Empathie und Distanz / Paranoide Schizophrenie ohne Krankheitseinsicht

Dieses Thema im Forum "Erfahrungsaustausch für Angehörige" wurde erstellt von dawo, 22. Okt. 2019.

  1. dawo

    dawo New Member

    Liebe Forenmitgileder,
    schon lange versuche ich mehr Informationen zu Krankheits-Einsicht (bzw. das Nicht-Vorhanden-Sein dieser) in Bezug auf psychische Erkrankungen zu finden, wobei ich oft nur auf Behandlungsmöglichkeiten o.ä. gestoßen bin. Mein Interesse gilt jedoch einem möglichen Krankheitsverlauf bei nicht vorhandender Krankheitseinsicht (bzw. bei nicht stattfindender Behandlung).

    Meiner Mutter wurde vor mehreren Jahren im Rahmen einens Krankenhaus-Aufenthaltes paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Sie erfährt nun schon seit mehreren Jahren psychotische Zustände. Nun ist es seit ein paar Jahren so, dass es sich nicht mehr um vereinzelte Schübe handelt (sodass sie auch Phasen der "Klarheit" erlebt bzw. erleben kann). Vielmehr kommt es mir so vor, als würde sie ihre Umgebung nun ständig verändert wahrnehmen und dass sie durch diese ständig veränderte Wahrnehmung immer mehr in eine Spirale an Gedankensträngen kommt, die sie belasten, ihr Angst machen und sie auch teilweise gesundheitlich beeinträchtigen.

    Sie wurde bereits einige Male stationär behandelt, meist in Folge von Zwangseinweisungen, die sie immer noch beschäftigen und die sie als negativ beurteilt. Auf Grund ihres gesundheitlichen Zustandes sah ich mich auch schon gezwungen eine Einweisung in die Wege zu leiten. Ein weiterer Schritt war die Beantragung einer Sachwalterschaft, wobei ich mir kurz überlegte, diese selbst zu übernehmen. Mit der Erkenntnis, dass dies eine zusätzliche Belastung für mich und die Beziehung zwischen mir und meiner Mutter sein würde, wurde diese Aufgabe einem Rechtsanwalt übergeben.

    Meine Mutter lebt alleine und der Rest der Familie, sowie weitere soziale Kontakte bestehen schon länger nicht mehr. Meine Mutter erlebt(e) die Familie und Freunde als Belastung und so kam es durch ihre Haltung den Familienmitgliedern gegenüber zu einem Bruch. Ich hätte mir mehr Rückhalt der Familie gewünscht, aber habe auch eingesehen, dass es nicht immer möglich ist die Erkrankung und ihre Auswirkungen so zu vermitteln, dass dafür Verständnis aufgebracht wird.
    Ich sah mich ebenso mit schweren persönlichen Angriffen konfrontiert. Heute bin ich froh, dass ich mich auf eine versöhnende und ihre Ängste und Sorgen miteinbeziehende Weise gegen Anschuldigungen gewehrt habe und, wenn auch nicht immer, ihr Vertrauen genieße.

    Einer der schwierigsten Prozesse, neben dem Verstehen der Erkrankung, war für mich die Veränderung der Persönlichkeit meiner Mutter. Dadurch veränderte sich unsere Beziehung und es dauerte sehr lange, dies zu akzeptieren bzw. einen (gesunden) Umgang damit zu finden.
    Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass eine möglichst distanzierte Form der Empathie sinnvoll ist, so dass sie mir ihre Sorgen und Ängste, die ich auch ernst nehme, mitteilen kann, ohne dass dies zu emotionalen Erdbeben bei ihr oder mir führt. Man kann sich unsere Gespräche als Monolog vorstellen, in dem sie von durchaus intensiven Situationen berichtet.
    So handeln ihre wahnhaften Erfahrungen zumeist von Verfolgungen, Anschlägen, Vergewaltigungen, Morden, Einbrüchen, Freiheitsberaubungen, Diebstählen oder illegalen medizinischen Eingriffen. Weniger oft spricht sie auch von ihrer Kommunikation mit Flora und Fauna, die sie als positive Erfahrung erlebt.

