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Erfahrungen teilen - Stärke gewinnen

40 Jahre gelebte Selbsthilfe von Angehörigen psychisch Erkrankter

Von 4. – 5. Mai fand im Bildungshaus St. Virgil die diesjährige Angehörigentagung der HPE statt. Diese Tagung stand heuer ganz unter dem Motto der Selbsthilfe – feiert der Verein der HPE ja heuer sein 40-jähriges Bestehen!

Die HPE Tagungen im heiter-friedlichen St. Virgil Tagungshotel in Salzburg haben in den letzten Jahren schon viele unterschiedliche Wetterlagen erlebt. Diesmal zeigten sich die Waldhänge in der Früh mit wallend ziehenden Wolken verhangen - doch jeden Tag schaffte es die Sonne, diese Wolken abzutrocknen und für ein paar Stunden das Regime zu übernehmen.

Man könnte das auch als Symbol für die Inhalte der Tagung nehmen. Es ging um Selbsthilfe einerseits in Selbsthilfegruppen, aber auch um Selbsthilfe in bedrohlichen Krisensituationen mit Hilfe von Deeskalationsmaßnahmen. Schon in der Begrüßung des Vorsitzenden von HPE Österreich, Mag. Norbert Erlacher, wurde eine Erfahrung angesprochen die fast alle Angehörigen eines psychisch Erkrankten machen: Große Hilflosigkeit! Was liegt da näher als sich selbst Hilfe zu organisieren. Schon von Beginn der HPE an waren Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen ein zentrales Angebot.

Meine Selbsthilfegruppe

Als Einstieg erzählten drei ModeratorInnen von Selbsthilfegruppen ihre Geschichte: Josefine More aus Kärnten, Peter Harfmann aus Oberösterreich und Joy Ladurner aus Wien. Sie erzählten ihre Geschichte als Angehörige, als HPE AnfängerInnen, als welche sie oft ins „kalte Wasser springen“ und aus einzelnen vorhandenen Kleingruppen eine gemeinsame Selbsthilfegruppen entwickeln mussten, und sie resümierten über die Erfahrungen die sie gewonnen haben. Drei unterschiedliche Geschichten und trotzdem gibt es vergleichbare Aussagen: In einer Selbsthilfegruppe kann man seine Geschichte in geschütztem Umfeld erzählen und wird von den anderen sofort verstanden; man lernt Theoretisches und Praktisches über die Erkrankung und darüber welche Erfahrungen Andere in ähnlichen Situationen gemacht haben. Einer der wichtigsten Punkte ist jedoch:

Man lernt, dass es wichtig ist, auf sich selbst zu achten, denn davon hängt ab, ob es der ohnehin schon geprüften Familie besser geht.

Selbsthilfe wirkt

Dipl. Psych. Jürgen Matzat von der Universität Gießen, Leiter der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen, bringt äußerst interessante Fakten über die Entwicklung der Selbsthilfe bis hin zu ihrer heutigen sozialpolitischen Bedeutung. Es ist interessant, dass Selbsthilfe in den hoch entwickelten Ländern der Erde entstanden ist, und zwar parallel zu den spektakulären technologischen Entwicklungen der Medizin, die zwar schwerste Erkrankungen heilen kann, aber bei chronischen Leiden an ihre Grenzen stößt. Die Geschichte der Selbsthilfe hat 1953 mit den „Anonymen Alkoholikern“ begonnen. Mittlerweile ist Selbsthilfe zu einem „Label“ geworden: Es geht um eine Bewegung der „Experten aus Erfahrung“ parallel zu den „Experten durch Studium“. Waren die ursprünglichen Aufgaben einer Selbsthilfegruppe Informationsaustausch, Erfahrungsaustausch und Bearbeitung von Gefühlen, so erwachsen aus der zunehmenden Bedeutung neue Aufgaben nach außen die bis zur Mitarbeit in politischen und sozial-politische Gremien führen und letztlich Forderungen an die Politik stellen. Obwohl diese Entwicklung bedeutsam ist, darf die Selbsthilfe keinesfalls professionalisiert werden.

