Als ich aus der Zeit fiel

Jens Jüttner

Der Jurist Jens Jüttner arbeitet nach 10 Jahren schwerer psychotischer Erkrankungsepisoden nun als Autor, als Referent rund um das Thema Schizophrenie und als EX-IN-Genesungsbegleiter in verschiedenen Sozialpsychiatrischen Einrichtungen.
Kreatives Schreiben ist für Jens Jüttner ein wichtiger Baustein der Selbsttherapie.
Im vorliegenden Erfahrungsbericht erzählt er offen und authentisch, wie er durch die Erkrankungsphasen gegangen ist und einen Weg heraus gefunden hat. Er will mit dem Buch anderen Betroffenen Hoffnung auf Genesung geben und einen Beitrag zur Entstigmatisierung schizophrener Erkrankungen leisten.


Für KONTAKT hat er in einem Gespräch mit Daniela Schreyer einige Fragen beantwortet:

Sie haben Ihr Buch über Ihren Weg durch die paranoide Schizophrenie mit einer spannenden Metapher betitelt: „Als ich aus der Zeit fiel.“ Können Sie uns erklären, was Sie mit Aus-der-Zeit-Fallen meinen?

Für mich ist die Idee zu dem Titel des Buches gekommen, weil ich in den 10 Jahren der Krankheit in gewisserweise auf der Stelle getreten bin, während die Welt sich weiterdrehte und die anderen ihr Leben lebten. Rein äußerlich schritt mein Leben zwar auch voran durch die private und berufliche Entwicklung. Ich habe geheiratet und wurde Vater, aber dennoch blieb ich innerlich in einer schier ausweglosen Situation stehen.

Leider sind Erkrankungen, bei denen auch paranoide Symptome vorkommen, nach wie vor sehr stigmatisiert und schambesetzt. Sie wollen mit Ihrem Buch Aufklärungsarbeit leisten. Was kann man gegen die Scham beim Wahn tun?

Ich glaube, es ist wichtig, dass man möglichst offen mit der Erkrankung umgeht und die Hintergründe erklärt. Stigmatisierung ersteht durch Unwissenheit und diese wiederum durch Tabuisierung. Daher ist Aufklärung ein ganz wesentlicher Schritt, um Ängste vor der Erkrankung zu nehmen.
Was den Wahn betrifft, sollte man einiges auch einfach mit Humor nehmen. Die abstrusen Gedanken sind im Nachhinein betrachtet oft auch zum Lachen. Schön ist es, wenn man als Betroffener selbst in der Lage ist, über den Irrsinn zu lachen und dann auch mit anderen zusammen.

Sie verwenden in Ihrem Buch immer wieder den Begriff der Wahrnehmungsverschiebungen bei Psychosen und erklären diese auch biologisch als Filterfunktionsstörung im Gehirn. Für wie wichtig halten Sie diesen biologischen Erklärungsansatz und die Behandlung mit Medikamenten?

Ich denke, dass die Biologie durchaus die wichtigste Rolle bei der Entwicklung einer Schizophrenie spielt. Insoweit sind Medikamente auch ein wichtiger Bestandteil der Therapie aber bei weitem nicht der einzige. In meinem Buch beschreibe ich ja auch, welche anderen Faktoren die Krankheit beeinflussen. Man sollte die konkrete Medikation aber ruhig auch immer wieder hinterfragen und versuchen zu optimieren. Für mich geht es zurzeit immer noch nicht ohne Medikamente.

Sie schreiben auch, dass ein vertrauensvolles, stabiles Umfeld dazu beitragen kann, Wahrnehmungsverschiebungen zu reduzieren. Wie sehen Sie hier die Rolle der Angehörigen?

Ich denke, dass Angehörige eine wichtige Rolle spielen können, dieses vertrauensvolle Umfeld zu schaffen. Allerdings ist das nicht immer leicht, weil sie selbst durch ihre Sorgen ja auch emotional sehr aufgewühlt sind. Dies kann sich negativ auf dem Betroffenen auswirken. Manchmal ist dann vielleicht auch etwas Abstand zu Angehörigen nötig. 

Sie haben Rechtswissenschaften studiert und haben sich zum Genesungsbegleiter für Menschen in psychischen Krisen ausbilden lassen. Wie gehen Sie in dieser Begleitung mit den Wahnvorstellungen Ihrer Klient*innen um?

Beim Umgang mit Menschen in einer akuten Psychose ist meines Erachtens wichtig, dass man ihnen nicht einfach um die Ohren haut, dass sie spinnen und das alles Unsinn ist, was sie erzählen. Hören sie den Wahnideen ernsthaft zu, und zeigen Sie, dass Sie durchaus darüber nachdenken. Bleiben Sie aber natürlich auf einer kritischen Distanz. Sie könnten zum Beispiel fragen: „Glaubst du denn, dass wirklich alle davon wissen? Ist das denn wahrscheinlich? Vielleicht war das ja auch nur Zufall. Vielleicht gibt es ja auch eine ganz einfache Erklärung dafür.“

Titel: Mein Weg durch die paranoide Schizophrenie
Autor: Jens Jüttner
Verlag: Pinguletta Verlag 2020