneller Hilfe sind unbegründet. Ich kann nur raten, jede Unterstützung anzunehmen, die es gibt. Unsere Erfahrung ist es, dass man Hilfe bekommt, wenn man bereit ist, Hilfe anzunehmen. Gegen den Krankenhausaufenthalt meines Sohnes habe ich mich anfangs auch gewehrt, bis ich einsehen musste, dass es die einzig richtige Entscheidung war. Besonders wichtig ist es, sofort mit den Ärzten zu reden, wenn Unsicherheiten auftauchen. Sehr schwierig war es für mich zu sehen, dass es mit meinem Sohn in der ersten Woche im Krankenhaus noch weiter abwärts ging. Die Information, dass diese Erstverschlechterung normal ist, war für mein Verständnis enorm wichtig. Ich habe von meinen Eltern die Haltung mitbekommen, dass man allen Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen kann, d.h. man schaut nicht auf andere Leute hinunter, aber man muss auch nicht hinaufschauen, auch nicht bei Autoritäten wie es Ärzte sind. Wichtig ist es, SICH NICHT ABWIMMELN zu lassen. Wenn die Ärzte in der Klinik gerade keine Zeit hatten, habe ich immer sofort gefragt: „Wenn es jetzt nicht geht, wann ist er/sie für mich zu sprechen.“ Wichtig ist es auch, die schwere Arbeit der Professionellen wertzuschätzen. Ich habe viele engagierte Personen kennengelernt. Der anfänglich distanzierte Umgang der Ärzte mit den Angehörigen ist normal. Man kennt sich noch nicht, mein Sohn ist erwachsen, man muss einander erst einmal „abtasten“. Ich finde es auch wichtig, die andere Seite im Auge zu haben. Letztlich geht es immer wieder darum, auszuhalten, dass es für uns Angehörige einfach viele unangenehme Situationen gibt, die man nicht ändern kann - und dafür gibt´s auch Unterstützung, z.B. Psychotherapie, Beratung, Selbsthilfegruppen.


Woran erkennen Sie in Ihrem Leben, dass es Ihnen gelungen ist, die Erkrankung Ihres Sohnes „angenommen“ zu haben?
Sonja: Indem ich dieses Interview geben kann. Ich kann über die psychisch Erkrankung meines Sohnes reden, ohne dass es mir unangenehm ist. Die Erkrankung ist ein Teil meines Lebens geworden. Meinem Sohn geht es besser, und ich durfte an meinem Sohn durch diese schreckliche Erkrankung auch Eigenschaften kennenlernen, die ich vorher nicht wahrgenommen habe, z.B., dass ich ein unglaublich kämpferisches Kind habe.

Sie haben einen sehr offenen, optimistischen Umgang mit der Erkrankung Ihres Sohnes gefunden. Was hilft Ihnen dabei, sich diese positive Haltung zu bewahren?
Sonja: Es ist aus heutiger Sicht eine wichtige Erfahrung für uns alle, dass wir eine extrem schwierige Situation gut bewältigen konnten. Mein Sohn hat eine Krise in seinem Leben überstanden und lebt heute, wie er selbst sagt, mit weniger Ängsten als davor – dieser Erfolg macht ihn stark. Positiv stimmt mich auch, dass es so viele gute Institutionen gibt, die einen nicht alleine lassen. Mit Hilfe vom Psychosozialen Dienst haben wir ein gutes Netzwerk aufgebaut, das auch tragfähig ist, sollte es wieder eine Krise geben. Ja, und um positive Dinge zu sehen, darf man sie nicht übersehen, man muss bewusst darauf hinschauen.

 

 

Fotos von oben: Rosel Eckstein / pixelio.de; Maren Beßler / pixelio.de; luise / pixelio.de