    Da sie auf Grund der nicht vorhandenen Krankheitseinsicht jede Form der Behandlung ablehnt, also auch psychotherapeutische Gespräche, sehe ich mich vornehmlich in der Rolle einer Zuhörerin, die Verständnis für ihre Situation aufbringt. Dies bewältige ich auch nur Dank der Unterstützung meiner Freunde und einer Gesprächstherapie.
    Ich habe einen Weg gefunden mich auszudrücken, wenn ich mit Inhalten oder der Menge an Inhalten überfordert bin, ohne dass sie sich davon angegriffen fühlt. Meist jedoch redet sie sich so in Rage, dass ich auch manchmal lauter werden oder mein Anliegen immer wieder wiederholen muss, bis sie diese auch hört und versteht.

    Ich habe gelernt mit ihrer Erkrankung bzw. mit ihren Sorgen, Ängsten und Erlebnissen und der daraus resultierenden Aufregung Geduld zu üben. Wenn ich mit ihr kommuniziere, nehme ich mich zurück, was immer wieder eine große Herausforderung ist. Der gute Mittelweg aus Distanz und Empathie ermöglicht es mir mit ihr in Kontakt zu bleiben. Trotz der widrigen Bedingungen bin ich mir sicher, dass der ständige Prozess des Lernens und Auseinandersetzens mit der Erkrankung und ihren Folgen die Beziehung auch stärken kann.

    Ich bewundere jede/n Angehörige/n der/die den Mut aufbringt die psychsiche Erkrankung einer nahestehenden Person verstehen zu wollen und dabei helfen will, dass sich die Situation für den/die Betroffene/n zum Postiven verändert. Es erfordert nicht nur Mut, sondern auch Sensibilität und den Willen sich auf solch herausfordernde Situationen einzulassen.

    Nun fage ich mich, ob vielleicht schon jemand eine ähnliche Erfahrung, vor Allem die nicht vorhandene Krankheitseinsicht betreffend, gemacht hat?
    Gibt es Informationen bezüglich des Krankheitsverlaufes in solch einem Fall? Ich bemerke zunehmend Veränderungen kognitiver Fähigkeiten. Gibt es dazu auch bereits Erfahrungen oder Informationen?

    Es hat sehr lange Zeit gedauert, bis ich mich endlich dazu überwinden konnte hier einen Beitrag zu verfassen und freue mich über Erfahrungen oder Informationen zu meinen Fragestellungen!

    Vielen Dank für die Möglichkeit, Zeit und Aufmerksamkeit!
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  2. Esmi

    Esmi Member

    Hallo,
    ich muss sagen, kann dir gar nicht beantworten ob es Bücher od. etwas über einen weiteren Möglichen Krankheitsverlauf gibt. Glaub auch nicht. Da jede Schizophrenie sich auch anders zeigt.

    Meine verstorbener Freund war der Überzeugung er ist Daniel in der Löwengrube. Er war so zusagen besessen, hatte den Teufel in sich. Zwei Hälften. Er hatte viel lichte Momente und auch sehr ruhige Tage, solang er die Medikamente genommen hat, aber da er sie sehr lange genommen hat, hatten diese dann auch nicht mehr die Wirkung.

    Meinte auch oft, das es ihm damit schlimmer ginge. Ob es so war, keine Ahnung.

    Fremde haben das gar nicht mitbekommen, dass mit ihm was nicht stimmt. So im Griff hatte er sich, man kann damit mit der richtigen Behandlung(muss natürlich auch gewollt sein) sicher gute Tage und Stunden erleben.


    Eine Krankheitseinsicht hatte er nie, vorallem bis zu dem Zeitpunkt an dem er was erlebt hat, was in der Bibel steht. Von dem Punkt an dem er ja wusste, dass er bald sterben muss war Schluss.

