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17. März 2016 - Wien

Was ist Schizophrenie?

Und wie als Angehörige mit der Erkrankung umgehen?

HPE Seminar „Mit psychotischen Menschen in Beziehung sein“, ein Seminar für Angehörige und Freunde von Menschen, die an einer schizophrenen Störung (Psychose oder Schizophrenie) leiden.

Seit nunmehr fast 20 Jahren findet in der Beratungsstelle der HPE in Wien 2mal jährlich  eine 7-wöchige Seminarreihe für Angehörige zum Thema „Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis“ statt. Rund 550 Angehörige fanden im Rahmen dieser Seminare Information, Entlastung durch den Kontakt und den Austausch mit anderen Angehörigen, mehr Sicherheit im Umgang mit ihrem erkrankten Familienmitglied und nicht zuletzt Hoffnung und Kraft für eine positive Bewältigung der Erkrankung.

Wozu Psychoedukation?

Unter dem Begriff Psychoedukation wird eine systematische didaktische-psychotherapeutische Intervention verstanden, bei der PatientInnen und Angehörigen wissenschaftlich fundierte Information über eine Erkrankung vermittelt wird, die dem Aufbau von Krankheitsverständnis, der Förderung des selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und der Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung dient. (Definition der Deutschen Gesellschaft für Psychoedukation, DGPE)

Konkret findet Psychoedukation in Form von mehrwöchigen Schulungen für PatientInnen und Angehörigen statt. Die Indikationsbereiche sind vielfältig (Schizophrenie, Depression, Bipolare Störungen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Angst- und Panikstörungen, Zwangserkrankungen etc.), es gibt zahlreiche Manuale für die Konzeption solcher Schulungen und viele Studien, die ihre Wirksamkeit belegen. (Josef Bäuml, Gabriele Pitschel-Walz / Technische Universität München)

Schulungen für Angehörige

Abgesehen davon, dass die Angehörige als maßgeblicher Beziehungsrahmen für ihr erkranktes Familienmitglied ein Recht auf Information und Unterstützung haben, zeigen Untersuchungsergebnisse, dass die Schulung von Angehörigen deren Belastung verringert (Bäuml, 2002; Wancata, 2009), die Behandlungsbereitschaft der PatientInnen verbessert (Pitschel-Walz, 2006) und die Rückfallrate der PatientInnen um bis zu 20 % senkt (Pitschel-Walz 2001; Metaanalyse von 25 Studien) Die besten Ergebnisse werden durch die getrennte Psychoedukation für PatientInnen und Angehörige erzielt.

Soweit kurz die Theorie. Eine traurige Tatsache ist leider, dass es wider besseren Wissens und theoretischer Erwünschtheit solche Schulungen von Angehörigen kaum stattfinden. Die Gründe hierfür sind vielfältig und nicht zuletzt in der fehlenden Bezahlung durch das Gesundheitssystem zu finden.

Das HPE Seminar: „Mit psychotischen Menschen in Beziehung sein“

Hintergrund und Zielsetzung

Alle Angebote der HPE stehen traditionell auf der Basis des Selbsthilfegedankens und der Angehörigenzentrierung.

In Bezug auf das Seminar „Mit psychotischen Menschen in Beziehung sein“ heißt das konkret, dass der strukturierte Erfahrungsaustausch unter den Angehörigen einen wichtigen Stellenwert einnimmt und gefördert wird. Am Ende des Seminars gibt es auch die Möglichkeit für die Angehörigen, sich weiter in moderierten Selbsthilfegruppe zu treffen.

Angehörigenzentrierung bedeutet, dass es wohl inhaltlich sehr viel um die Erkrankung des Familienmitgliedes geht, im Zentrum aber immer das Wohlbefinden des Angehörigen und der Beziehungsaspekt steht. „Wie geht es mir als Angehöriger mit den Wahnvorstellungen, den Halluzinationen, dem sozialen Rückzug des Erkrankten etc.?“ „Was macht für mich die Beziehung so schwierig und wie kann ich damit besser umgehen?“ „Was kann ich als Angehöriger in der Beziehung zu meinem erkrankten Familienmitglied tun, um eine Behandlung gut zu begleiten.“ Dieser Fokus hat dem Seminar auch den Namen gegeben. Wir versuchen, die Angehörigen bei ihrer eigenen Bedürftigkeit, ihrem Leidensdruck, abzuholen und darauf aufbauend die Beziehung mit dem erkrankten Familienmitglied in eine – letztlich für beide Seiten – konstruktive Richtung zu lenken.

