Lass mich – mir fehlt nichts!

Xavier Amador

Beim vorliegenden Werk handelt es sich um die Übersetzung der überarbeiteten Neuausgabe von 2007 (Erstausgabe 2000) durch Prof. Dr. Frank-Gerald Pajonk, selbst Psychiater und Psychotherapeut, oftmaliger Referent bei der seit 1998 bestehenden jährlichen, alternierend in Berlin und Wien stattfindenden Konferenz „Die subjektive Seite der Schizophrenie“.  Der original Titel dieses Buches lautet: „I am not sick – I don’t need help”
In seinem Vorwort würdigt er die erstmalige systematische Darstellung der Krankheits-Uneinsichtigkeit und den überzeugenden Fortschritt im Umgang damit durch die von Prof.Dr. Amador und seinem Team entwickelte Methode „LEAP“.

„Lass mich – mir fehlt nichts“

Dieser Satz, in vielen Varianten geäußert von zahllosen psychisch Kranken, Albtraum ebenso vieler ratloser Angehöriger, ist nach neueren Erkenntnissen nicht Ausdruck einer schlechten Charaktereigenschaft, wie Sturheit oder Bosheit. Er steht für ein besonders schwierig zu beeinflussendes Krankheitssymptom, genannt Anosognosie, also für die Unfähigkeit, zu erkennen, dass man krank ist, vermutlich einer Fehlleistung im Frontallappen des Gehirns. Bekanntlich ist sie eng verbunden mit mangelnder Behandlungstreue.

Eine Gesprächsbasis finden

Dem Autor, einem klinischen Psychologen und Psychotherapeuten, war es von Beginn seiner Tätigkeit an ein persönliches Anliegen, eine konstruktive Gesprächsbasis mit dem Patienten zu finden. Denn sein älterer Bruder Henry, den er immer sehr geliebt und bewundert hatte, erkrankte an Schizophrenie, als er selbst gerade 21jährig am Beginn seiner Berufsausbildung stand. Außerdem steht die Dringlichkeit der schnellstmöglichen Behandlung psychischer Erkrankungen im Raum durch die wissenschaftlich belegte Erkenntnis, dass die Prognose umso besser ist, je frühzeitiger eine kontinuierliche Behandlung einsetzt.

Zuhören - Empathie zeigen - Übereinstimmungen suchen

Aus drei schon etablierten Formen der Psychotherapie, (der klientenzentrierten Therapie, der kognitiven Therapie, der Motivationsverstärkungstherapie) kombiniert mit seinen persönlichen Erfahrungen durch die Betreuung seines Bruders und anderer Patienten, entwickelte er eine Methode, die er LEAP nannte: L-Listen (dt. „Lauschen“ womit das uns bekannte „aktive Zuhören“  gemeint ist), E- Empathize (Empathie zeigen),  A- Agree (Übereinstimmungen suchen – finden, aber nie auf Kosten der jeweils eigenen Meinung: notfalls mit Hilfe des viel zitierten „We agree to disagree“) , Partner (Partnerschaftliche Beziehung aufbauen). Aus allen vier Teilen spricht als oberste Regel das Gespräch auf gleicher Augenhöhe mit dem Ziel der beidseitigen hohen Wertschätzung.

Der größte Teil des Buches befasst sich mit der Darstellung der vier Hauptbestandteile der Therapie durch viele positive, aus der täglichen Praxis des Therapeuten genommenen Beispiele von Gesprächsführung. Amador scheut sich aber nicht, auch Fehler und Fallen, vor denen er am Beginn seiner Laufbahn sicher nicht gefeit war, aufzuzeigen. Großen Wert legt er auch auf Kontakte und gute Zusammenarbeit mit dem familiären bzw. sozialen Umfeld der Patienten. Er spart auch nicht mit guten Tipps, wie Angehörige sich im professionellen Behandlungskonzept einbringen können, ohne über das leidige Kapitel „Datenschutz“ zu stolpern.

In seinem inzwischen gegründeten LEAP Institute werden laufend LEAP–Kurse sowohl für Angehörige, als auch für professionelle Betreuer von psychisch Kranken und andere involvierte Bevölkerungsgruppen (z.B. Polizei) abgehalten. Kaum zu glauben, dass es 15 (!) Jahre gekostet hat, bis LEAP seinen Weg in den deutschsprachigen Raum gefunden hat.

Für Sie rezensiert: Mag. Hedwig Nechtelberger

Autor: Xavier Amador
Verlag: Thieme Verlag Stuttgart - New York, 2015
ISBN: 978-3131802118