Die Hoffnung trägt

Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten

Hoffnung schaffen

Mit dem Anliegen, Hoffnungen zu schaffen, fanden sich 25 Männer und Frauen, die bereit waren, ihre Geschichte zu erzählen. Auf einigen Seiten beschreiben sie, was ihnen geholfen hat und was weniger förderlich war. Geschmückt werden die berichteten Erfahrungen jeweils mit einem Porträt der AutorInnen, fotografiert von Werner Krüper. Sie alle haben den Wunsch, Menschen denen es weniger gut geht, zu helfen, und sie zu motivieren, wieder daran zu glauben, ihren Weg der Genesung weiter zu gehen und nicht stehen zu bleiben. Es gebe kein Rezept, das für alle gültig sei, schreibt Sibylle Prins in ihrem Vorwort. Dieser Eindruck wird in den vielen, sehr individuellen Geschichten bestätigt.

Das Märchen von den drei Schwestern

Auch wenn es vielleicht kein Universalrezept gibt, kann es Mut machen zu lesen, wie es dem Teilzeitdepressiven aus Tom Kleins Märchen „Das Märchen von den drei Schwestern“ gelingt, die Angst-Schwestern: Höhenangst, Flugangst und Klaustrophobie zu überlisten und zu besiegen. Der Autor fand im Schreiben nicht nur eine Tätigkeit, die ihm Spaß bereitete, sondern ihm auch gleichzeitig die Möglichkeit bot, sich mit seiner Erkrankung auseinander zu setzen und zugleich kreativ zu sein.

Auch Ulla Buchtmann hat etwas gefunden, das ihr großen Spaß macht: das Nähen. Sie hat es sich selbst beigebracht, näht auch viel für andere und freut sich, wenn man ihr sagt: „Das ist toll, das gefällt mir!“. Das Lob ihrer Arbeit wirkt sich positiv auf ihr Selbstwertgefühl aus. Frau Buchtmann schätzt es sehr, kreativ zu sein und dabei ohne Druck einer Tätigkeit nachgehen zu können. Neben dem Nähen engagiert sie sich auch in dem Schulprojekt „Verrückt – na und“ und erzählt interessierten SchülerInnen dort von ihren Erfahrungen. Andere AutorInnen des Buches sind beispielsweise im Verein Psychiatrie Erfahrene aktiv, gründeten Selbsthilfegruppen oder haben die EX-IN Ausbildung absolviert, um nun als GenesungsbegleiterInnen und DozentInnen tätig zu sein. Hier können sie sich austauschen und ihre Erfahrung mit psychischen Erkrankungen als Ressource nutzen. Die Arbeit wird durch ihren entstigmatisierenden Charakter als sehr positiv erlebt. Als ein weiterer stützender Faktor wird zudem das Zusammensein mit PartnerInnen, der Familie, FreundInnen und auch Tieren genannt.

Viele Wege zur Genesung

Auch Aktivitäten in der Natur, wie Wandern oder Fahrradfahren können gleichsam hilfreich sein, da sie sich fernab jeglicher Reizüberflutung stattfinden. So beschreibt Helene Brändli in ihrer Recoverygeschichte, wie sie ihre Wanderstiefel schnürt und in der Natur wieder zu Ruhe und neuer Kraft kommt. Ebenfalls als der Genesung zuträglich wird es von den Betroffenen gesehen, die eigenen Frühwarnzeichen zu erkennen und ihnen entgegen zu steuern. So schrillen bei Martin Kolbe die Alarmsirenen, wenn er nach nur wenigen Stunden Schlaf bereits wieder munter erwacht und ausgeruht scheint. Dann weiß er, jetzt muss er etwas unternehmen. Eine weitere Autorin beschreibt, dass sie gelernt hat, trotz ihres Dranges nach Action auch regelmäßig Zeiten der Entspannung in ihren Alltag einzubauen.

„Ich erfuhr wieder Freude und Anerkennung in meinem Leben, obwohl ich offen mit meiner Psychiatrie-Erfahrung umging“, so Kornelia Birkemeyer, die inzwischen im Chor singt und wieder eine Arbeitsstelle gefunden hat. Ihre Erkrankung ist kein Geheimnis mehr, das versteckt werden muss. Auch Jörg H. hat Menschen kennen gelernt, die ihn angenommen haben wie er ist. Eine sehr wertvolle Erfahrung. So groß die berichteten Tiefpunkte von Ängsten, Rückfällen, Suizidgedanken und Selbstverletzungen auch sein mögen, die Schritte in ein zufriedenes Leben mit der Erkrankung sind mindestens genauso groß. Mir hat es gut gefallen, mich durch die einzelnen Geschichten zu lesen und ein Gesicht zu den Zeilen sehen zu können. Ich hoffe sehr, dass dieses Buchprojekt viele Menschen erreichen wird.

Anna Werum Herausgeber: Michael Schulz, Gianfranco Zuaboni Verlag: Balance Buch + Medien Verlag, Köln, ISBN:978-3-86739-090-3