Das Primärziel des Seminars ist es nicht – überspitzt formuliert - die Angehörigen als Co-Therapeuten für die Rückfallprophylaxe des Erkrankten zu instrumentalisiert sondern:

  • die emotionale Entlastung der Angehörigen,
  • die Verbesserung des subjektiven Befindens,
  • die Wiedererlangung der eigenen Handlungsfähigkeit
  • und das Finden eines selbstbestimmten Standpunktes in der eigenen Angehörigenrolle

haben oberste Priorität.

Ablauf und Inhalt

Die Struktur der Gruppensitzungen des Seminars orientiert sich an den gängigen Programmen der Psychoedukation für Angehörige.
Inhaltlich ist das Seminar grundsätzlich am sozialpsychiatrischen Denken und Handeln orientiert.

1. Abend: Einführungsabend. Gruppenfindung, Einführung ins Seminar, Klärung des organisatorischen Rahmens
2. Abend: Schizophrene Störungen erkennen und verstehen: Diskussion des Krankheitsbegriffes, Abgrenzung zu anderen Störungsbildern, Häufigkeit, Verlauf, Erscheinungsbild, Krankheitszeichen. Verständnismodell zur psychotischen Erlebniswelt
3. Abend: Was könnten die Ursache sein? Multifaktorielle Genese (bio/psycho/sozio), Erklärungsmodelle Einzelfaktoren, Vulnerabilitäts-Stress-Modell, Schuldthematik.
4. Abend: Behandlung: Medikamente. Grundsätze der medikamentösen Behandlung von Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis. Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente. Behandlungsbereitschaft
5. Abend: Behandlung - Psycho- und Soziotherapie, Krankheitsbewältigung. Überblick über psycho- und soziotherapeutische Angebote im ambulanten und stationären Bereich. Krisenbewältigung. Krankheitsvorsorge.
6. Abend: Berufliche Rehabilitation. Möglichkeiten und Grenzen eines beruflichen Tätig-Seins für Menschen mit psychischen Erkrankungen
7. Abend: Rolle der Angehörigen. Wissenschaftliche Konzepte zur Rolle der Angehörigen. Allgemeine Empfehlungen für den Umgang mit dem Erkrankten. Individuelle bewährte Bewältigungsstrategien aus dem Alltag.

Rückmeldungen zum Seminar

Wir haben nach dem Seminar auch um ein schriftliches Feed-Back gebeten, um etwas mehr über die TeilnehmerInnen und deren Eindruck vom Seminar zu erfahren:

Wer waren die Teilnehmenden?

80% waren Frauen, das Alter lag im Durchschnitt bei 51 Jahren. Zum Seminar wurden meist die klare Strukturierung, die gut aufbereiteten Informationen und vor allem auch der Austausch der TeilnehmerInnen untereinander als sehr positiv hervorgehoben. Nach dem Schulnotensystem wurde dieses Angebot mit einem „Sehr gut“ beurteilt. (Durchschnitt 1,2). 74% der Personen gaben an, weitere Angebote der HPE in Anspruch nehmen zu wollen, 48% hatten Interesse an der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe.

Veränderungen durch das Seminar

Zu einigen Themen wurden die TeilnehmerInnen sowohl vor, als auch nach dem Seminar befragt: So gaben die Personen ihr Wissen zu „psychischen Erkrankungen, Therapiemöglichkeiten und Rehabilitation“  auf einer 10-teiligen Skala (1 „sehr wenig“; 10 „sehr viel“) vor dem Seminar mit 4,3 an, während dem Seminar stieg dieser Wert auf 7,0 an (Durchschnitt) – dies entspricht einer Steigerung um 60%! Aber auch die Beziehung zum erkrankten Familienmitglied  hat sich aus der Sicht der Angehörigen in dieser Zeit verbessert – hier stieg der Punktewert um 22%.
Auf die Frage „Wie hoch schätzen Sie Ihre Belastung durch die psychische Erkrankung Ihres Familienmitglieds ein?“ gaben die TeilnehmerInnen auf der 10 teiligen Skala (1 „Gering“; 10 „Sehr hoch“) vor dem Seminar den hohen Wert 7,3, nach dem Seminar den um 12% niedrigeren Wert von 6,4 an.

