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Kay Redfield Jamison

Meine ruhelose Seele

Cover Buch

Die Geschichte einer bipolaren Störung

Kay Redfield Jamison, selbst Ärztin und Psychiatrieprofessorin an der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, berichtet in „Meine ruhelose Seele“ von ihrem jahrzehntelangen Kampf mit der eigenen manisch-depressiven Krankheit. Im Vorwort der 2. Auflage, die 2011 erschien, (Originalausabe 1995) schreibt Jamison von der Wichtigkeit der Veröffentlichung des „eigenen Wahnsinn“, um anderen Betroffenen zu helfen, Verständnis zu schaffen und Stigmatisierungen abzubauen.

 

Glückliche Kindheitsjahre als Talisman

 

Die autobiographische Studie beginnt mit Einblicken in ihre Kindheit und Jugend. Als Tochter eines Meteorologen und Berufsoffiziers bei der Air force der „gerne seine Nase gen Himmel streckte, hoch hinaus, der Sonne entgegen“, und einer großzügigen, warmherzigen, bodenständigen, sozialen Mutter beschreibt sie glückliche Kindheitsjahre, die sie als „starken Talisman gegen Unglück“, das ihr in ihrem weiteren Leben durch die psychische Erkrankung widerfahren war, empfand und nutzen konnte. Sie war ein temperamentvolles, neugieriges Kind, das schon früh Interesse an der Medizin hatte und von einem Praktikum als 15-Jährige auf einer psychiatrischen Abteilung nachhaltig geprägt wurde.

 

Erste depressive Phasen in der Jugendzeit

Der Jobwechsel des Vaters und die Übersiedlung nach Südkalifornien, wo sie sich lange als Außenseiterin erlebte, ließ ihre Welt in der Jugendzeit auseinanderbrechen: Sie erkrankte erstmals in der Abschlussklasse der Highschool, nach außen hin ließ sie sich die depressive Phase mit starken Todeswünschen nicht anmerken. Mit Beginn des Studiums der Medizin verstärkten sich die Stimmungsschwankungen des jungen Mädchens, jeder Manie, die von Kreativität und Produktivität geprägt war und eine große Faszination auf sie ausübte, folgten Phasen des Ichverlusts und der Lähmung, sie entgeht nur knapp dem Suizid. Dennoch, sie war süchtig auf die Manien: „Ich war süchtig nach ihrer Intensität, nach der Euphorie, nach der Sicherheit, in der man sich wiegt, und nach ihrer ansteckenden Wirkung auf andere. …Ich konnte nicht darauf verzichten.“ (S. 94) Ihr Leben auf der „Überholspur“ und die Jagd nach einer Professur und nach Anerkennung und ein schillerndes kalifornisches Partyleben waren so reizvoll, dass sie die Depressionen in Kauf nahm.

Perspektive als Ärztin und Perspektive als Betroffene

In einer Distanz zu sich selbst berichtet sie in einzelnen Kapiteln darüber, dass sie trotz ihres Wissens über die psychischen Störungen diese an sich selbst lange nicht erkannt, geschweige denn akzeptiert hatte, und einer Behandlung mit Medikamenten sehr ablehnend gegenüberstand. Sie bekam Lithium, dieses half ihr auch, trotzdem war es erst die Hilfe durch Psychotherapie, die ihr ermöglichte, wertvolle Einsichten – auch in die Sinnhaftigkeit der Medikamente – zu gewinnen. „Kein Medikament kann mir helfen, mit dem Widerwillen gegen die Medikamente fertig zu werden; ebenso wenig wie keine Psychotherapie alleine meine manischen und depressiven Phasen verhindern kann. Ich brauche beides.“ (S. 86)

Als Ärztin, Wissenschaftlerin und Leiterin einer großen Lehr- und Forschungseinrichtung für „Affective Disorders“ hat sie in der Behandlung ihrer PatientInnen die Wirksamkeit der Medikamente nie angezweifelt. „Wir hielten den kombinierten Einsatz von Medikamenten und Psychotherapie für wirkungsvoller als die ausschließliche medikamentöse Behandlung und legten großen Wert darauf, unsere Patienten und ihre Familienangehörigen über die Krankheit und die Therapie aufzuklären.“ (S. 120)


Bis zuletzt aber – und dies wird im Epilog noch einmal mehr als deutlich - verbleibt Jamison in einer Verklärung und Idealisierung der Manien. Sie betont, auf diese Erfahrungen rückblickend nicht verzichten zu wollen und – unter der Prämisse, Lithium nehmen zu können – sich sogar aus freiem Willen dafür (quasi in einem nächsten Leben) zu entscheiden, denn „Selbst wenn ich in höchstem Maß psychotisch war – verwirrt, halluzinierend, rasend -, war mir bewusst, dass ich ganz neue Bereiche in meinem Geist und meinem Herzen entdeckte.“ (S. 202)


Mir persönlich führt dieses doch unerwartete Ende des Buches wieder einmal deutlich vor Augen, wie stark das subjektive und egozentrische Erleben aus der Binnenperspektive der Betroffenen vom Erleben der Angehörigen und von der Perspektive der Professionellen abweicht – ein Riss, ja manchmal eine unüberwindbare Kluft, die – wie bei dieser Autorin – sogar mitten durch eine Person geht. Es ist sehr mutig, wie Dr. Jamison mit großer Offenheit uns diese ehrlichen Einblicke in ihre Seele gewährt.


Für Sie rezensiert: Daniela Schreyer


Autorin:
Kay Redfield Jamison
Verlag: Münchner Verlagsgruppe (mvgVerlag) 2019
ISBN: 978-3868825046

 

 

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