Stigma psychische Krankheit

Asmus Finzen

Zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzuweisungen und Diskriminierungen. Asmus Finzen ist der Altmeister unter den Schizophrenie-Experten. Er war Psychiater in leitenden Stellungen an renommierten Krankenhäusern in Deutschland und in der Schweiz.

Alle Antistigma-Kampagnen haben nichts gebracht...

„Stigma wird man nie beseitigen können, alle Antistigma-Kampagnen haben nichts gebracht“ sagte vor etwa zwanzig Jahren Professor Asmus Finzen in einem Gespräch zu mir. Diese Aussage erstaunte mich. Nun liegt vor mir sein neues Buch. Hat Finzen etwa seine Meinung geändert? Nein, das hat er nicht, sondern er erklärt, was er mit diesem Urteil gemeint hat.

Asmus Finzen ist der Altmeister unter den Schizophrenie-Experten. Geboren 1940 engagiert er sich seit vielen Jahrzehnten für Menschen, die an Leiden aus dem schizophrenen Formenkreis erkrankt sind. Er war Psychiater in leitenden Stellungen an renommierten Krankenhäusern in Deutschland und in der Schweiz Er ist der Verfasser von zahlreichen Veröffentlichungen und anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Schizophrenie. Er war bereits zur der Zeit, als die Angehörigen ebenso wie die Kranken ausgegrenzt und beschuldigt wurden, verständnisvoller Unterstützer und Förderer ihrer Emanzipation.

Überwindung von Stigma, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen

In seinem Buch setzt sich Finzen mit der Frage auseinander, was bisher schief gelaufen ist und wo er Hoffnung für die effektivere Überwindung von Stigma, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen sieht. Er spannt einen großen Bogen von der Geschichte der Benennung der Erkrankung als Schizophrenie über den historischen und gegenwärtigen Stand des Umgangs mit der Krankheit und stellt die Frage, ob die Vorurteile, Ausgrenzung, Stigmatisierungen, mit denen der Name behaftet ist, tatsächlich unabänderlich sind.

Die „Zweite Krankheit“

Bereits der Name der Erkrankung versetzt die Betroffenen und ihre Angehörigen in Angst und Schrecken. Historisch wird er mit gewalttätigen, unberechenbaren Personen assoziiert. Finzen nennt das Stigma, mit dem Schizophrenie behaftet ist, die Zweite Krankheit. Der bekannte österreichische Psychiater Hans Strotzka (1917- 1994) hat das ähnlich ausgedrückt. Er pflegte zu sagen: „Die psychisch Kranken leiden nicht nur an einer minderwertigen Gesundheit, sie leiden auch an einer minderwertigen Krankheit“. Die „zweite Krankheit“ ist nicht minder schädigend als die Grunderkrankung. Sie beschädigt das Selbstwertgefühl und wird zum Genesungshindernis ersten Ranges. Wie kommt es, dass psychische Leiden „minderwertige Krankheiten“ sind? Sind sie doch Krankheiten wie alle anderen. Niemand würde Menschen, die an Diabetes leiden oder einen Herzschrittmacher haben, als minderwertig ansehen.

Warum die bisherigen „Antistigma-Aktionen“ wirkungslos waren

Den Grund warum nach Finzens Meinung die Anti-Stigma-Kampagnen ins Leere gegangen sind, sieht er darin, dass es ein vergeblicher Kampf gegen die öffentliche Meinung war. Die Hetze gegen die psychisch Kranken wird von den Sensationsmeldungen der Massenmedien gefördert: „Die Lehrmeinungen von gestern sind die Vorurteile von heute“. Was ist mit den „Lehrmeinungen von gestern“ gemeint? Es ist die Sicht, dass Geisteskranke gefährlich, gewalttätig und unberechenbar sind, und dass Geisteskrankheiten unheilbar sind.

