Schizophrenie ist scheiße, Mama!

Janine Berg-Peer

Dieser Ausspruch ihrer erkrankten Tochter war möglicherweise der Anstoß für die Autorin, über ihre Erfahrungen durch ihr Leben mit ihrer Tochter zu schreiben. Warum gibt es so wenige authentische Berichte von Angehörigen? Wenn man plötzlich aus heiterem Himmel in der Familie mit der Diagnose Schizophrenie konfrontiert ist, gerät man in eine existenzielle Extremsituation. Man braucht alle Energiereserven, um den Schock selbst zu verarbeiten und auch, um so schnell wie möglich schadensbegrenzende Maßnahmen für den betroffenen Angehörigen zu treffen. Die Gedanken kreisen nur mehr um das Problem, wie man dem Angehörigen helfen kann. Wenn es sich dazu um das eigene Kind handelt, erhöht sich der Druck noch, da es sich auch um einen Teil des eigenen Lebensmittelpunktes handelt, der plötzlich zusammenzubrechen droht. Oft fehlen dann die Worte für das Unfassbare.

Ein Anruf aus England

Die Autorin Janine Berg-Peer beschreitet einen mutigen Weg: Sie dokumentiert ihre Erfahrungen mit der Krankheit ihrer jüngsten Tochter von Anfang an und gleichzeitig die Lernschritte, die sie setzen muss. Lena ist 17 Jahre, Internatsschülerin in England, als ihre Mutter Jahre nach der Trennung von Lenas Vater gerade wieder beruflich neu durchstartet. Ein alarmierender Anruf aus England durchkreuzt ihre Pläne. Bald ist klar, dass Lena ärztliche Hilfe benötigt. Der zermürbende Weg durch den Dschungel der Psychiatrie beginnt. Es sind Situationen, wie sie viele von uns kennen – freundliche, aber schweigsame Schwestern bei der Aufnahme auf die Station, unerreichbare, später auch nicht sehr auskunftsfreudige ÄrztInnen, bestenfalls mit Belehrungen statt hilfreicher Information. Ängstliche Nachbarn gehen auf Distanz,Verwandte und Freunde versuchen zu helfen und zu raten, aber leider auch zu kritisieren, qualvolle Fragen nach Ursachen und Schuld tauchen unweigerlich auf. Janine muss lernen, mit der neuen Situation umzugehen.

Atmosphäre von Ruhe & Freundlichkeit

Nur eine Ärztin von der jugendpsychiatrischen Station erweist sich als wirklich hilfreich: „Sie hätten nichts ändern können, niemand kann das. Vielleicht hätten sehr erfahrene Psychiater Frühwarnzeichen erkennen können, aber wie sollten Sie auf die Idee kommen, einen Psychiater hinzuzuziehen? Bitte denken Sie daran, dass psychisch Kranke starke Eltern brauchen. Wenn Sie sich mit Ihren Schuldgefühlen beschäftigen, können Sie Lena nicht bei ihrer Gesundung unterstützen.“ (Zit. S.37). Sie überzeugt Janine von der Notwendigkeit und Richtigkeit, ihrer Tochter Grenzen zu setzen und gleichzeitig für eine Atmosphäre von Ruhe und Freundlichkeit, ja Reizarmut, zu sorgen, um durch Gelassenheit und äußere Ordnung auch in Lenas Kopf wieder Ordnung weg vom bedrohlichen Chaos zu bringen. Dabei ist es für Janine hilfreich, aus beruflichen Gründen ein normales Leben führen zu müssen.

Es lohnt sich Risiken einzugehen

Nach mehreren Monaten wird Lena endlich entlassen und die Odyssee durch den „sozialpsychiatrischen Dschungel“ (S. 70) beginnt: Lange Wartezeiten auf einen Platz in der Tagesklinik, in einer betreuten Wohngemeinschaft, auf einen Volkshochschulkurs für die Mittlere Reife, für eine leichte Teilzeitbeschäftigung – und dazwischen immer wieder Klinik-Aufenthalte in der Art der „Drehtürpsychiatrie“. Auch ein Lernprozess für Lena, um Warnzeichen vor Rückfällen zu erkennen, aber dazwischen den Alltag möglichst selbständig zu bewältigen. Es ist bewundernswert, wie Lena durch alle krankheitsbedingten Wirren hindurch beharrlich ihr Ziel verfolgt, den Realschulabschluss zu schaffen, und der Erfolg gibt ihr Recht, entgegen den Warnungen einiger Ärzte und BetreuerInnen, sich zu überfordern. Lena und ihre Mutter lernen, dass es sich für den Gewinn eines Stücks normalen Lebens lohnt, Risiken einzugehen, z.B. auch zu verreisen und so einen Rückfall in Kauf zu nehmen als Preis für die Freude, auch Schönes Neues erleben zu dürfen. Janine gibt die Hoffnung nicht auf, dass auch Lena irgendwann ein glückliches Leben führen kann. Immerhin kann sie dank einem neuen Medikament mit weniger Nebenwirkungen und guter Sozialbegleitung schließlich wieder Zukunftspläne schmieden. Auch die Notwendigkeit, unerfreuliche Bedingungen, wie einen Betreuer in finanziellen Dingen (unserem Sachwalter entsprechend) durchzusetzen, wird thematisiert, oder der manchmal widersprüchliche Umgang mit gleichartigen Situationen – wenn eine Lösung nicht in jeder Situation und für jede Person gleich passend sein kann. Beispielsweise werden auch Überlegungen zur auffallend häufigen Abwesenheit von Vätern angestellt. Gerade so bekommen die LeserInnen viele praktische Tipps aus erster Hand, aber auch viele Anregungen zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Verhaltensweisen.

Angehörige als gleichwertige Partner

Entsprechend dankbare Reaktionen von Angehörigen in ähnlichen Situationen finden sich zu dem Buch in den Internet-Foren. Es wäre schön, wenn sich auch ProfessionistInnen unter den LeserInnen einfänden, auch für sie finden sich viele Beispiele von mehr oder weniger hilfreichen Verhaltensweisen. Lange genug wurden Angehörige von psychisch Erkrankten als unerwünschte Störfaktoren auf Distanz gehalten und ignoriert. Bei guter Information und Kooperation kann man heute auf sie als gleichwertige Partner im Betreuungssystem nicht mehr verzichten.

Mag. Hedi Nechtelberger

Autorin: Janine Berg-Peer
Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596189144