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Barrieren für Menschen mit psychischer Erkrankung

 

Hintergrund

Österreich hat 2008 die UN-Behindertenrechts-Konvention (UN-BRK) unterzeichnet, in der das Ziel der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung in vielfältigster Form beschrieben und gefordert wird. Die Konvention umfasst auch Menschen mit psychischer Erkrankung.


Artikel 1der UN-BRK führt aus:
„...Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können...“


Personen mit einer psychischen Erkrankung haben somit ebenfalls Anspruch auf Barriere-Freiheit.


Barrieren für psychisch erkrankte Menschen wurden bislang allerdings nirgendwo definiert und daher auch nicht bei Maßnahmen zur Umsetzung der UN-BRK beachtet. Und dies obwohl Österreich bereits 2008 der Behinderten-rechts-Konvention beigetreten ist.


Die Barrieren für psychisch erkrankte Menschen sind aber vielfältig - auch wenn sie für Außenstehende nicht immer sofort erkennbar sind. Und sie haben für die Betroffenen sehr weitreichende Folgen, die weit über singuläre Behinderungen hinaus gehen und ihr gesamtes Leben negativ beeinflussen können. Häufige Folgen sind: Verschlechterung der Erkrankung, soziale Isolation, existenzielle Not bis hin zu Suizidalität.

Angehörige sind mit betroffen

Barrieren behindern natürlich vorrangig das Leben der erkrankten Menschen. Aber das Leid und die Probleme, die durch Barrieren entstehen, haben auch enorme Auswirkungen auf das Leben von Angehörigen – auf Familie, Partner*innen, Freunde und alle, die in engem Kontakt mit einem erkrankten Menschen stehen.


Für Angehörige ist es zum einen das Leid, mit ansehen zu müssen, wie ihre erkrankten Menschen oft aus Scham oder Angst vor Diskriminierung lange Zeit nicht wagen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und dadurch enormem Leidensdruck ausgesetzt sind, in die soziale Isolation geraten, durch Vorurteile Kränkungen erfahren, Mut und Hoffnung verlieren und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben dahinschwinden sehen.


Zum anderen ergeben sich für Angehörige zumeist auch eine Fülle weiterer Anforderungen, um die teilweise sogar existenzbedrohenden Folgen von Barrieren auszugleichen: mit finanzieller Unterstützung, Hilfe im Haushalt und bei Erledigungen im Alltag, Begleitung zu medizinischer Versorgung, emotionalem Beistand, etc., etc.

Initiative der HPE

Der Vorstand von HPE hat einen Diskussionsprozess zur Identifikation von Barrieren für psychisch erkrankte Menschen initiiert.
Das gemeinsame Verständnis des Begriffes „Barrieren“ wurde von den Angehörigen wie folgt formuliert:
„Barrieren sind alle äußeren, also gesellschafts- und systembedingten Rahmenbedingungen, die den berechtigten Anspruch auf ein gesellschaftlich übliches Leben (Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Familie, Freizeit, selbstbestimmt Wohnen, etc.) behindern.“


Ziel der HPE ist es, den Abbau von Barrieren und damit den berechtigten Anspruch von Menschen mit psychischer Erkrankung zur gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft zu erreichen. Dies würde nicht nur das enorme Leid von Menschen mit psychischen Erkrankungen lindern, sondern auch deren Angehörige bzw. Freunde entlasten.


Die nachfolgende Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und es ist der Blickwinkel von uns Angehörigen, wenn wir beobachten, wo unsere erkrankten Familienmitglieder hängen bleiben, stolpern, kämpfen, um Autonomie ringen und vielfach an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft ge/behindert werden.

Besonderheiten psychischer Erkrankungen

Psychischen Erkrankungen weisen (gegenüber somatischen Erkrankungen) gewisse Besonderheiten auf, die bei der Schaffung barrierefreier Rahmenbedingungen Berücksichtigung finden müssen.

 

  • Psychische Erkrankungen, die damit einhergehenden Symptome und Beeinträchtigungen sind vielfach nicht sichtbar und daher für Außenstehende nicht nachvollziehbar:
    • das subjektive Erleben der erkrankten Person ist nur schwer zu (be)greifen bzw. zu verstehen
    • das Wissen der Bevölkerung über psychische Erkrankungen ist gering - psychische Erkrankungen sind nach wie vor ein Tabu-Thema, über das wenig gesprochen und informiert wird
    • Erkrankten selbst fällt es besonders in Krisenphasen oft schwer, ihre Probleme anderen Menschen verständlich zu machen

Barrieren für  psychisch erkrankte Menschen sind daher für Laien und Außenstehende  nicht offensichtlich, von außen kaum erkenn- und begreifbar.

  • Psychische Erkrankungen haben zumeist einen phasenhaften Verlauf: gute, ‚gesündere‘ Phasen und instabile/verletzlichere, krisenhafte Phasen wechseln einander ab. Ein und dieselbe Situation kann von Erkrankten daher einmal gut bewältigt werden, stellt aber beim nächsten Mal ein großes Problem, eine große Barriere dar.
    Auch in den guten Phasen muss man jedoch davon ausgehen, dass es sich bei Personen mit psychischen Erkrankungen um besonders vulnerable Menschen handelt, für die der Alltag das Risiko vielfältiger Stress-Situationen birgt, die zu einer neuerlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes und letztlich zu einer psychischen Krise führen können.