Antistigma-Arbeit von unten

Wenn die bisherige Antistigma-Arbeit, die im Wesentlichen aus Bemühungen bestand, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, kaum wirksam war, so muss man, laut Finzen, den Kampf gegen die Stigmatisierung „von unten“ führen. Wie kann das gehen? Es gibt hier eine Anzahl von Beispielen:

  • Man kann überschaubare Teile der Gesellschaft direkt anzusprechen, indem man Aufklärung und Information an politische Amtsträger, Schüler, Polizisten usw. direkt heran trägt, ebenso auch an Personen, die beruflich in der Psychiatrie beschäftigt sind, denn viele von ihnen teilen die Vorurteile.
  • Hilfreich sind auch „Outings“ von Prominenten, die ein Gegenbild vom unzurechnungsfähigen Patienten zeichnen, wie es etwa durch die Darstellung des schizophreniekranken Nobelpreisträgers John Nash im Film A beautiful Mind geschehen ist. Andere bekannte Persönlichkeiten, die psychisch krank waren und Vorbildwirkung haben, sind die Maler Vincent van Gogh und Edvard Munch und die Dichter Friedrich Hölderlin, Heinrich Kleist und August Strindberg.
  • Eine wichtige Rolle zum Abbau von Vorurteilen haben autobiographische Veröffentlichungen von Betroffenen geleistet. Hier ist in erster Linie das Buch von Sophie Zerchin Auf der Spur des Morgensterns zu nennen, ein Bestseller, der bereits in der 3. Auflage erschienen ist (Paranus-Verlag 2010)
  • Finzen setzt große Hoffnungen auf die Organisationen von Angehörigen und Betroffenen als Vermittler. So sieht er Trialoge, wo Betroffene, Angehörige und Professionelle einander auf Augenhöhe begegnen als hilfreich. Er nennt viele Initiativen von Betroffenen in Selbsthilfe-Organisationen. Dies betrifft aber vor allem Deutschland. In Österreich sind solche Initiativen noch schwach, werden aber von Organisationen wie Pro mente unterstützt.

Die Angehörigenbewegung als erfolgreiches Beispiel

Ein Beispiel für erfolgreiche Antistigma-Arbeit „von unten“ haben die Angehörigenorganisationen geliefert. Noch in den siebziger Jahren waren sie als Störenfriede und Verursacher der Krankheit angesehen und mit Schuld und Schande überhäuft. Heute sind solche Schuldzuschreibungen selten geworden und gehören nicht mehr zum State of the Art. Die Wandlung des Bildes der Angehörigen vom „Ungehörigen“ zur Ressource ist zum größten Teil den Angehörigenorganisationen zu danken. Sie haben sich in großen Verbänden international zusammengeschlossen. Diese haben sich erfolgreich gegen Vorurteile eingesetzt, haben ihre Einbeziehung eingefordert, haben ihre Stimme gegen Missbräuche erhoben und wurden schließlich gehört.

Bezüglich der Kranken ist der Freispruch von Vorurteilen bisher nur in sehr bescheidenem Maß gelungen. Was meint Finzen dazu? Seine Zusammenfassung und Schlussfolgerung unterstreicht seine Sicht, dass man angesichts der abwertenden öffentlichen Wahrnehmung von psychisch Kranken resignieren muss: „Wenn es so ist, dass man mit Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit nicht gegen den Zeitgeist ankommt, muss man seine Strategien… überdenken. Es ist leichter dem einzelnen Kranken in seiner persönlichen Situation zu helfen, die Folgen der Diskriminierung und Stigmatisierung aufzuarbeiten und dabei sein Selbstbewusstsein zu stärken als „die Öffentlichkeit“ davon zu überzeugen, dass psychisch kranke Menschen ganz anders sind als manches Vorurteil uns weismachen möchte“.

Maria Dorothea Simon
Autor: Asmus Finzen
Verlag: Psychiatrie Verlag (2013)
ISBN: 978-3884145753