    Hat seine Medikamente voll abgesetzt und hat Alkohol und Drogen konsumiert. Er wollte hier auch nicht wahrnehmen, dass hier seine Symptome verschlimmer (seiner Aussage nach, hätte er mal Ruhe im Kopf)
    Aber nach einem Höhenflug kommt der Tiefe Fall, da konnten wir Angehörige uns nur noch verstecken.

    Jemand der denkt er wär der beste, alles was er will muss sofort geschehen, wenn nicht, dann konnte es schon skuril werden. Wenn es dann nicht nach seinem Kram passte ist die Situation immer eskaliert, dadurch man es schon kennt, ist man dann doch in Deckung gegangen und hat ihn dann seine Wege gehen lassen und von sicherer Entfernung darum gekämpft das er die nötige Hilfe bekommt die er braucht. Was sehr schwierig war. Denn zwingen kannst du einen solange nicht, solange er sich oder andere nicht gefährdet.

    Meine Erfahrungen ist dahin, dass Menschen mit dieser Erkankung nicht aus dem Teufelkreis kommen. Gerade wenn sie keine Medikamente nehmen und auch dann... Sobald sie für sich selber merken, dass es besser ist, brauchen sie die Medikamente ja auch nicht, denn sie sind wieder gesund.

    Gerade in der Zeit der aktiven Perioden war er der festen Überzeugung ihm würde es an nichts fehlen und er war dort nicht zu bändigen.

    Er konnte in dieser Zeit kein Gleichgewicht halten, wirkte betrunken obwohl auf Leute die nicht wussten was los ist, obwohl er es nicht war. Wusst nicht mehr welcher Tag, Telefonnummer etc.

    Der Mann konnte von sehr aufgeregt, Selbstmordgefährdet auf völlig ruhig wechseln. Er drohte uns oft, lief von einer Seite zu nächste, quaselte wirres Zeug, sobald Rettung od Polizei da war, alles weg. Die Ruhe selbst!

    Hast du schon mal mit dem behandelten Arzt gesprochen über so einen Krankheitsverlauf??

    Letzen Endes denke ich, dass es wieder auf das hinausläuft, dass in der Form Dinge vorfallen die bei euch schon vorgefallen sind und dann wieder zur Zwangseinweisung kommen wird.
    Möchte dich hier nicht entmutigen, aber meine Erfahrung ist es mit einem langzeit Erkrankten mit keinerlei Einsicht. Das es immer gleich läuft bis die Person alt wird und daran verstirbt oder sich selbst entscheidet zu gehen. Ohne Medikamentöse Betreuung wird der die Phase meiner Meinung auch länger, weniger klare Gedanken.
    Wobei er am nächsten Tag aufgestanden ist und dazwischen wieder ein guter Tag war.

    Ich weiß das sie sich selbst in lichten Momenten wissen, dass sie krank sind. Das sind aber ganz kurze *gg*
  3. Glotti

    Glotti New Member

    Hallo dawo, vielen Dank für deinen sehr gut verfassten Text.
    Ich finde es gut, wie du mit deiner Mutter umgehst und Geduld hast.
    es ist eine schwierige erkrankung. manchmal können auch kleinere auslöser wie ein nahrungsmittelunverträglichkeit, die zu beispiel eine entzündung (im körper oder auch gehirn) auslöst und schlimmstenfalls eine art schizzophrenie auslösen kann, grung der erkrankung sein. so meine erfahrung.
    dein beitrag ist schon über ein halbes jahr alt, wie geht es euch jetzt?
  4. Glotti

    Glotti New Member

    ich finde auch toll, dass deine Mutter die Kommunikation mit Pflanzen als positive bewertet. Ich finde, solch eine Art kommunukation kein anzeichen von Schizophrenie, das machen auch gesunde. Belastend sind die Ängste, die in sensiblen Phasen als sehr bedrohlich empfunden werden - und realistisch. Ängste, die jeder Mensch auch hat, nur bei deiner Mutter besonders stark empfunden werden und so wie ich das verstehe, unkontrolliert sind.
  5. Katwas

