Wahnsinnig nah

BApK / Familienselbsthilfe (Hg.)

Eine neue umfassende Informationsschrift hat der deutsche Schwesternverein von HPE, der BApK (Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen), kürzlich herausgegeben.
Mehrere fachlich spezialisierte Autoren haben jeweils in detaillierter Form die wichtigsten Probleme, mit denen psychisch Kranke und deren Kontaktpersonen konfrontiert sind, sehr übersichtlich in einzelnen Kapiteln behandelt, und zwar unter dem Motto, sich Hilfe zu holen, wenn man das Gefühl hat überfordert zu sein.

Erfahrungen

Den Einstieg unter dem Titel „Erfahrungen“ bilden einige authentische Erfahrungsberichte von verschiedensten Angehörigen: Vom neunjährigen Sohn einer psychisch erkrankten Mutter, von Geschwistern und Freunden, die sich verantwortlich fühlen bis zu Eltern, die lernen müssen, mit schwierigsten Situationen in Psychiatrie-Dschungel umzugehen. Eine kurz gefasste Darstellung der häufigsten Krankheitsbilder und der Grundlagen der Behandlung bringt wenig Neues für langjährig Erfahrene, aber wichtige Information für Neueinsteiger.

Hilfe und Selbsthilfe

Im letzten Teil findet man einen Überblick über verschiedene Hilfsangebote und über Möglichkeiten der Selbsthilfe, auch speziell für Angehörige. Da erhebt sich die Frage: Wo steht Österreich im internationalen Vergleich?  Aber auch was die Versorgung in Deutschland betrifft, muss zugegeben werden, dass nicht in allen Regionen alle Angebote vorhanden sind und die Finanzierung oft schwierig ist. 

Tipps für den Alltag

Als Beispiel der pragmatischen Art der Themen-Behandlung zitiere ich kurz (S. 65) zum Thema „Wahnvorstellungen“, dem Thema dieses Heftes:  „Wenn der Betreffende Wahnvorstellungen äußert, sollten Angehörige sagen, was sie von seinen Gedanken halten. Gleichzeitig sollten sie deutlich machen, dass auch sie nicht allwissend sind und nicht mit Gewissheit behaupten können, wer die Welt richtig sieht. Werten Sie wahnhafte Vorstellungen nicht ab. Versuchen Sie das Verhalten des Betreffenden zu verstehen und fragen Sie ihn nach den Gründen für sein Verhalten.“

Tipps zu Thema Medikamente

Eine sehr ehrliche Stellungnahme ist dankenswerter Weise von Dr. Friedrich Leidinger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie seit 40 Jahren und Vorstandsmitglied bei BApK, über den Gebrauch von Medikamenten, speziell auch von Antipsychotika (vormals Neuroleptika) zu finden (S. 111 f.). Sie können die Schizophrenie nicht heilen, es kommt nach dem Absetzen leider oft zu Rückfällen. „Daher wird allgemein empfohlen, die Antipsychotika auch nach dem Abklingen der Symptome über längere Zeit (oft mehrere Jahre) einzunehmen…..Das Absetzen sollte nur unter fachärztlicher Begleitung und in kleinen Schritten über einen längeren Zeitraum geschehen“.

Bei der Auflistung der unerwünschten Nebenwirkungen scheut er sich auch nicht, vor den Wechselwirkungen zwischen verschiedenen oft gleichzeitig angewendeten Psychopharmaka zu warnen und empfiehlt, jeweils nur ein antipsychotisches Medikament und nur die niedrigste wirksame Dosis zu verordnen. Außerdem ist fortlaufende fachärztliche Kontrolle mit regelmäßigen Blutuntersuchungen und EKG-Kontrollen unbedingt notwendig. 

Tipps für die Kommunikation 

Besonders hinweisen möchte ich auch noch auf das Kapitel der Dipl. Psychologin Claudia Dahm-Mory: „Denkanstöße für eine gelingende Kommunikation“ (S.118 ff). Darin wird klar und leicht verständlich auf wesentliche Kommunikations-Probleme und ihre möglichen Lösungen eingegangen. Z.B. interessant ihre Zugangsweise über den Hinweis auf die „Beziehungsbrille“, die unsere Wahrnehmung so filtert, dass sie immer wieder die gleichen Gesprächsmuster, und damit auch Missverständnisse wiederholt. So entstehende (Fehl)interpretationen und Gedanken beeinflussen unsere Gefühle, unseren Selbstwert, manchmal auch unseren Körper (Herzklopfen, Magendrücken…) Ein Vorschlag zu einer gütlichen Lösung wäre ein Perspektiven-Wechsel, was hieße, die Brille des Anderen aufzusetzen! 

Eine ausführliche Literaturliste von aktueller Literatur findet sich nicht nur am Ende jedes einzelnen Kapitels, sondern ergänzend auch am Ende des im Ganzen gesehen sehr hilfreichen Buches. 

Titel: Wahnsinnig nah. Ein Buch für Familien und Freunde psychisch erkrankter Menschen
Autor*in: BApK / Familienselbsthilfe (Hg.)
Verlag: Psychiatrie Verlag, Balance Ratgeber, 2021
Für sie rezensiert: Daniela Schreyer