Nicht alles schlucken

Jana Kalms, Piet Stolz und Sebastian Winkels

Leben mit Psychopharmaka

„Mein Leben besteht aus unendlich vielen Dingen….. Und dann diese zwei Tropfen…“

Männer und Frauen sitzen in einer Runde in einem Raum. Sie alle haben persönliche Erfahrungen mit psychischen Krisen und Erkrankungen und mit Psychopharmaka. Manche als Betroffene, manche als Angehörige, manche als Professionelle. Sie erzählen von sich, von ihren Erfahrungen, und sie hören einander zu.

Solch trialogisch besetzte Gesprächsrunden – Betroffene, Angehörige und Profis sprechen miteinander – gehören mittlerweile fix zum Kanon der sozialpsychiatrischen Methoden. Ihre Besonderheit ist, dass drei „Parteien“, die sonst oft über-einander oder gegen-einander sprechen, mit-einander sprechen und von-einander lernen können.

Die Besonderheit des Dokumentarfilms „Nicht alles schlucken“ ist, dass er uns Zuschauer teilhaben lässt an einer solchen Gesprächsrunde. Durch Kameraführung und Gestaltung des Raumes sitzt der Zuschauer gleichsam in der Runde, ist zuhörender, mitdenkender und mitfühlender Teil derselben. Das Thema der Gesprächsrunde ist: Medikamente bei psychischen Erkrankungen. Ein Thema, das kaum wie ein anderes emotional besetzt ist und höchst unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven mit sich bringt.

„Ich weiß nicht mehr wie ich bin ohne Medikamente.“

So erzählt ein junger Mann darüber wie es sich anfühlt ein Leben mit Medikamenten zu führen und nicht mehr zu wissen, wer er ohne Medikamente eigentlich ist. Eine junge Frau erzählt wie es sich anfühlt es ohne zu versuchen, für das eigene Kind zu kämpfen und stark zu sein. Und eine andere Frau erzählt wie sehr sie schwankt zwischen der Sehnsucht danach, ohne Medikamente zu leben, und der großen Angst davor, das nicht zu schaffen.

Eine Mutter erzählt davon wie sehr sie zu Beginn hoffte, dass Medikamente ihren erkrankten Sohn „reparieren“, heilmachen würden. Und als wie komplexer und vielschichtiger sich Erkrankung erwiesen hat. Aber es geht auch um andere Dinge: Über den Zwang, der vielerorts noch ausgeübt wird in der Psychiatrie. Darüber, wie hilflos sich Ärzte und Pfleger oft fühlen, und dass „etwas verschreiben“ auch bedeuten kann, mit der eigenen Ohnmacht oder Angst umzugehen.

„Mein schönes Leben, wo ist es hin?!“


Die Kameraführung lässt uns, den Zuschauer, gleichsam teilhaben an dieser Runde. Was gesagt wird, wann geschwiegen wird, wohin geblickt wird. All das erlebt der Zuschauer mit, als würde er in der Runde sitzen. Dies lässt eine besondere Nähe entstehen. Und eine besondere Vorsicht, behutsam mit dem Gesagten und Gehörten umzugehen.
Der Blick des Filmemachers ist dabei nie wertend, immer begleitend. Und so wird auch keine Lösung gefunden, höchstens ein paar Skizzen angedeutet, wie denn die Psychiatrie zwangsfreier und menschlicher werden könnte. Dass es viel um das Gespräch geht, um den Blick auf den einzelnen Menschen und das Schicksal hinter den Symptomen. Darum, eine gemeinsame Sprache zu finden.

„Nicht alles schlucken“ ist ein Film, der sehr berührt - der große Bewunderung hervorruft für den Mut der TeilnehmerInnen, sich so offen zu zeigen vor der Kamera. Ein Film der klar macht wie vielschichtig das Thema Medikamente bei psychischen Erkrankungen ist, und wie gewinnbringend es ist, wenn Betroffene, Angehörige und Profis miteinander sprechen und voneinander lernen.

Für Sie rezensiert: Birgit Dorninger - Bergner

AutorInnen: Jana Kalms, Piet Stolz, Sebastian Winkels
Verlag: Psychiatrie Verlage