Mit gebrochenen Flügeln fliegen…

Petra Garlipp, Horst Haltenhof

"Mit gebrochenen Flügeln fliegen…“ ist ein Lehrbuch über bipolaren Erkrankungen der besonderen Art: Es versammelt auf knapp 300 Seiten 45 Erfahrungsberichte von Menschen, die mit dieser Erkrankung leben – sowohl selbst Erkrankte, als auch Angehörige - und uns ganz persönliche Einblicke in ihre Lebensgeschichte gewähren.

Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS), ein gemeinnütziger Verein, 1999 gegründet, um den Dialog zwischen Professionellen, Betroffenen, Angehörigen und allen am Gesundheitswesen Beteiligten zu fördern, ist Herausgeber vorliegenden Buches, die Wissenschaftsjournalistin Dr. Renate Kingma hat im Auftrag der DGBS die redaktionelle Tätigkeit übernommen.

Laut einem WHO Report gehört die Bipolare Störung zu den 10 Erkrankungen, die weltweit am häufigsten zu andauernder Behinderung führen. Das Buch möchte eine Ermutigung sein, aus dem schambesetzten Schweigen, das die Diagnose einer bipolaren Erkrankung umhüllt, herauszutreten. Oft unerkannt, falsch diagnostiziert und behandelt vergehen häufig viele Jahre, ja Jahrzehnte, bis Betroffene eine angemessene Therapie bekommen.

Die bipolare Erkrankung akzeptieren

Das Buch will ein großes JA zur Erkrankung aussprechen und lässt Menschen zu Wort kommen, die dieses JA nach vielen inneren und äußeren Hürden letztlich doch sagen konnten. So wie Karl (54 Jahre): „Ich nahm meine Krankheit nicht an, ich akzeptierte sie nicht – und wurde ihr dadurch nur noch mehr ausgeliefert. Die Erkrankung „regierte mich, nicht ich sie.“ …(S. 23)
…der dann doch zum JA-Sager wurde: „Dieses Ja-Sagen brachte zunächst einmal Realitätsgewinn“ Ich habe „Ja“ zu dem gesagt, was ich bin, und damit „Ja“ zur Realität. Deshalb kann ich jetzt auf alle Hilfen, auf alle Medikamente und Ratschläge, welche die Medizin (die Realität) mir bietet, sinnvoll und planmäßig zugreifen. Und das sind nicht wenige! Damit „beherrsche“ ich meine Krankheit, nicht sie „beherrscht“ mich“.
…und einen wichtigen Appell an die Ärzte richtet: „Im Alltag des Mediziners steht immer das Nächstliegende, das Akute, die Versorgung mit Medikamenten und anderes im Vordergrund. Das ist auch ganz normal so. Aber ist es nicht auch die Aufgabe des Arztes, seinen Patienten zu helfen, ihr Schicksal, ihre Erkrankung, ihr Leiden anzunehmen und „Ja“ dazu zu sagen?“( S. 28)

Der Verführung widerstehen

Die Menschen sprechen sehr offen von der Verführung des „Himmelhoch jauchzend!“ in der Manie und vom totalen Absturz des „Zu Tode betrübt“ in der Depression, die nicht selten auch zu Selbstvernichtungswünschen führt. Sie erzählen über ihre Krankenhausaufenthalte, ihre Beziehungswechselbäder, ihre Erfahrungen mit Medikamenten, ihre beruflichen „Ups“ und „Downs“… Richard (30 Jahre) kennt seine Frühwarnsymptome und hat gelernt darauf zu achten: „Da ist zuerst dieses Gefühl von Erlöst-Sein, frei von allen Sorgen und Ängsten. Dann kommt das Gefühl, mit dem Universum eins zu sein und von einer überirdischen Macht gesteuert zu werden. Mir fallen Details auf, die ich sonst gar nicht sehe, ich komme nicht zur Ruhe, taumle vom Hundertsten ins Tausendste, bin aufgedreht und brauche keinen Schlaf. Die Bibel offenbart sich mir und ich bin auf dem Weg ins Paradies…“ (S. 128)  Man kann sich gut vorstellen, wieviel Disziplin es da braucht, zu diesem Zustand dann konsequent Nein zu sagen und die Medikamentendosis zu steigern…

Maria (38 Jahre) kann der Erkrankung Positives abgewinnen: „Die Krankheit hat mein Leben verändert – aber auch in positiver Weise. Ich lebe bewusster, habe gelernt, mich von meiner Mutter abzugrenzen, es war eine Art Bewusstseinserweiterung, die ich nicht missen möchte.

So unterschiedlich die Meinungen und Erfahrungen der einzelnen Betroffenen sind, bei einem Thema sind sich alle einig: Die Erkrankung braucht mehr Öffentlichkeit, nur dann kann der Ausgrenzung entgegengewirkt werden, nur dann, werden auch Angehörige damit nicht alleingelassen.

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer

Autoren: Renate Kingma, Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. 
Verlag: Books on Demand, 2015
ISBN: 978-3833006623