Barrierfreiheit für psychisch erkrankte Menschen
muss daher nicht nur auf aktuell vorhandene Beeinträchtigungen, sondern auch auf das Vermeiden von potenziell Stress generierenden Situationen abgestimmt sein.

  • Psychische Erkrankungen treten häufig in sehr jungen Jahren auf, bewirken sozialen Rückzug und können durch die Besonderheit der Situation (z.B. Krankheitsphasen, Krankenhausaufenthalte) zu Versäumnissen in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, also im Erlernen von Erwachsenen-Kompetenzen führen. Bei frühzeitiger Erkrankung kann es zu einer Einschränkung im Erwerb der Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung kommen und aufgrund des sozialen Rückzugs zum Fehlen eines über das familiäre Umfeld hinaus gehenden sozialen Netzes auf das Erkrankte insbesondere in Krisenzeiten zurückgreifen könnten. 


Das Fehlen individueller Unterstützung zur Alltagsbewältigung stellt somit eine Barriere dar.

 

 

Krankheits-Symptome und damit verbundene Einschränkungen

Folgende krankheitsbedingten Einschränkungen, die fallweise  - vor allem in Krisensituationen - auftreten können, müssen bei der Entwicklung barrierefreier Rahmenbedingungen für psychisch erkrankte Menschen Berücksichtigung finden:

  • geringe Stress-Resistenz - z.B. Stress durch Reizüberflutung, Menschenansammlungen (in öffentlichen Gebäuden, Wartezimmern, öffentlichen Verkehrsmitteln, etc.)
  • Energie-, Antriebslosigkeit - krankheitsbedingt, aber z.T. auch als Nebenwirkung einer Arzneimittel-Einnahme; dadurch können z.B. viele Angebote nicht aktiv gesucht/aufgegriffen oder Termine - besonders am frühen Morgen - eingehalten werden
  • veränderte Selbst- und Fremd-Wahrnehmung  - Stimmen hören, Halluzinationen, Realitätsverlust - dies beeinflusst z.B. die Interpretation sozialer Situationen mit dem Ergebnis des Rückzugs oder der Ablehnung
  • mangelnde zeitliche und/oder räumliche Orientierung - Schwierigkeit beim Aufsuchen unbekannter Orte/Einrichtungen, bei der Einhaltung von Terminen/ Öffnungszeiten
  • Spannungszustände  - Aggression, Gereiztheit, Rastlosigkeit, Angst
  • reduzierte soziale Interaktionsfähigkeit  - Kontaktschwierigkeiten
  • phasenweise kognitive Beeinträchtigung/en  - Konzentrationsschwierigkeiten/nicht zuhören können/ mangelnde Fähigkeit sich verständlich zu artikulieren/ reduzierte Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.
  • Angstzustände, Panikattacken/ Zwänge/Zwangsvorstellungen

 

Identifizierte Barrieren

Gesellschafts- und systembedingte Barrieren für psychisch erkrankte Menschen können sich auf verschiedensten Ebenen ergeben:

  • Barrieren aufgrund von Stigmatisierung -Stigma, Diskriminierung, Vorurteile, Klischees
    • stellen aus Scham und erzeugten Ängsten eine große Hürde für die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe dar
    • hindern an der Verwirklichung von Lebenszielen, nehmen die Kraft und den Mut dazu
    • führen zur Ausgrenzung erkrankter Menschen auf verschiedensten Ebenen (mit den möglichen Folgen von sozialer Isolation, Ausscheiden aus dem Arbeitsleben, Armut, Wohnungsverlust)
    • können bei zusätzlicher Stigmatisierung aufgrund  von Armut, Migration, Behinderung, Alter, etc. zu einer mehrfachen Belastung führen
    • sind im ländlichen Raum aufgrund fehlender Anonymität besonders belastend
  • Barrieren in Zusammenhang mit der medizinischen und psychosozialen Versorgung Fehlender/eingeschränkter Zugang zu psychosozialer Versorgung:
    • Mangelnde Transparenz über bestehende Angebote
    • fehlende Anspruchsberechtigung  -z.B. auf Reha, Psychotherapie
    • finanzielle Barrieren – z.B. Selbstbehalte / fehlende Kassenplätze für Psychotherapie, niedergelassene Psychiater
    • geografische Barrieren- z.B. große Distanzen, keine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, etc.
    • kulturelle- und Sprach- Barrieren –z.B. mangelnde Sprachkenntnisse, aber auch die mangelnde Fähigkeit, sich auszudrücken  über die Erkrankung, damit einhergehende Symptome, etc.
    • lange Wartezeiten auf medizinische Hilfe (Therapieplatz; Reha; ..) was sich besonders in Krisenphasen katastrophal auswirken kann
    • mangelnde Wahlfreiheit (Arztwahl, Regionalisierung)
    • fehlende/mangelnde Versorgungsangebote - z.B. kassenfinanzierte Versorgung mit Psychiater*innen, Psychotherapie, Angebote für ältere psychisch Erkrankte mit somatischem Pflegebedarf, aufsuchende Versorgung z.B. älterer Menschen mit psychischer Erkrankungen: Hausarzt, Fachversorgung




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