Ein Buch zur Thematik der beruflichen Rehabilitation von psychisch erkrankten Menschen. Unter anderem beschäftigt sich die Autorin auch sehr ausführlich mit der Bedeutung der Familie und anderer Bezugspersonen für die berufliche Rehabilitation.
Psychiatrie-Verlag, Bonn 2010
Mit Christiane Haerlin, Ergotherapeutin, Leiterin und Mitbegründerin beruflicher Trainingszentren und Delegierte der deutschen Integrationsfirmen, ergreift im vorliegenden Buch eine ausgesprochene Fachfrau für die Thematik der beruflichen Rehabilitation psychisch erkrankter Menschen das Wort.
In den Vorbemerkungen betont sie die Wichtigkeit der beruflichen Beratung: „Für jeden psychisch kranken oder behinderten Menschen im arbeitsfähigen Alter ist die Beratung seines individuellen beruflichen Weges notwendig und oftmals der erste Schritt zu einer gelingenden Integration.“ (S. 7) und stellt ernüchternd fest, dass eine frühzeitige Beratung in der Praxis nur allzu selten vorkommt und viele psychisch erkrankte Menschen überhaupt ohne Unterstützung bei der Entwicklung einer berufliche Perspektive bleiben.
Ihre Bemühungen gehen daher vor allem in die Richtung, psychiatrische Profis dafür zu sensibilisieren, dass Rehabilitation am 1. Tag der Behandlung beginnt und eigentlich Angelegenheit des gesamten Behandlerteams sein sollte. Und vor allem: Auf eine gezielte Beratung zum richtigen Zeitpunkt kommt es an. Sie zitiert in diesem Zusammenhang den bekannten Sozialpsychiater Luc Ciompi: „Da der Betroffene viel zu verlieren hat, mehr als alle anderen Beteiligten, gilt ein wichtiges Prinzip der erfolgreichen Integration: Er weiß am besten, wann der Zeitpunkt gekommen ist, Fragen zur Erwerbsarbeit anzugehen.“ (S. 22)
Die von der Autorin in diesem Buch vorgestellte Methode „Berufsbezogene Frühberatung“ kann als wichtiger Teil einer integrierten Behandlungs- und Rehabilitationsplanung betrachtet werden.
Im ersten Teil des Buches geht es um den Wandel in der Arbeitswelt und den weltweiten Paradigmenwechsel in der Rehabilitation behinderter Personen – vor allem basierend auf den emanzipatorischen Bewegungen des Empowerment und Recovery in der psychosozialen Arbeit - der sich in tiefgreifenden rechtlichen und strukturellen Veränderungen geäußert hat. Flexibilisierung, Deinstitutionalisierung und Individualisierung der Beratungs- und Rehabilitationsangebote sind die Folge.
Der zweite Teil des Buches ist nun ganz dem konkreten Beratungsgespräch gewidmet. Die Autorin geht sehr anschaulich mit vielen Gesprächsbeispielen wichtigen Fragestellungen für die gelungene Führung von beruflichen Beratungen nach. Als sehr wirkungsvolles Element beschreibt sie das gemeinsame Aufschreiben der Ergebnisse und Vereinbarungen, wo nicht über den Klienten hinweg sondern in seiner Sprache Zielformulierungen gefunden werden.
Die drei wichtigsten Grundsätze der Rehabilitation sind laut Haerlin: (S. 45)
Junge Menschen sollten alle Hilfe erhalten, um eine Ausbildung oder Qualifizierung möglichst auch abzuschließen
Nach einer psychiatrischen Erkrankung sollten bereits vorhandene Berufserfahrungen möglichst breit genutzt und zusätzlicher Stress durch ganz neue berufliche Wege und Identitäten vermieden werden, um Unsicherheiten nicht noch zu erhöhen.
Die derzeitige Belastungsfähigkeit kann im Gespräch zwar durch konkrete Beispiele verdeutlicht und eingeschätzt, aber nur durch praktisches Erproben erfahren, festgestellt und überprüft werden. Die praktische Erprobung bestätigt oder widerlegt immer wieder Einschätzungen des Gesprächs und führt schließlich zu validierten Aussagen.
Christiane Haerlin beschäftigt sich sehr ausführlich mit der Bedeutung der Familie und anderer Bezugspersonen für die berufliche Rehabilitation. Sie weist darauf hin, dass der Einfluss der Herkunftsfamilie von Professionellen nur allzu oft unterschätzt wird. Ihrer Erfahrung nach führen Unsicherheit und fehlende eigene Orientierung vieler psychisch beeinträchtiger junger Menschen zu Anpassungshaltungen gegenüber elterlichen Werten, Wünschen und Ratschlägen, welche die eigene Entwicklung blockieren können. Ebenso sieht sie einen starken Zusammenhang zwischen erfolgreicher beruflicher Rehabilitation und einem gelungenen Prozess des Erwachsen- und Selbständigwerdens, der sich auch durch eigenständiges Wohnen ausdrückt. Darüber hinaus sei es aber ebenso wichtig, die Ressourcen und Lösungsideen der Familienmitglieder im Blick zu haben.
Sie geht sogar so weit, folgende Zeilen zu schreiben: „Die Prognose wird durch zwei Faktoren positiv beeinflusst: Der eine ist die örtliche Vielfalt und Zugänglichkeit der Angebote der Rehabilitation und Integration. Der andere ist eine optimistische Zukunftserwartung der relevanten Bezugspersonen, die wesentlich zum Gelingen der Integration beitragen.“ (55) Und in einem der nächsten Kapitel: „ Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass die Einflussfaktoren der Ursprungsfamilie, der Bildung und Ausbildung sowie der Arbeitsgeschichte bedeutsamer sind für die Integration in Beschäftigung als der klinische Verlauf.“ (103)
Sie plädiert daher dafür, die wichtigen Bezugspersonen zum Gespräch mit einzuladen und fordert die Profis zu einer positiven Grundhaltung gegenüber den elterlichen Begleitpersonen auf.
In dem letzten Abschnitt des Buches über den konkreten Weg in die Beschäftigung vertritt sie ein Konzept der kleinen, realistischen Schritte: „Kleine Stufen halten die Angst vor Gefahren und Misserfolgen in Grenzen. Und: Wenn sie gemeistert werden, stellt sich ein Erfolgserlebnis ein und ermutigt zur nächsten Stufe.“ (S. 99)
In einem der letzten Abschnitte des Buches fordert die Autorin die Angehörigen auf, als Mahner aufzutreten, wenn sie den Eindruck haben, dass in den Einrichtungen, in denen ihre erkrankten Familienmitglieder betreut werden, das Thema der beruflichen Rehabilitation, insbesondere im Rahmen der Entlassungsvorbereitung, vernachlässigt wird. Den Angehörigen selbst, die oft von Misserfolgen und Rückfällen geängstigt einem neuerlichen beruflichen Wagnis ihres Kindes/Partners etc. mit Sorge entgegenblicken, vermittelt sie Hoffnung, dass Rückschläge oft auch notwendig sind, um eine angemessene, geeignete Tätigkeit zu finden.
DSA Daniela Schreyer
Für Sie ihm Rahmen des Projektes „Angehörige geben Rückhalt“ gelesen
„Ein vom Bundessozialamt/Landesstelle Wien finanziertes Projekt aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive der österreichischen Bundesregierung für Menschen mit Behinderung.“
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