Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten

Thomas Bock

Thomas Bock ist fasziniert von der Begegnung mit psychotischen Menschen – und dieses Faszinosum hat ihn jahrzehntelang nicht losgelassen und zu zahlreichen Publikationen geführt, die für viele Angehörige und Betroffene bereits zu einer unverzichtbaren Informationsquelle geworden sind.

Aber Bock ist nicht nur ein Schreibender, sondern ein Praktiker durch und durch: Als Psychologe an der Hamburger Klinik Eppendorf ist er der Mitbegründer der Psychoseminare (in Österreich Trialoge genannt) und vieler anderer trialogischer Projekte – vor allem auch in der Anti-Stigma-Arbeit.

Die Reihe „Basis Wissen“ vom Psychiatrie-Verlag ist dafür bekannt, in konzentrierter Form zentrale Grundsätze aus psychiatrischer Theorie und Praxis zusammenzuführen. Im Buch von Thomas Bock geht es darum, einen verstehenden Zugang zu psychoseerfahrenen Menschen zu finden, um daraus eine gute Haltung für hilfreiche Begegnungen zu entwickeln. 

Existenzielle Lebenskrisen besonders sensibler Menschen 

Auf 160 Seiten trägt Thomas Bock nun die verschiedensten Facetten von Psychose-Erfahrungen zusammen, ausgewählte theoretische Erklärungsmodelle werden angereichert, ergänzt, hinterfragt und auch korrigiert mit einer Vielfalt an subjektiven Deutungsmöglichkeiten aus der Sicht von Betroffenen und lassen Psychose als etwas durch und durch Menschliches erscheinen, nämlich: „Existenzielle Lebenskrisen besonders sensibler Menschen.“ 

Diese anthropologischen Zugänge entwirft der Autor als Gegenmodell zu den pathologischen Kategorien einer rein medizinisch orientierten Psychiatrie. So macht er sich auch im ersten Teil des Buches daran, die Begrifflichkeiten, welche die Psychiatrie im Rahmen der Diagnostik und Ätiologie von Psychosen verwendet, in eine „Sprache des Erlebens“ zu übersetzten und damit einfühlbarer zu machen.

Immer ginge es um das Suchen nach subjektiver Bedeutung und „eigenem“ Sinn im psychotischen Erleben. Krankheitskonzepte, die von „extern“ an die Betroffenen herangetragen werden, erschweren die Selbstakzeptanz und verstärken Fremdheitsgefühle. Dabei geht es Bock keineswegs um „Theorielosigkeit“, sondern um ein “Ringen, um ein individuelles Verständnis“. Er hinterfragt in diesem Zusammenhang auch die klassische Psychoedukation, die allgemeines Wissen „von oben“ vermittelt. Dieser stellt er Möglichkeiten des dialogischen Verstehens gegenüber, wie sie z.B. in den Psychoseminaren praktiziert werden, wo Themen und Antworten gemeinsam im wechselseitigen Austausch von Profis, Betroffenen und Angehörigen gefunden werden. 

Rollen der Therapeut*innen

Auch die Rollen der Therapeut*innen müssen sich durch die tiefgreifenden Wandlungsprozesse innerhalb der Psychiatrie ändern. Durch die Integration von Genesungsbegleiterin – sogenannten Peers – in den Hilfssystemen werden Doppelrollen (z.B. Betroffener + Profi, Angehöriger + Profi) als Bereicherung für die Tätigkeit gesehen und Begegnungen auf gleicher Augenhöhe wahrscheinlicher. 

Am Ende des Buches werden Modelle der Psychosentherapie vorgestellt, die oben beschriebene wichtige Elemente der therapeutischen Begegnung beinhalten: Subjektorientierung, Flexibilität, Vermeidung von Zwang, Dialogisches Vorgehen, Recovery-Orientierung, aufsuchende Interventionen, Einbezug der Familien und integrative Psychotherapie. Den Therapeut*innen rät Thomas Bock vor allem Neugier und Offenheit über Schulengrenzen hinweg.

Titel: Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten
Autor: Thomas Bock
Verlag: Psychiatrie Verlag, Praxis Wissen, 2020

Rezensiert von Daniela Schreyer