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Du verstehst mi ned!

Reden über psychische Erkrankung in der Familie

Dieses Jahr hat die HPE Tagung wieder in Wien stattgefunden - im Don-Bosco-Haus, das inmitten eines üppigen Villenviertels mit vielen grünen Gärten liegt. Auch das Wetter hat sich für die Dauer der Tagung auf Frühsommer umgestellt und das Zusammensitzen am Abend in einer wienerischen Institution, dem Heurigen Wambacher, war fröhlich und laut. Diese freundlichen Umfeldbedingungen waren wichtig - denn das Thema „Kommunikation“, das sich hinter dem Tagungstitel versteckt, ist wahrlich kein leichtes!

Dipl.Psych. Claudia Dahm-Mory und Dr. Karl Panzenbeck haben die Thematik in ihren Fachvorträgen theoretisch beleuchtet. Claudia Dahm-Mory fragt wie man die Mauer des Schweigens, die sich durch falsche Kommunikation oft zwischen Angehörigem und Betroffenem aufgebaut hat, durchlöchern kann; Karl Panzenbeck schaut auf neue Kommunikationsmethoden wie z.B. den Offenen Dialog (Open Dialog), die anstelle von  bzw. zusätzlich zu medikamentösen Methoden eingesetzt werden können.


Aus beiden Vorträgen kommt man zu vergleichbaren Aussagen:

  • Kommunikation heißt nicht, den eigenen Standpunkt durchzusetzen, sondern mit einer verstehenden, empathischen Haltung auf den anderen zu schauen;
  • Wahrnehmen ist verschieden von Interpretieren;
  • Das „Bewusstheitsrad“ macht den ganzen Ablauf von einer Situation und deren Sinneswahrnehmung weiter zur Interpretation und schließlich hin zum Gefühl und dessen Auswirkung auf den Körper und das Selbstwertgefühl klar;
  • Kommunikation wird von jedem in bestimmten Mustern geführt, die andere Muster beim gegenüber hervorrufen können; so kann der Beziehungsstil von Menschen in einen Kreis - dem Kiesler Kreis - zwischen dominant/unterwürfig und freundlich/feindlich eingeordnet werden;
  • Kommunikation kann im Open Dialog direkt als Behandlungsmethode ergänzend zu medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung angewendet werden;
  • Wichtig ist dabei Kommunikation zwischen allen für einen psychisch Erkrankten wichtigen Personen auf Augenhöhe - jeder wird gehört und gleich ernst genommen.

DGKP Horst Leimberger schildert in seinem Vortrag wie im Rahmen der Firma MIK-OG eine Beziehung zwischen Betreuern und völlig zurückgezogenen Patienten doch noch hergestellt werden kann. Anhand von vielen Beispiele sieht man, dass man dafür Zeit aufwenden, kreativ und individuell vorgehen muss. Dazu gab es viele Anfragen - da besteht großer Bedarf. Im Zuge der Diskussion wurde klar, dass Österreich auf dem Gebiet Betreuung zu Hause nachhinkt. In Italien sind solche Dienste nach stationären Aufenthalten Usus und in Deutschland wird gerade eine „Stationsäquivalente Behandlung“ eingeführt.

Der Nachmittag des ersten Tagungstages war wie immer 6 verschiedenen Workshops gewidmet:

  • Nach den schwierigen Themen des Vormittags haben alle, die den Workshop Qi Gong besucht haben, das Wiederherstellen des Fließens ihrer Lebensenergie genießen können! Frau Friederike Geppert hat eine exzellente QI Gong Lektion abgehalten und Lust auf mehr gemacht.
  • Ein zweiter Workshop: “Im Notfall helfen“ hat sich mit der Hilfe bei psychiatrischen Krisen beschäftigt und zwar am Beispiel des psychiatrischen Not- und Krisendienstes PNK in Kärnten (Mag. Martina Prechtner-Pototschnig). Schnell hat die Teilnehmer-Runde jedoch ihre eigenen Erfahrungen mit Krisen aus ihrem Bundesland erzählt und diese Erfahrungen wurden untereinander ausgetauscht. Die Tatsache, dass sich Angehörige - wenn sie sich um Kontakt zu ihren zurückgezogenen, abweisenden  erkrankten Angehörigen bemühen - durch eine Vielzahl von Behörden durchbeißen müssen von denen ihnen vielfach jede Unterstützung verwehrt wird, lässt an der Machtlosigkeit verzweifeln. Bei Polizeieinsätzen nach dem Unterbringungsgesetz scheint in der Mehrzahl der Fälle die Polizei geschult und sensibel zu sein, dennoch gibt es Gegenbeispiele bei denen - wie in früheren Zeiten - viele „mächtige“ Polizisten über einen  in einer Krise befindlichen Erkrankten quasi hereinbrechen.
  • Im Workshop "Die elterliche Beziehung gestalten" entspann sich ein reger Austausch über das Thema: Wie können alle innerhalb der Familie dazu beitragen, die „Mauer des Schweigens“ zu überwinden, damit Betroffenen wie Angehörigen wieder zu mehr Lebensqualität verholfen wird. Ein Beispiel kam von einer Mutter: Es hat sich bewährt, nicht immer nur über Krankheit, Behandlung, Tabletten zu reden, sondern andere Themen aus Alltag, Sport, Wissenschaft, Fernsehen, von denen man weiß, dass sie den Betroffenen interessieren könnten, ansprechen und dadurch eine neutrale Gesprächsbasis herstellen.

weitere Workshops waren:

  • Reden über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten
  • Erwachsenenvertretung statt Sachwalterschaft
  • Möglichkeiten und Hürden der finanziellen Absicherung

Der 2. Tagungstag war praxisorientiert ausgerichtet.


Zunächst wurde in einer trialogischen Diskussionsrunde eine praktische Situation innerhalb einer psychischen Krise aus der jeweiligen Sicht von Betroffenem, Arzt und Mutter mitgeteilt. Eine bedeutende und in verschiedener Form mehrmals wiederkehrende Aussage war, dass ein Betroffener auch in einer Krise noch immer kompetent und der beste Experte für sich selbst ist. Angehörige neigen oft aus Besorgnis dazu „übergriffig“ zu werden - wer kennt nicht die Frage „Hast du deine Medikamente genommen?“.


Den Abschluss der Tagung bildete das „Mitmach-Theater“ eine Form des psychodramatischen Rollenspiels. Drei dafür ausgebildete SchauspielerInnen mit Erfahrung in psychosozialer Arbeit (Mag. Jürgen Heib, Katharina Bigus, Heike Dopichaj-Fuchs) führten in drei Gruppen die TeilnehmerInnen von Bewegungen und Ausdrücken von Gefühlen hin zur Darstellung tagungsrelevanter Szenen. Diese wurden im Plenum vorgespielt wo sie dann durch Personen aus der Zuhörerschaft im Sinne einer Verbesserung der Kommunikation verändert werden konnten. Diese Veränderung bzw. Verbesserung wurde unter Anleitung von Dipl.Psych. Claudia Dahm-Mory herausgeschält und bewertet.


Wie ist der Gesamteindruck dieser zwei Tage? Kommunikation ist essentiell und fast immer möglich; man muss sie aber erlernen was nicht einfach ist. Für diesen Weg gab es viele Hinweise, Informationsquellen aber auch heiteres Ausprobieren.

Dr. Veronika Zwatz-Meise
Vorstandsmitglied HPE Wien

 

 

Power Point Folien der ReferentInnen:

Dahm Mory   Du verstehst mi ned

Dollak   Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten

Gardowsky  Finanzielle Absicherung

Leberbauer & Rang   Erwachsenenschutz statt Sachwalterschaft

Pavelka   Die elterliche Beziehung gestalten

Panzenbeck   Wenn scheinbar nichts mehr geht

Prechtner Pototschnig   Im Notfall helfen

 

 

Die Tagung wurde gefördert von: