Vom Erfahrenen zum Experten.

Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff, Thomas Bock

Wie Peers die Psychiatrie verändern.

Was im Suchtbereich schon lange erfolgreich praktiziert wird, wird nun auch in der allgemeinen Psychiatrie zunehmend umgesetzt: Unterstützung von Betroffenen durch Betroffene (Peer-Support). Menschen, die selbst psychische Krisen durchlebt und in der Regel auch psychiatrische Dienste genutzt haben, nehmen aktiv an der psychiatrischen Versorgung teil.

Psychiatrieerfahrene als Genesungsbegleiter

Im Zentrum des Buches „Vom Erfahrenen zum Experten“ steht das EU-Projekt „Experienced Involvement“ (EX-IN), das bereits in mehreren Ländern Peer-Ausbildungen anbietet. Psychiatrieerfahrene werden zu Dozenten und Genesungsbegleitern ausgebildet und können somit ihre Erfahrungen auf vielfältige Weise nutzbringend einsetzen. In über 20 Beiträgen verschiedener Autoren werden diese Chancen, aber auch die Risiken der Peer-Arbeit aufgezeigt. Dabei werden neben der EX-IN-Ausbildung auch andere deutsche und internationale Projekte vorgestellt. Vor allem in den Erfahrungsberichten von Peers und professionell Tätigen wird deutlich, welche Bereicherung Peer-Arbeit darstellen kann: AusbildungsabsolventInnen reflektieren ihre persönlichen Erfahrungen und teilen diese mit professionellen HelferInnen sowie Angehörigen, nutzen ihre Sensibilität in der Begleitung von Menschen in Krisen, geben anderen Betroffenen Mut und gewinnen an Selbstvertrauen durch die sinn- und anspruchsvolle Tätigkeit. Gleichzeitig werden die Herausforderungen und Hindernisse in der Zusammenarbeit ehrlich benannt – dazu zählen der Mangel an bezahlten Beschäftigungsmöglichkeiten, die Konkurrenz zwischen Psychiatrieerfahrenen und Professionellen, Überforderung oder Rollenkonflikte.

Selbstbefähigung und Genesung

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Peer-Projekten, dass sie ganz im Zeichen von „Empowerment“ (Selbstbefähigung) und „Recovery“ (Genesung) stehen. In mehreren Beiträgen stößt man auf diese Schlagworte. In Verbindung mit diesen werden gängige Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit hinterfragt und die Mängel und Grenzen der traditionellen Psychiatrie aufgezeigt. Die Herausgeber des Buches, Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff und Thomas Bock, hoffen auf eine Weiterentwicklung der Psychiatrie zu einer wirklichen Erfahrungswissenschaft, die eine gleichberechtigte Begegnung auf Augenhöhe von Experten aus Erfahrung, ihren Angehörigen und professionell psychiatrisch Tätigen ermöglicht. Das Buch zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es aktuelle Entwicklungen in der psychiatrischen Versorgung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Insgesamt vermittelt es Zuversicht, dass positive Veränderungen durch Offenheit und Engagement möglich sind. Gyöngyvér Sielaff formuliert diese Hoffnung in einem ihrer Beiträge so: „Wenn wir großes Glück haben und uns sehr umeinander bemühen, dann kann es passieren: Dann ist der Mensch die beste Medizin für den Menschen“.

Autoren: Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff, Thomas Bock (Hg.)
Verlag: Psychiatrie-Verlag 2009
ISBN: 978-3884144701