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"Wer helfen will, muss auch auf sich schauen."

Als vor Jahren die Krankheit in unsere Familie kam und es sicher wurde, dass sie uns lange begleiten würde, gab es viele Fragen, weil alles völlig neu und unbekannt war. Ich habe Informationen aller Art in mich aufgesogen wie ein Schwamm.

Wichtig waren mir auch Gespräche mit anderen betroffenen Familien.

Damals gab es eine Selbsthilfegruppe und die Gespräche in dieser Runde haben mich viel gelehrt. Die Moderatorin hat uns immer gefragt: „Was habt ihr für euch getan?“ Wir wurden bestärkt, ein eigenes Leben zu führen und dass wir deshalb keine schlechten Angehörigen sind. Wer helfen will, muss auch auf sich selbst schauen, wenn man Kraft dafür haben soll. 

Es kostete Überwindung, die Selbständigkeit zu fördern

Durch das Kennenlernen der verschiedenen Lebensgeschichten habe ich verstanden, dass diese Krankheit in den unterschiedlichsten Lebensmodellen vorkommt und darin keine Schuld begründet ist. Ich konnte erkennen, dass ich meinem erkrankten Sohn mehr zutrauen muss, wenn er Fortschritte in seiner Entwicklung machen soll. Es kostete Überwindung, die Selbständigkeit zu fördern, im Vertrauen auf seine Ressourcen. Es wurde mir geholfen, meine Zukunftsängste abzuschwächen, auch weil mir alle finanziellen Möglichkeiten aufgezeigt wurden.

Unser Sohn - und wir – hatten eine äußerst schwierige Phase hinter uns, die unser Zusammenleben sehr belastet hat. Nach diesem Tief war er besonders hilfsbedürftig und wenig belastbar. Trotzdem riet uns der behandelnde Arzt, diese Zeit des Aufwärtsgehens zu nützen, um unser Kind in mehr Selbständigkeit zu führen.

 

Wagnisse eingehen

 

Wir hatten die größten Bedenken, wie unser Sohn das schaffen sollte. Endlich entschieden wir uns, das Unwahrscheinliche zu wagen. Wir meldeten ihn für eine eigene Wohnung der Gemeinde Wien an. Dank eines Begleitschreibens des behandelnden Arztes wurde ihm schon drei Monate später eine Wohnung zugewiesen. Es war eine kleine Wohnung in unserer und der Nähe der gleichfalls zu betreuenden Großmutter. Anfangs wehrte sich unser Sohn auszuziehen. Er meinte, warum darf mein (jüngerer) Bruder zu Hause wohnen und ich nicht?

 

Wichtiger Schritt in Richtung Erwachsen-Werden

 

Wir konnten ihn aber überzeugen, dass dies ein wichtiger Schritt in Richtung Erwachsen-Werden sei und sicherten ihm zu, dass er uns jederzeit besuchen könne. Endlich war der Umzug geschafft und unser Sohn fand überraschend schnell Gefallen an seinem eigenen Zuhause, ja es schien sogar seiner Genesung zu fördern. Er besuchte auch öfter seine Oma und konnte für sie später kleine Erledigungen machen, was sein Selbstvertrauen förderte.

 

Mut und Vertrauen in die Möglichkeiten unseres Sohnes

 

Heute wohnt unser Sohn noch immer alleine in seiner Wohnung und kann sich auch auf seine Art versorgen. Wir respektieren das, weil wir möchten auch keine Vorschriften, wie wir unseren Haushalt zu führen haben. Das alles hat viel Mut und Vertrauen in die Möglichkeiten unseres Sohnes verlangt, aber wir sind froh, dass wir es gewagt haben. 


Brigitte *

 

Name von der Redaktion geändert.