Umgang mit wahnkranken Menschen

Petra Garlipp, Horst Haltenhof

Der Wahn gilt sicherlich als zentrales Phänomen der Psychiatrie schlechthin – rätselhaft, bizarr, unheimlich aber auch faszinierend - konfrontiert er uns mit der Brüchigkeit aber auch der Kreativität der menschlichen Seele. Aus dem Beratungsalltag in der HPE wissen wir, dass Wahnvorstellungen bei psychisch erkrankten Familienmitgliedern zu den Symptomen zählen, welche die Angehörigen am meisten belasten. Nichts verunsichert, irritiert, ja ängstigt mehr, als wenn ein geliebter Mensch plötzlich in seiner Wahrnehmungs- und Gedankenwelt derart „ver-rückt“, dass das grundlegende einer Beziehung, die geteilte Realität, verloren geht.

Vom Sinn des Wahn-Sinns

Die AutorInnen des vorliegenden Buches aus der bekannten und bewährten Reihe des Psychiatrie-Verlages „Basiswissen“ vertreten ein mehrdimensionales Wahnverständnis:
„Wir verstehen einen Wahn daher im Wesentlichen als einen – gegebenenfalls durch biologische Prozesse begünstigten – psychoreaktiven, aus biografischer und psychodynamischer Perspektive vielfach nachvollziehbaren Bewältigungsversuch einer unbewältigten Lebensthematik – seines es persönliche Verfehlungen oder zwischenmenschliche Konflikte, seien es körperliche Einschränkungen oder organische Erkrankungen.“(S. 8)
So geht es den AutorInnen, die die Behandlung wahnkranker Menschen aus der Perspektive einer humanistischen Psychiatrie sehen,  immer um eine Haltung des Verstehen-Wollens und um die Suche nach einem möglichen Sinngehalt des Wahn-Sinns.

Eine extrem intensive Erfahrung

Im ersten Teil des sehr gut strukturierten, übersichtlichen Buches mit vielen Merksätzen und noch mehr Fallbeispielen, die auch durch ein bloßes Hineinschmökern zum Erkenntnisgewinn beitragen, geht es um Begriffsdefinitionen, zentrale Merkmale des Wahns, häufige Wahninhalte und angrenzende Phänomen wie Tagträume und Glaubenssysteme.
„Nicht die Wahninhalte definieren den Wahn, sondern die Realitätsgewissheit, die Unkorrigierbarkeit und der starke Ich-Bezug.“ (S. 25) Der Wahn wird in jedem Fall als extrem intensive Erfahrung beschreiben, in der die Welt nur noch mit eigenen Augen gesehen werden kann.

Im Folgenden werden die Faktoren und Umstände für Wahnentstehung beschrieben und die AutorInnen weisen darauf hin, dass Wahn etwas allgemein Menschliches ist: „Prinzipiell ist jeder Mensch wahnfähig.“ (S. 39) Da Wahnvorstellungen bei vielen Störungsbildern vorkommen können, beschäftig sich ein weiteres Kapitel mit der Diagnostik und den unterschiedlichen Grunderkrankungen, bei denen Wahnphänomene auftauchen können.

Die Lebenswirklichkeit des anderen anerkennen

Fast die Hälfte des Buches ist dem Umgang mit und der Behandlung von wahnkranken Menschen gewidmet.
„Wir werden dem Kranken nur gerecht, wenn wir diese seine eigene Lebenswirklichkeit als solche anerkennen und ernst nehmen, niemals indem wir sie als Wahn oder Einbildung abtun. Damit stoßen wir den Kranken weg – weiter in seine Einsamkeit.“ (S.73)
Wichtig ist es, einen „Konsens über den Dissens“ (S. 74) zu erzielen und nicht mit dem Betroffenen über eine gültige Realität zu streiten. „Wir sehen das momentan unterschiedlich und sollten es daher zunächst nebeneinander stehen lassen.“ (S. 74)
Die AutorInnen weisen darauf hin, dass das Beharren auf Krankheitseinsicht nicht konstruktiv und Einsichtigkeit auch nicht Voraussetzung für eine gelungene therapeutische Beziehung ist: „Bei der Behandlung eines wahnkranken Menschen sollte die Bedeutung einer – aus professioneller Sicht – mangelnder Krankheitseinsicht nicht überschätzt werden. Der Therapeut sollte stattdessen umso mehr versuchen, eine vertrauensvolle gemeinsame Basis mit dem Betroffenen zu finden. Wenn erste Erfolge, zum Beispiel eine Abnahme der Angst oder ein erholsamer Schlaf, verzeichnet werden, stellt sich häufig eine Akzeptanz der Behandlung ein, ohne dass sich der Betroffene gänzlich vom Wahn distanziert hat.“ (S.76)

Gefährdung für und durch wahnkranke Menschen

Auch einem nur sehr ungern ins Auge gesehenem Thema, der Gefährdung für und durch wahnkranke Menschen wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Fremdgefährdung und selbstschädigendes Verhalten von Patienten mit wahnhaftem Erleben müssen im Sinne der Sicherheit immer genau eruiert werden, um wenn notwendig auch als letztes Mittel der Wahl Zwangsmaßnahmen zu setzen.

Macht Wahn Sinn? Nach der Lektüre dieses Buches ein noch einmal eindeutigeres JA!

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer

Autoren: Petra Garlipp, Horst Haltenhof
Verlag: Psychiatrie Verlag, 2015
ISBN: 978-3884145746