Psychische Erkrankungen - Wege in ein selbstbestimmtes Leben

Laura Skocek, Claudia Racek-Sacher

Wie kann es gelingen, eine psychische Erkrankung so in das Leben zu integrieren, dass es trotzdem ein befriedigendes und sinnhaftes ist? Diese Frage könnte als ein Motto über diesem Filmprojekt stehen, das ursprünglich von der Werkstatt der Amnesty International Academy initiiert wurde. Wir lernen Betroffene und ihre Angehörigen kennen, die Erkrankung erfahren haben und dadurch erfahren wurden und wir lernen Professionelle kennen, welche die Betroffenen so begleiten, dass sie von Menschen, die passiv Erkrankung erfahren, erlitten haben, zu jenen Erfahrenen werden, die aktiv ihre Erfahrungsschätze nutzen und auch im Rahmen der Selbsthilfe in den Dienst anderer Menschen stellen können.

Eine hoffnungsfördernde Sprache finden

Michaela Amering, eine Wiener Psychiaterin, die sich viel mit dem Thema Hoffnung und ihrer Bedeutung für Recovery (Genesung) beschäftigt hat, kommt in dem Film mehrmals zu Wort und ruft die Professionellen zu einer „hoffnungsfördernden Sprache“ auf. Psychiater sind keine Wahrsager und können und sollen keine Prognosen voraussagen. Damit könne man die Zukunft offen halten, um Wünschen und Sehnsüchten darin den Raum zu geben, in dem sie sich entfalten können. Ebenso sollte die Vergangenheit in diesem Sinne genutzt werden: Sich gemeinsam erinnern an gute Zeiten, Zeugen der Erinnerung an glückliche Lebensphasen zu sein, stellvertretend die Hoffnung zu repräsentieren, die der Patient derzeit (noch) nicht in sich fühlen kann.

HPE war am Film mitbeteiligt

Der Verein HPE war an der Entstehung dieses Filmes mitbeteiligt und ist durch mehrere MitarbeiterInnen vertreten. Hermine Pokorny, Psychotherapeutin und Gruppenmoderatorin bei HPE, moderiert im Film einen Trialog, wo mehrmals das Thema Psychotherapie unter dem Blickwinkel der Diskriminierung psychisch Erkrankter behandelt wird. Das Psychotherapiegesetz existiert seit 1991, die Krankenkassen weigern sich allerdings, das PatientInnen-Recht auf Psychotherapie auch umzusetzen. Besonders für Menschen, die aufgrund schwerer psychischer Beeinträchtigungen nicht erwerbsfähig sein können, ist dieser Umstand untragbar.

Mir selbst darf es gut gehen

Darüber hinaus kommen auch einige Angehörigen-Themen zu Sprache: Die Notwendigkeit der Entlastung von Schuldzuweisungen und das Recht auf eigenes Wohlbefinden, das besonders in den HPE-Gruppen immer wieder auftaucht. Aus dem Selbstkasteiungsapell „Mir darf es nur dann gut gehen, wenn es auch dem erkrankten Familienmitglied gut geht“ kann auch ein Selbstsorgeapell werden: „Wenn es mir als Angehöriger/em gut geht, dann tut das auch meinem sozialen Umfeld gut!“, so die Erfahrung von Hedwig, die einige Angehörigengruppen moderiert.

Ein Teil der Gesundheit

Besonders interessant fand ich die Erzählungen von den Betroffenen darüber, was ihre Selbstwirksamkeit gefördert hat. Zusammengefasst geht es sehr stark darum, Vertrauen in das Hilfesystem zu entwickeln, sich Behandler zu suchen, die es fördern, sich aktiv in die Behandlung einbringen zu können und sich so viele Informationen wie möglich über die Erkrankungen zu holen. Michaela Amering bezeichnet so ein „aktives Suchen nach Hilfen, die hilfreich sind“ als „Teil der Gesundheit“.

Das Leben als Serpentinenstraße

Fragen Markus und Renate (Betroffener und seine Mutter), die wir nicht persönlich kennen lernen aber deren Stimmen uns durch den gesamten Film begleiten, am Anfang des Films noch nach dem Warum der psychischen Erkrankung und hadern mit dem Schicksal, so gelingt es ihnen, am Ende des Films – wie nach einem Lern- und Reifungsprozess – sinnhafte Antworten zu finden: Markus sieht sein Leben als Serpentinenstraße mit vielen Höhen und Tiefen, „Umwege, die aber Erfahrungen sind“, doch der Weg geht „mathematisch betrachtet im Mittel aufwärts“. Seine Mutter hat aufgehört daran zu glauben, dass die Krankheit mit Medikamenten besiegt werden kann und die nächste Krankheitsphase die letzte war, sie nimmt aber, so wie ihr Sohn, die „stetige Besserung“ wahr und hat ihren Blick für die „kleinen positiven Schritte“ geschärft.

Laura Skocek, Claudia Racek-Sacher (2013)
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