Ein Ratgeber für Eltern
Psychiatrie-Verlag, Bonn 2004Euro 13,30
„Plötzlich haben wir ein zwanzigjähriges “Kind”, das wir dabei unterstützen müssen, sich jeden Morgen zu waschen und frische Wäsche anzuziehen.“
Aus der Vielfalt ihrer Erfahrungen beschreiben Helene und Hubert Beitler die Möglichkeiten, Chancen und Grenzen der Familie in der Betreuung und Begleitung chronisch psychisch erkrankter Kinder.
Sehr einfühlsam und realistisch greifen die Autoren entscheidende Fragen auf, die sich im Zusammenleben mit den betroffenen Kindern ergeben, und erarbeiten mögliche Wege und Lösungsansätze um das alltägliche Miteinander zu erleichtern, um Prozesse des Wachstums und der Autonomieentwicklung bei den jungen erkrankten Menschen anzuregen und zu begleiten und um die grundsätzliche Lebensqualität aller Familienmitglieder auf lange Sicht zu heben. Damit schafft das Ehepaar Beitler dreierlei mit diesem Buch:
1. Akute Problemlösung im ratgeberischen Sinne für die Eltern,
2. darüber hinaus jedoch durchgehend einen ganzheitlichen Blick, der auch die Betroffenen und Professionellen berücksichtigt und
3. schließlich auch eine philosophische Betrachtung des Lebens, das nicht immer einfach ist und Grenzen und Zweifel auch wiederkehren läßt.
Vielleicht gerade durch den letztgenannten Aspekt löst sich dieses Buch von einem reinen Ratgeber und wirkt dadurch nicht überfordernd sondern eher gegenteilig: Die Autoren ermutigen - je nach Möglichkeit - vorhandene Kräfte freizumachen, um in erster Linie einen Weg zu gehen und nicht ein hochgesetztes Ziel zu erreichen. Und somit verspricht dieses Buch einen Weg der in sich bereits das Ziel ist, auch wenn man wieder abkommt oder länger stehenbleibt.
Stationen auf diesem Weg bedeuten für die Autoren z.B. das Thema Wohnen, welches in regelmäßigen Abständen Bedeutung erlangt. Sehr sensibel beginnen sie zu Beginn dieses Kapitels zunächst den Zustand zu beschreiben, welcher sich in den Eltern breit macht, wenn absehbar ist, daß die psychotische Erkrankung der eigenen Kinder einen chronischen Zustand erreicht hat und somit gravierende Lebensentscheidungen anstehen. In Folge versuchen die Autoren (ohne festzulegen, welches die einzig wahre Lösung bedeutet), Vor- und Nachteile verschiedener Wohnmöglichkeiten wiederzugeben - je nach individueller Lebenslage der Familienmitglieder und nach der gegebenen Wohnsituation:
„Von der Beantwortung der Frage, wo der Kranke leben soll, hängen viele Rahmenbedingungen für sein Leben ab. Ungünstige Wohnbedingungen wie Lärm, große Unruhe oder unkalkulierbare andere Einflüsse können Stress erzeugen. Der ausgelöste Stress wiederum hat maßgeblichen Einfluss auf den weiteren Krankheitsverlauf. Deshalb ist es wichtig, eine durch den Wohnort induzierte Zusatzbelastung so gering wie möglich zu halte , um die für einen Außenstehenden nicht sichtbaren, aber in Wirklichkeit unbeschreiblichen Qualen eines chronischen Krankheitsverlaufes nicht noch mehr anwachsen zu lassen.“
Grundsätzlich soll hier aber daran erinnert werden, daß die Autoren Beitler sich für das Wohnen mit den psychotisch erkrankten Kindern entschieden haben und in diesem Buch von dieser Variante vorrangig erzählen.
Demnach ist ein weiteres Thema in diesem Buch, wie die Angehörigen den Erkrankten in all seinen Lebenslagen unterstützen können, mit Berücksichtigung auf ihr eigenes Leben und das der - soweit vorhanden - gesunden Geschwister. Hierbei geht es um die Medikamenteneinnahme, die Begleitung akuter Psychosen durch die Familienmitglieder, das Thema Partnerschaft und Sexualität des Erkrankten, den Umgang mit Geschwistern, eventuelle Klinikaufenthalte, um finanzielle Hilfsmittel, Ausbildung und Arbeit, die Selbstsorge des Erkrankten, der Kontakt nach außen - in der Stadt wie auf dem Lande -, die Frage was sein wird, wenn die Eltern als Betreuende ausfallen sollten, um verschiedene Therapieansätze und schließlich um den Aspekt, die Angehörigen zu stärken.
Ein Bereich, der ebenfalls beleuchtet wird und sicherlich sehr wichtig ist, ist die Unterstützung bei der Herstellung einer Tagesstruktur für den Erkrankten zu Hause:
„Vielen psychisch Kranken fällt es schwer, selbständig den Tag zu strukturieren und die anstehenden Aufgaben nach einem halbwegs geregelten Ablauf zu verrichten bzw. zu organisieren. Nicht anders als in betreuenden Einrichtungen ist es auch im familiären Alltag nötig, den Erkrankten bei der Strukturierung des Tages zu unterstützen, immer wieder Anregungen zu geben und Verschiedenes auch mitzumachen. ... Sicherlich sind das Heranführen des Betroffenen an die alltäglichen Aufgaben und die Anleitung durch die betreuenden Familienangehörigen ein nicht unerheblicher Mehraufwand, den sie ständig zusätzlich in ihrem ohnehin mit Aufgaben durchsetzten Tagesablauf auf sich nehmen müssen. Aber dieser Mehraufwand wird im Laufe der Zeit abnehmen.“
Sehr bildhaft beschreiben die Autoren Möglichkeiten der Tagesstrukturierung und erklären Sinn und Zweck im Momentanen als auch im Zukünftigen!
Ich empfehle dieses Buch wärmstens allen Angehörigen. Es erstaunt, gibt Kraft, läßt Schwächen zu, schenkt Hoffnung und greift erstaunlich viele Fragen und Aussagen auf, welche die Angehörigen immer wieder stellen bzw. äußern.
Mag. Vera Pfaff
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