Ich ist manchmal ein anderer. Mein Leben mit Schizophrenie

Cordt Winkler

In meiner psychotherapeutischen Arbeit empfehle ich immer wieder bestimmte Bücher und Filme. Denn diese können Impulse und Denkanstöße geben, um eine Krisensituation zu bewältigen oder mit einer Erkrankung umzugehen. Ein Buch, das mich zuletzt sehr angesprochen hat, ist die Autobiografie von Cordt Winkler mit dem Titel „Ich ist manchmal ein anderer - Mein Leben mit Schizophrenie“. Winkler war Anfang 20, als er die Diagnose Paranoide Schizophrenie bekam. Die Erkrankung stellte sein Leben auf den Kopf. Nicht wenigen Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, hat das Buch Mut gemacht. Denn Winkler pflegt einen offenen Umgang mit seinen „Tüdelüt“-Phasen.

Und was ich besonders toll finde: Winkler zeigt, dass es möglich ist, mit Schizophrenie ein gutes Leben zu führen. Er studierte Medienwissenschaften, hat einen Partner und arbeitet in einer Trendforschungsagentur. Dieser ehrliche Umgang tut gut. Denn in unserer Gesellschaft sind psychische Erkrankungen oft ein Tabuthema. Das Buch von Cordt Winkler kann hier helfen, Vorurteile abzubauen. Allerdings fiel es auch Winkler zunächst nicht so leicht, seiner Familie und den Freund*innen von der Erkrankung zu erzählen. In dem Buch spricht er von einem „zweiten Coming-out“. Sein schwules Coming-out sei wie ein Training für sein zweites Coming-out gewesen. Es habe sich sehr befreiend angefühlt, als er Menschen von der Schizophrenie erzählt habe. Er habe viele positive Rückmeldungen bekommen. „Komisches Feedback gab es noch nie, höchstens mal hinter meinem Rücken, aber das ist mir egal“, so Winkler. Neben dem offenen Umgang mit der Erkrankung hat mich das Buch noch aus folgenden Gründen angesprochen:

Empowerment

Leider wird in Teilen der Gesellschaft oft die Ansicht vertreten, dass psychische Erkrankungen ein Zeichen von Schwäche sind, was aber nicht stimmt. Viele betroffene Menschen fühlen sich stigmatisiert. Cordt Winkler schreibt in dem Buch, die Lebensqualität steige in dem Moment, in dem betroffene Menschen aufhören, die Krankheit zu bekämpfen. Viel besser sei es, einen guten Umgang mit den „Tüdelüt“-Phasen zu finden. Cordt Winkler bezeichnet in seinem Buch Empowerment als Kompetenz, sich trotz der psychischen Erkrankung „die Hoheit über das eigene Leben zu erhalten, Stigmata zu überwinden und zu einem positiven Selbstbild zu gelangen“.

Expert*innen in eigener Sache

Wichtiger Bestandteil des Empowerment-Konzepts ist, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu Expert*innen in eigener Sache werden. Ziel ist es, dass sie sich den Beschwerden nicht passiv ausgeliefert fühlen, sondern dass sie sich damit aktiv auseinandersetzen. Damit verbunden ist auch Psychoedukation. Hier geht es darum, dass die betroffenen Menschen, Freund*innen und Angehörigen mehr über die verschiedenen Aspekte der jeweiligen Erkrankung erfahren. Wer das Buch von Cord Winkler liest, erfährt viel Wissenswertes über Schizophrenie

Keine Stigmatisierung

Ein großes Problem ist die mediale Berichterstattung im Zusammenhang mit Schizophrenie und die damit verbundene öffentliche Wahrnehmung. Taucht der Begriff in Zeitungen auf, geht es „überwiegend um beängstigende Straftaten vermeintlich schizophrener Täter oder um Skurrilitäten“. Doch das entspricht nicht der Realität. Das negative Bild in der Öffentlichkeit führt oft dazu, dass betroffene Menschen anderen nichts über die Erkrankung erzählen. Damit stigmatisieren sich die Personen selbst. Mit Selbststigmatisierung ist laut Winkler die „Verinnerlichung negativer Bewertungen durch die Umwelt“ gemeint, wobei auch Freunde und Familie von (Selbst-)Stigmatisierung betroffen sein können. Umso wichtiger ist, dass der Teufelskreis durchbrochen wird.

Unterstützung annehmen

Für psychische Erkrankungen gibt es verschiedene Behandlungsformen wie Medikamente, stationäre Aufenthalte in einem Krankenhaus oder Psychotherapie. Eine Psychotherapie kann nur wirken, wenn sich die Menschen in der Therapie gut aufgehoben fühlen und sich öffnen können. Cordt Winkler schreibt, er sei überrascht gewesen, dass es in seiner Therapie einen „pragmatischen Blick nach vorn gab und nicht Mutter oder Vater Schuld zu sein schienen“. Winkler sollte in der Therapie zunächst „darauf achten, wie ich mit mir selbst umging“. Im Gespräch mit dem Therapeuten habe er gelernt, seine unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile zu akzeptieren und besser zu verstehen.

Humor schafft Distanz

Winkler hatte manche Krankheitsphasen, die teilweise besonders heftig verlaufen sind. Einmal irrte er im Wahn tagelang alleine in Italien umher, warf seine Reisetasche mit Reisepass, Schlüssel, Handy und Kreditkarten weg. Seine Rettung waren Carabinieri, die ihn in die Notaufnahme eines Krankenhauses brachten. Trotz solcher Erlebnisse hat es Winkler geschafft, auch einen humorvollen Blick auf die Erkrankung zu haben. In dem Buch schreibt er lieber von „Tüdelüt-Phasen“ anstatt von Schizophrenie. Seine Ärztin ist für ihn „Frau Doktor Tüdelüt“. Winkler kann auch über sich selbst lachen. Schließlich waren manche Tüdelüt-Phasen besonders skurril. Humor kann jedenfalls helfen, Abstand zu schwierigen Dingen zu bekommen und diese in einem anderen Licht zu sehen.

Titel: Ich ist manchmal ein anderer. Mein Leben mit Schizophrenie
Autor: Cordt Winkler
Verlag: Goldmann Verlag, München 2019

Rezensiert von Christian Höller