Wellentäler

Dokumentarfilm von Daniel Dajakaj, Alexander Topf, Katharina Heller

Ein Beitrag gegen Stigmatisierung von psychisch erkrankten Menschen

Im Sommer 2014 starteten drei Studierende der Fachrichtungen Medientechnik und Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Pölten die Produktion des Dokumentarfilms „Wellentäler“. Katharina Heller, Sozialarbeiterin, schreibt im booklet, dass es ihnen vor allem um eines geht: Aufklärungsarbeit zu leisten und zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beizutragen. Dazu kommen ExpertInnen in eigener Sache (Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige) und Profi-ExpertInnen (Sozialarbeiter, Ärzte, etc.) zu Wort.

„Man muss nicht immer was sein… man ist ein Mensch und muss als Mensch akzeptiert werden.“

, sagt Kurt Senekovic, der als Protagonist durch den Film führt. Kurt leidet seit vielen Jahren an einer bipolaren Erkrankung und hat aus der persönlichen Betroffenheit heraus den Verein Achterbahn in Graz (<link www.achterbahn.st _blank - "Verein Achterbahn">www.achterbahn.st</link>) gegründet. Für sein Engagement in der Selbsthilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen hat er die Auszeichnung „Grazer des Jahres“ erhalten.

Bilder der Manie und der Depression

Die ProduzentInnen des Films zeigen prägnante, ja schöne Bilder, sowohl sprachlich als auch optisch. „Manie ist, in den 10. Stock zu fahren, obwohl nur 5 Stöcke vorhanden sind.“ so Kurt Senekovic, der immer wieder im Zwiegespräch mit seiner Frau zu sehen ist. Es habe ihm sehr geholfen, dass sie in den Zeiten seiner schweren Depressionen einfach da war. Auch wenn er sie nicht nah zu sich heran gelassen hat, nicht auf sie reagieren konnte, manchmal auch nicht in die Wohnung gelassen hat, hat er sie gespürt, vor allem ihre Akzeptanz, dass er Ruhe braucht. Der Gesundungsweg sei hart, wie mit dem „Rad auf einen Berg hinauffahren, man fragt sich immer wieder <warum tust du dir das an>, aber, nicht aufgeben,  wenn man oben steht, dann wird man belohnt, dann kommt die Entschädigung.“.

Geschichte der psychiatrischen Versorgung

In einem sehr spannenden kurzen Abriss wird die Psychiatriegeschichte im letzten Jahrhundert aufgerollt. Erst 1975 wurde im „Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“, der Psychiatrie Enquete in einem umfassenden Bericht auf die menschenunwürdigen Zustände in der Betreuung psychisch kranker Menschen hingewiesen und von der Sachverständigenkommission essentielle Grundsätze für die Gestaltung der psychiatrischen Versorgungslandschaft postuliert: „Die psychiatrische Krankenversorgung ist grundsätzlich ein Teil der allgemeinen Medizin. Demgemäß muss das System der psychiatrischen Versorgung in das bestehende System der allgemeinen Gesundheitsvorsorge und -fürsorge integriert werden. Dem seelisch Kranken muss prinzipiell mit dem gleichen Wege wie dem körperlich Kranken optimale Hilfe unter Anwendung aller Möglichkeiten ärztlichen, psychologischen und sozialen Wissens gewährleistet werden.“

Diskriminierung in der Arbeitswelt und in den Medien

Als weiterer Bereich der Diskriminierung wird die Arbeitswelt thematisiert, wo es definitiv ein Nachteil ist, eine psychische Erkrankung ehrlich anzusprechen, weil Dienstgeber damit eine geringere Leistungsfähigkeit assoziieren. Vom Experten der Arbeiterkammer gibt es ganz konkret die Empfehlung, Lücken im Lebenslauf zu kaschieren und schon im Vorfeld für die Bewerbungsgespräche „gute“ Antworten vorzubereiten, denn „bewertet werden Merkmale – nicht Menschen und die Barrieren in den Köpfen der Menschen verschwinden einfach nicht.“

Besonders zornig zeigt sich Kurt Senekovic darüber, wie Straftaten von Menschen mit psychischen Problemen medial ausgeschlachtet werden (Stichwort: Germanwings), um die Sensationslüsternheit der Menschen zu bedienen und damit Vorurteile systematisch gefestigt werden. Er sei sich klar darüber, dass es immer Menschen geben wird, die nicht damit umgehen können, aber jeder soll bedenken, dass Krankheiten zum Leben gehören und keiner einen Freibrief hat, dass es ihn nicht erwischt.

Angehörige gegen (Selbst-)Stigmatisierung

Als Angehörige spricht die Vorsitzende der HPE-Burgendland, Mag. Angelika Klug. Ihr größtes Anliegen ist es, dass Angehörige die Selbst-Stigmatisierung, d.h. die negative Bewertung der eigenen Person aufgrund der psychischen Erkrankung in der Familie bekämpfen. „Je mehr man dazu steht, umso mehr kann man dem Stigma entgegenwirken. Seit ich mich geoutet habe, machen die Menschen mir gegenüber <auf>…Es tut einfach gut, darüber reden zu können.“ Darüber hinaus ist für sie der Blick auf den psychisch kranken Menschen viel zu sehr auf die Defizite gerichtet, man müsse vielmehr die tollen Eigenschaften und Fähigkeiten dieser Menschen in den Mittelpunkt rücken!

Ich kann „Wellentäler“ nur wärmstens für jede Fortbildung – vor allem von Personen, die mit psychischen Erkrankungen nur am Rande zu tun haben – empfehlen!

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer

Dokumentarfilm von Daniel Dajakaj, Alexander Topf, Katharina Heller
2015, Spieldauer: 43 Minuten, Redwire Media