Aufopfern ist keine Lösung

Janine Berg - Peer

„Aufopfern ist keine Lösung“ ist der Titel eines der neuesten Bücher der Autorin Janine Berg-Peer, die sich wie schon in „Schizophrenie ist Scheiße, Mama“ ausführlich mit der Rolle von Eltern psychisch erkrankter Kinder beschäftigt.

Ging es im letztgenannten Buch um ihre sehr persönliche Geschichte mit ihrer Tochter, so beschreibt Janine Berg-Peer den Schwerpunkt des neuen Buches wie folgt: „Ganz unabhängig davon, ob die Versorgungsstrukturen gut oder weniger gut sind, oder um welche Diagnose es sich handelt, müssen jede Mutter und jeder Vater lernen, mit der erschütternden Erfahrung einer psychischen Erkrankung ihres Kindes fertig zu werden. Auch die besten Medikamente, Psychotherapien, ambulanten Hilfen, zugewandten Psychiater und Sozialarbeiter werden nicht verhindern, dass uns die psychische Erkrankung des eigenen Kindes hart trifft. Wir müssen uns mit unserer moralischen Verpflichtung gegenüber einem geliebten Menschen auseinandersetzen, mit unseren Gefühlen und Wünschen für unser Leben. Wir müssen lernen, mit emotionalen Erschütterungen und Schuldgefühlen umzugehen. Wir müssen uns fragen, ob wir Wut empfinden dürfen, wenn wir von unserem kranken Kind beschimpft oder ausgenutzt werden. Wir müssen entscheiden, ob eigene Ansprüche an unser Leben legitim oder egoistisch sind. Diese Auseinandersetzung erspart uns auch das beste psychiatrische System nicht. Es geht dabei um unsere Gedanken, unsere Gefühle, unser Verhalten. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns weniger hilflos fühlen werden, wenn wir eine neue Einstellung zur Krankheit unseres Kindes bekommen.“(S. 19)

An sich selbst und den eigenen Gefühlen arbeiten

Um diese neue Einstellung der Angehörigen geht es also in diesem Buch – eine Einstellung, an der jede/r Angehörige arbeiten muss/soll/darf, wenn sie/er möchte, dass ein positiver Umgang mit Erkrankung gefunden wird. Die Autorin schreibt dieses Buch ganz aus der Rolle eines Coach, die ihren SchicksalsgenossInnen als Erfahrene verständnisvoll, aber sehr deutlich darlegt, dass die Eltern so wie die Erkrankten selbst an sich und ihren belastenden Gefühlen arbeiten müssen. Denn „Es ist nicht die Krankheit alleine, sondern auch unsere Bewältigungsstrategien, die zu unserer hohen Belastung führen.“ (S. 48)

Diese belastenden Gefühle – Schuld, Scham, Sorgen – und deren Bewältigung stehen am Anfang des Buches im Zentrum der Betrachtung. Die Autorin wird nicht müde darauf zu pochen, dass wir es selbst sind, die Gefühle generieren und es unsere Entscheidung ist, ob wir uns von ihnen quälen lassen wollen. Ganz nach verhaltenstherapeutischer Manier versucht sie die hinter den Gefühlen stehenden destruktiven Denkweisen zu entlarven, sie gibt Anweisungen und macht konkrete Vorschläge, wie diese Gedanken entmachtet werden können.

Mitgefühl statt Mitleid

Im darauffolgenden Kapitel geht es dann darum, wie man zu mehr Mut und Gelassenheit kommen kann. Die zentralen Themen sind Loslassen, Kontrolle abgeben und Grenzen setzen – für manche Angehörige Reizworte, die sie nur allzu oft von professioneller Seite gehört haben. Viele Angehörige sehen die Sinnhaftigkeit dieser Themen ein, da sich die praktische Umsetzung aber meist mühsam und langsam gestaltet, regt sich dann häufig der Widerstand. Allen, denen es so geht mit dem Loslassen und den Grenzen, seien die Ausführungen von Frau Berg-Peer wirklich ans Herz gelegt – sie schafft es durch präzises Aufdecken der schädlichen Denkmuster und beständiges Wiederholen der wichtigen Punkte klar zu machen, dass „Konsequenz keine Bestrafung ist. Ich bin überzeugt, davon, dass es ein Zeichen von Liebe zu unserem Kind ist, wenn wir etwas tun wollen, das ihm hilft, langfristig unabhängiger von uns und möglichst selbständig zu werden. Das sollten wir uns immer sagen, wenn uns Mitleid überkommt, wenn wir denken, dass wir ihm etwas nicht vorenthalten können, ihm nicht sagen dürfen, dass wir nicht Tag und Nacht angerufen werden wollen oder auch darauf bestehen, dass es in eine eigene Wohnung zieht. Mitleid hilft unserem Kind nicht, stattdessen braucht es unser Mitgefühl. Wenn wir unser Kind bemitleiden, dann leiden wir mit ihm und sind keine Hilfe. Vor allem schauen wir auf es herab, weil wir glauben, dass es ein nicht lebenswertes Leben führt. Aber das stimmt nicht, auch ein Leben mit einer psychischen Einschränkung ist ein gutes Leben. Wenn wir unsere Kinder lieben, dann sollten wir ihnen genau das vermitteln. (S 189)

Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer

Titel: Aufopfern ist auch keine Lösung
Autor: Janine Berg - Peer
Verlag: Kösel-Verlag 2015