Zusammen wachsen

Helene und Hubert Beitler

Psychose, Partnerschaft und Familie

Zu den Themen Partnerschaft und Familie gibt es unzählige Ratgeber – schließlich geht es hierbei um grundlegende menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte in Verbindung mit hohem Konfliktpotenzial. Der Ratgeber von Helene und Hubert Beitler ist jedoch in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich.

Psychose und Partnerschaft - unvereinbar?

Allein das Thema an sich ist etwas Besonderes. Die Begriffe Psychose und Partnerschaft mögen zunächst als miteinander unvereinbar erscheinen. Doch schon in der Einleitung mit dem Titel Partnerschaft trotz Psychose stellen die Autoren klar: „Ein psychisch kranker Mensch hat wesentlich mehr Eigenschaften, als nur psychisch krank zu sein, und ein (potenzieller) Partner wird sich für den ganzen Menschen interessieren“ (S.11). Die Herausforderungen, die eine Psychose für Partner und Familien mit sich bringt, können Helene und Hubert Beitler zufolge bewältigt werden. Das verheiratete Paar spricht hier aus eigener Erfahrung, was eine weitere Besonderheit des Buches darstellt.

Schauermärchen werden entkräftet

Die Autoren vermitteln ein ausgewogenes Bild des Lebens mit an Psychose erkrankten Menschen. Sie entkräften somit die Schauermärchen, die in den Köpfen vieler Menschen verankert sind. Dennoch wird nichts beschönigt. Es werden vielfältige Problembereiche aufgezeigt. Diese sind im Buch übersichtlich zu Themenschwerpunkten gegliedert. Der erste Teil des Buches widmet sich den Herausforderungen, die sich dem Paar während einer Krise stellen (Das Leben mit der Krise). Hier werden Themen wie Frühwarnzeichen, Kommunikation und Krankheitsmanagement angesprochen. Um Das Leben nach der Krise geht es im zweiten Teil. Dieser Abschnitt behandelt unter anderem persönliche Krisenkonzepte und berufliche Re-Integration. Der dritte Teil beschäftigt sich damit, was Das Leben mit psychosekranken Kindern für Familien bedeutet. Dabei werden z.B. Absprachen in der Familie und der Umgang der Geschwister miteinander thematisiert.

Bedürfnise nach Nähe und Sexualität

Auch auf das Thema Sexualität wird eingegangen: „Grundsätzlich gilt, dass psychisch kranke Menschen die gleichen Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Lust haben wie alle anderen Menschen auch.“ (S. 62). Diese Bedürfnisse werden oft übersehen; ebenso wie die Belastung, die Betroffene bei Libidoverlust (als häufige Nebenwirkung der Medikamente) erleben.

Zum Umgang mit Medikamenten bietet das Buch ebenfalls einige hilfreiche Anregungen. Die Vor- und Nachteile von Psychopharmaka werden sowohl aus der Sicht der Betroffenen als auch der Angehörigen beleuchtet. Neben allgemeinen Informationen finden sich in diesem Buch ebenso konkrete Ratschläge, z.B. zum Verhalten gegenüber Nachbarn und der sonstigen Umgebung.

Offener und ehrlicher Umgang

Es werden jedoch nicht alle Fragen eindeutig beantwortet. Stattdessen wird vermittelt, dass es oftmals notwendig ist, gemeinsam auszuloten, was für alle Beteiligten vertretbar ist. Der Einbezug der gesamten Familie in Entscheidungen wird empfohlen. Vor allem der Wille der Kinder sowie deren Schutz sollten berücksichtigt werden. Die Autoren sprechen sich generell für einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander aus. So könne man eine Überforderung des Betroffenen sowie der Angehörigen am ehesten vermeiden. Es gilt, einen Mittelweg zwischen Schonung und Entlastung auf der einen Seite sowie Förderung von Verantwortungsübernahme und erwachsenem Verhalten auf der anderen Seite zu finden.

Erleben von Menschen mit Psychosen

Zahlreiche kurze Fallbeispiele veranschaulichen Erleben und Verhalten von Menschen mit Psychosen. Auf diese Weise werden häufige Missverständnisse im Miteinander aufgezeigt und das gegenseitige Verständnis gefördert. Viele der Hinweise in diesem Ratgeber sind jedoch auch auf Partnerschaften mit anderen Belastungen und Krisen anwendbar.

Schwierigkeiten stärken, Krisen bringen näher

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die hoffnungsvolle Einstellung, die der Titel vermittelt, durch das gesamte Buch zieht. Es wird beschrieben, dass Partner und Familienmitglieder durch gemeinsam erlebte Schwierigkeiten stärker werden, also zusammen wachsen können, und dass eine Krise die Beteiligten einander näher bringen kann, sodass sie zusammenwachsen. Dass die Informationen und Anregungen aus erster Hand stammen, macht dieses Buch umso glaubwürdiger und auch umso ermutigender.

Mag. Judith Reiss

AutorInnen: Helene und Hubert Beitler
Verlag: Marbus Verlag
ISBN: 978-3863211578