    Katwas New Member

    Hey dawo, ich weiß nicht, ob du hier noch manchmal reinliest, aber ich würde dir trotzdem mal antworten.
    Mir geht es nämlich ziemlich ähnlich. Meine Mutter leidet seit vielen Jahren an paranoider Schizophrenie. Natürlich auch ohne Krankheitseinsicht. Ich bin mittlerweile 24 und bin sozusagen mit ihrer Krankheit aufgewachsen. Nur dass es lange gedauert hat, bis ich herausgefunden habe, dass sie nicht einfach nur manchmal komisch ist, sondern wirklich krank. Die Monologe ihrer wahnhaften Erlebnisse kenne ich nur zu gut. Die Nachbarn, die sie dauernd schikanieren, Fremde wegen denen sie nicht mehr in ihrem Lieblingsladen einkaufen "darf" oder Arbeitskollegen, wegen denen sie immer wieder ihre Arbeit verliert.
    Du schreibst, dass du das Gefühl hast, dass die klaren Momente immer weniger werden. Das ist mir bei mir leider auch aufgefallen. Früher gab es auch mal 1-2 Wochen, in denen alles relativ okay war. Mittlerweile habe ich schon lange kein "normales" Gespräch mehr mit ihr geführt. Ich habe auch das Gefühl, dass ihre kognitiven Fähigkeiten abnehmen. Sie kann sich kaum konzentrieren und ist einfach dauernd total durcheinander.
    Ihre komplette Familie hat sich ebenfalls schon lange von ihr abgewandt. Ich kann damit noch nicht gut umgehen und habe immer noch sehr viel Wut in mir, wenn ich daran denke. Meine jüngere Schwester und ich sind somit die einzigen Personen, denen sie noch vertraut bzw. mit denen sie überhaupt noch etwas zu tun hat.
    Da sie noch nie in Behandlung war, habe ich immer noch die Hoffnung, dass ich sie dazu bewegen kann und diese ihr Hilft. Die Hoffnung wird aber mit der Zeit immer kleiner. Ich weiß einfach nicht, wie ihr jemals jemand beibringen könnte, dass es nicht real ist was sie wahrnimmt. Und vor allem, dass sie Medikamente nehmen würde.
    Ich frage mich, ob ich mich langsam mit der Tatsache abfinden muss, nie wieder eine "normale" Mutter zu haben.
    Du bist bisher eine der einzigen Menschen, die so emphatisch über einen Angehörigen schreiben und die schlimmen Phasen mit durchstehen. Dafür bewundere ich dich sehr.
    Ich wohne mittlerweile von meiner Mutter ca. 1,5 Stunden entfernt und der räumliche Abstand und die damit verbundenen seltenen Besuche tun mir gut. Nach jedem Treffen muss ich mich erstmal wieder 1-2 Tage erholen.
    Unser Kontakt läuft hauptsächlich über WhatsApp, wo sie mir schreibt, was ihr alles passiert ist und ich kurz antworte ohne groß darauf einzugehen. Momentan habe ich noch keinen besseren Weg gefunden damit umzugehen. Einerseits sind wir die einzigen zwei Menschen, die sie überhaupt noch hat. Andererseits ist die psychische Belastung groß, verbunden mit dem Druck ihr helfen zu "müssen". Auch ist da irgendwie das Problem, dass ich das Gefühl habe, dass mich keiner verstehen kann. Ich will mit niemanden mehr darüber reden, weil die meisten Menschen nur noch mehr Druck aufbauen.
    Inwiefern hat dir deine Therapie dabei geholfen?
    Falls du die Nachricht hier noch liest, würde ich mich über eine Antwort sehr freuen.
    Chanti gefällt das.
  6. Chanti

    Chanti New Member

    @dawo und @Katwas , ihr habt die ersten und einzigen Worte im gesamten Internet geschrieben, nach denen ich schon ewig suche. Mir geht es genauso wie euch, bitte meldet euch bei mir. CSENDLER@WEB.DE Ich wünsche mir so sehr von Euch zu lesen!!