Rückmeldung: persönlich

In der Rubrik „Was mir gefallen hat“ können uns die Angehörigen ein persönliches Feedback geben.

Für mich gab es viele Denkanstöße
- über Dinge, die ich tun aber auch besser unterlassen soll
– und dass ich Trauerarbeit leisten muss, um mich von dem Kind, das meine erkrankte Tochter vor 8 Jahren (als sie noch gesund war) war zu verabschieden
.

Man fühlte sich aufgefangen, gut aufgehoben und ernst genommen. Nach jedem Seminarabend verlasse ich neu gestärkt die HPE.

Profunde Information, Erfahrungsaustausch, kompetente Vortragende – einfach wichtig für Angehörige von Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind!

Informationen, die man auch praktisch anwenden kann

Klare Strukturierung, einfach verständliche Information, viel Informationsmaterial, kein Perfektionsanspruch, auch preisgünstig!
Aufklärung über die Krankheit, Kennenlernen von Begriffen, alternative Möglichkeiten im Umgang mit der Situation als Angehöriger erfahren


Ihr seid super und habt mir und meinem Mann wirklich geholfen, ein „normales“ Leben zu führen

Sehr ruhige und entspannte Atmosphäre, gute Tipps!

Die umfassende Informationsvermittlung durch dieses Seminar hat mir sehr geholfen, mit dieser Erkrankung gut umgehen zu können.

... dass und wie alle Fragen beantwortet worden sind

die Vielfalt, mit der man an die Problematik „psychotische Erkrankung“ herangehen kann

Ausblick

Das Seminar hat sich aufgrund neuer Erkenntnisse und Konzepte, die in den letzten Jahren in der Psychiatrie Einzug gehalten haben, gewandelt. Vor allem betonen möchte ich die Zugänge der anthropologischen Psychiatrie, die Empowerment-orientierte Haltung und die Recovery-Forschung, die wertvolle Impulse zum Verständnis psychotisch erkrankter Menschen, zur Beziehungsgestaltung mit ihnen und zur Klärung eines der wichtigsten Themen, das Angehörige bewegt, gebracht hat: „Was darf ich hoffen?“
Nämlich: Bitte ja unbedingt hoffen und weit mehr als bisher immer angenommen hoffen. Aber  – anknüpfend an Prof. Heinz Katschnigs Schlagwort der „realistischen Hoffnung“ -  eine Hoffnung mit Realitätsbezug, immer die Gegebenheiten, Möglichkeiten und Bedürfnisse der erkrankten Person im Auge.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch ganz herzlich bei Dr. Elisabeth Dolak, Fachärztin für Psychiatrie bedanken, die von Beginn an als Ärztin diese Seminare mit mir begleitet. Darüber hinaus auch ein Dankeschön an alle KollegInnen, die mir im Bereich der beruflichen Rehabilitation zur Seite stehen.

Ich freue mich, dass das Seminar trotz des Informationsüberflusses durch die modernen Medien nach wie vor so großen Anklang findet und  – vor allem seit es dank unserer Finanzierung durch das Sozialministeriumservice auch kostenlos angeboten werden kann – immer wieder sehr schnell ausgebucht ist.

Die wichtigsten Anregungen für die Weiterentwicklungen des Seminars kamen natürlich von den TeilnehmerInnen selbst, den Angehörigen-ExpertInnen, mit denen und von denen ich seit vielen Jahren gemeinsam lernen darf, was psychische Erkrankung in der Familie bedeutet und was hilft, damit besser umzugehen.

Daniela Schreyer, diplomierte Sozialarbeiterin, Beraterin in der Beratungsstelle der HPE. Leiterin des HPE Seminars „Mit psychotischen Menschen in Beziehung sein“.

 

 

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