Bekifft und abgedreht

Udo Küstner / Gisela Beckmann-Többen

Ein Ratgeber für Eltern von Cannabis missbrauchenden Kindern und eine Sammlung all jener Einblicke, Erfahrungen und Erkenntnisse, die die Autoren in der langjährigen Begleitung von Elterngruppen gewinnen konnten.

Wenn Cannabis zum Problem wird… Angehörige von psychisch kranken jungen Menschen stehen immer wieder (auch) vor diesem Problem. Die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Cannabis und psychischen Erkrankungen, vor allem Psychosen, stellt sich oft und wird immer wieder auch von Profis ganz unterschiedlich beantwortet. Für Angehörige bedeutet dies meist vermehrte Verunsicherung.

Udo Küstner und Gisela Beckmann-Többen arbeiten in einer Hamburger Drogenambulanz mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Drogenmissbrauch betreiben, sowie mit deren Familien. An diese richtet sich auch das neu erschiene Buch zum Thema.

Wissenswertes über Cannabis

Unter dem Titel Was Sie schon immer über Cannabis wissen wollten erfährt der Leser Wissenswertes über Wirkungen, Nachweismethoden und die Geschichte des Wirkstoffes Cannabis. Der Unterschied zwischen Missbrauch und Abhängigkeit von Cannabis sowie Daten zur Verbreitung von Probierbereitschaft, Konsum und Missbrauch werden erläutert und die Einbettung von Drogenkonsum in die Entwicklungsjahre der Adoleszenz diskutiert.

Konsum von Cannabis als versuchte Lösung

Dem Zusammenspiel zwischen Cannabismissbrauch und anderen psychischen Erkrankungen ist das Kapitel „Am Morgen einen Joint und du hast einen Feind“ gewidmet. Die Autoren gehen näher auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität), Angst, Depression und Psychose ein. Die Autoren beschreiben, wie der Konsum von Cannabis häufig als versuchte Lösung einer schwierigen sozialen und/oder psychischen Situation eingesetzt wird, er mittel- und langfristig aber die Problematik bzw. Symptomatik verstärkt. In anderen Fällen kann Cannabiskonsum sowohl Auslöser im Sinne eines Stressors als auch Bewältigunsstrategie sein (etwa bei Psychosen oder Panikattacken).

Nobody is perfect

Die beiden Kapitel Eltern oder „Nobody is perfect“ und Elterliche Maßnahmen oder „Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“ widmen sich der Situation der Eltern bzw. der Beziehung zwischen Eltern und Cannabis konsumierendem Kind. Die Autoren betonen, dass Eltern meist mehr Handlungsspielräume und Veränderungsmöglichkeiten in ihrer Beziehung zum Drogen missbrauchenden Kind haben als sie denken. „Ihnen ist nicht bewusst, dass sie durch die enge Verbindung, die zwischen ihnen und ihren Kindern besteht, Handlungsspielräume haben. Dies bedeutet, dass auch sie Akteure im Zusammenhang des Drogenkonsums ihres Kindes sind. Ohne Absicht und Wissen können sie dazu beitragen, dass durch familiäre Beziehungsmuster eine „Drogenkarriere“ aufrechterhalten wird. Oder Eltern können ihre aktive Rolle zum Wohle aller Familienmitglieder nutzen und „neue Wege beschreiten“. So können sie es sein, die Bewegung und Veränderung befördern, und zwar unabhängig davon, ob das Drogen konsumierende Kind seinerseits dazu bereit ist oder in der Lage ist oder auch nicht.“ (S. 106) Und: „Durch ihr schützendes Verhalten befördern es die Eltern, dass ihr Kind nicht mit den Folgen seines Verhaltens konfrontiert wird. Sie verhindern dadurch, dass es für sich Verantwortung übernehmen kann – und muss. Hier deutet sich an, dass die Rolle von Angehörigen nicht nur reaktiven Charakters ist.“ (S. 93)

Neue Wege im Zusammenleben

Küstner und Beckmann-Többen ermutigen die Eltern, sich von ihrer „Rolle“, dem Drogenkonsum des Kindes hilflos ausgeliefert zu sein, zu lösen. Zahlreiche Fallgeschichten illustrieren, wie Eltern neue Wege im Zusammenleben beschreiten. Die Rolle als hilfloser Beobachter wird durch Schuldgefühle auf Seiten der Eltern oft zementiert: „Neue Wege zu beschreiten meint nicht, die Vergangenheit zu ignorieren oder vergessen zu wollen, Schuldgefühle jedoch sind „ein schlechter Ratgeber“. […] Entscheidend im Zusammenhang mit einem „erinnernden Aufsuchen vergangener Ereignisse“ ist aus unserer Sicht eine betrachtende und keinesfalls eine beurteilende oder gar verurteilende Haltung. Eltern wünschen für ihre Kinder das Beste und versuchen das ihnen Mögliche dazu beizutragen.“ (S. 116)

Unter den Schlagworten „Ausstieg aus der Co-Abhängigkeit“, „Ordnung im Chaos der Gefühle“ und „Lösung durch Selbstbestimmung“ bietet das Buch betroffenen Eltern vielerlei Ideen, Ansätze und Anregungen dazu. Insgesamt ein informatives aber leicht verständliches Buch, das nicht nur Wissen und Hintergründe zu Cannabismissbrauch bietet, sondern vor allem durch seinen einfühlsamen, positiven und kreativen Zugang zur Thematik besticht.

Autoren: Udo Küstner / Gisela Beckmann-Többen
Verlag: BALANCE Buch + Medien Verlag
ISBN: 978-3867390217