 

Hilfe auf gleicher Augenhöhe

Im Beitrag „Hilfe auf gleicher Augenhöhe“ wurde noch einen Schritt weitergegangen, nämlich zum Einsatz von „ExpertInnen aus Erfahrung“ durch die Ausbildung von und Begleitung von Erkrankten durch Peers (ehemals selbst Betroffenen). Maria Fischer und Angelika Pfauser erzählten ihre Geschichten als Angehörige bzw. Betroffene und welchen Weg sie hin zu Moderation von Selbsthilfegruppen bzw. Peerberatung bis hin zu ihrer Arbeit als Genesungshelferin gemacht haben. Ein fundamentaler Schritt im Rahmen einer psychischen Erkrankung ist zu erkennen, dass neben der professionelle Versorgung und der Hilfe durch die Familien die Selbsthilfe einen wichtigen weiteren Beitrag zur Genesung leistet.


Nach einem Nachmittag mit dem Angebot von sechs interessanten Workshops war der Samstagvormittag einem außerordentlich gefragten Thema gewidmet:

Eskalation und Deeskalation in Familien mit psychisch Erkrankten

 

Zur Deeskalation gehören Unterthemen wie: Gewaltfreie Kommunikation (GFK nach Rosenberg) – Deeskalation – Schutzmaßnahmen für den Krisenfall. 

Christian Wirth und Edgar Martin, beide diplomierte psychiatrische Gesundheitspfleger, Kommunikations- und Deeskalationstrainer und an psychiatrischen Kliniken tätig, haben mit ihren Ausführungen und Demonstrationen den Nerv des Auditoriums getroffen, durch das viele persönliche Problemstellungen in die Diskussion eingebracht wurden.


Es ist erstaunlich zu hören, dass die Methoden der Deeskalation erst 2006 in Krankenanstalten eingeführt wurden und dass man bei weitem noch nicht ausgelernt hat! Eine der zentralen Maßnahmen sowohl vor als auch in einer Krise ist es, mit dem/der Betroffenen ins Gespräch zu kommen, auf seine/ihre Bedürfnisse einzugehen und ein Angebot zu machen. Oft ist das Angebot, nur zu versprechen, dass man da ist, dass man jederzeit zur Verfügung steht, dass man „ein sicherer Hafen“ ist. Das ist eine der Stärken, die Angehörige den „Profis aus dem Gesundheitswesen“ voraushaben: Sie können immer da sein und aus ihren Erfahrungen schöpfen.

Das Auditorium erfährt über den Phasenverlauf einer Gewaltsituation: Der Auslöser einer Aggression und eine eventuelle Eskalation hat nicht vorrangig mit psychiatrischen Krankheitsbildern zu tun hat; Auslöser können Aktivitäten des täglichen Lebens sein, die sich über eine längere Eskalationsphase aufschaukeln und in eine Krise münden (können). In der darauffolgenden Erschöpfungs-/Erholungsphase gibt es eine Unterphase, die mehrere Stunden dauern kann und in der jederzeit ein neuerliches Aufschaukeln möglich ist- Das ist eine Zeit in der sich der/die Angehörige zurücknehmen muss, was umso schwieriger ist, da der/die Angehörige selbst auch eine vergleichbare Kurve, jedoch zeitversetzt, durchlebt.

In diese Überlegungen passt ein Thema, das heute oft in den Medien zum Schaden der psychisch Erkrankten auftaucht: Wie oft hören wir „der Täter eines Gewaltverbrechens hatte vermutlich eine psychische Erkrankung“. In diesem Zusammenhang stellen die Vortragenden die Frage: „Ist ein wahnhafter Mensch gefährlich?“ und die klare Antwort heißt: „Nein“. In einem Wahn hat der Patient zunächst nur Angst. Durch Kommunikation muss dem/der Erkrankten klar gemacht werden, dass man ihn/sie versteht. Erst wenn das nicht passiert, kann in Folge eine Gefahr entstehen, denn in der Natur entsteht bei allen Lebewesen als Reaktion auf Angst entweder Flucht oder Kampf.

Die Werkzeuge der Kommunikation und Deeskalation können in einer bedrohlichen Situation hilfreich sein. Viele im Rahmen der Tagung erwähnte Zitate hätten es verdient, in diesem Stimmungsbericht erwähnt zu werden. Stellvertretend soll hier am Abschluss eines von Sigmund Freud stehen, das die Umleitung von körperlicher Aggression zumindest in verbale Aggression illustriert:

„Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.“

Dr. Veronika Zwatz-Meise
Vorstandsmitglied HPE Wien

 

 

Power Point Folien der ReferentInnen:

Gardowsky Finanzielle Rechtsansprüche und Mindestsicherung

Krammer & Schüttelkopf Überblick ErwachsenenschutzG

Matzat Selbsthilfe wirkt

Martin & Wirth Eskalation und Deeskalation

 

 

 

Gefördert aus den Mitteln der Sozialversicherung