Die Autoren stellen in diesem Buch die Ideen des Recovery-Konzeptes und den aktuellen Stand der Forschung vor
Psychiatrie-Verlag, Bonn 2007
Nachdem der Psychiater Asmus Finzen den „Mythos der Unheilbarkeit“ psychischer Erkrankungen, insbesondere der Schizophrenie, angesprochen hat, rufen die Autorinnen des Buches, die Psychiaterin Michaela Amering und die Psychotherapeutin Margit Schmolke, nun das „Ende der Unheilbarkeit“ aus. Sie stellen in diesem Buch die Ideen des Recovery-Konzepts und den aktuellen Stand der Forschung dazu vor.
„Soll nun nach Empowerment schon wieder ein englisches Wort die psychiatrische Praxis inspirieren?“ (S. 11), fragen sich (nicht nur?) die Autorinnen. Ihre Antwort: Ja. Das Konzept Recovery hat in den letzten Jahren eine rasante Weiterentwicklung erfahren. Trotzdem - oder vielleicht auch deshalb – lässt sich Recovery, ähnlich wie auch Empowerment, nicht eindeutig definieren. Aus dem Englischen übersetzt heißt Recovery Erholung, Genesung, Bergung, Rettung, Rückgewinnung, Wiedergewinnung, Wiedergutmachung. Es geht, ganz allgemein, um die Frage: Wie werden psychisch kranke Menschen wieder ‚gesund’?
‚Gesund’ im Sinne von Recovery bedeutet dabei aber nicht Symptom- oder Rückfallfreiheit, sondern eine aktive Teilhabe am sozialen Leben, ein konstruktiver Umgang mit der persönlichen Anfälligkeit und den eigenen Erfahrungen und ein subjektiv sinnerfülltes Leben. Wer wie Recovery erfährt, ist ein zutiefst individueller Prozess: „Sowohl die Unterschiede in psychiatrischen Störungen als auch die Betonung individueller Entscheidungen und Wege in Recovery-Konzepten lassen verstehen, warum eine eindeutige allgemeingültige Definition von Recovery schwer möglich ist“ (S. 96).
Ausgangspunkt des Buches ist die historische Entwicklung der Diagnose Schizophrenie und die darin wurzelnden und noch immer wirkenden „Mythen“, die diese Diagnose bzw. psychische Krankheiten ganz allgemein umranken. Es geht um die „Missverständnisse“ der Unheilbarkeit bzw. des Gleichsetzens von Chronifizierung und Unheilbarkeit. Was den Autorinnen wichtig ist, ist „der Hinweis darauf, wie bestimmte Worte, Konzepte oder Mythen sich ungünstig auswirken können. Sie tun dies unabhängig davon, was ihre wissenschaftliche Bedeutung ist“ (S. 17). Viele dieser Mythen beziehen sich auf die von Emil Kraeplin getroffenen Unterscheidung zwischen den heilbaren manisch-depressiven Erkrankungen und der unheilbaren Schizophrenie, der „Dementia praecox“. Heute wissen wir, dass Kraeplins Aussage, bei der Schizophrenie handle es sich um eine „frühzeitige und fortschreitende Verblödung“, sich dadurch erklären – und entschärfen – lässt, dass er einen sehr begrenzten Ausschnitt von erkrankten Menschen sah und zudem aufgrund unterschiedlicher Sprachen (Kraeplin war im heutigen Estland und der dortigen Sprache nicht mächtig) nicht in Kontakt mit ihnen treten konnte. Verlaufsstudien, die eine große Anzahl an Patienten über einen sehr langen Zeitraum (im Schnitt 20 Jahre lang) beobachten und immer wieder untersuchen, sprechen eine andere Sprache. Alle Studien, die die Autorinnen zitieren, gehen von einem Prozentsatz von 22 bis 29 % an günstigen Verläufen aus, denen ein etwa genauso großer Teil an ungünstigen Verläufen gegenübersteht.
In engem Zusammenhang mit diesen Mythen stehen die Themen Stigmatisierung und Diskriminierung, denen die Autorinnen ein eigenes Kapitel widmen. Stigmatisierung und Selbststigmatisierung stellen die Hindernisse für Empowerment und Recovery dar. Sie führen zu „Selbstabwertung, Scham, Verheimlichung und sozialem Rückzug und behindern somit beträchtlich den Genesungsprozess“ (S. 72). Eine Entwicklung hin zu Gesundung bedeutet daher auch eine Überwindung von Selbststigmatisierung und Expertentum in eigener Sache.
„Um Unterstützung anzubieten, die Betroffenen erlauben, im Sinne von Empowerment und Recovery Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen, bewegen wir uns von der traditionellen Orientierung an einem Modell, das psychiatrische Erkrankungen lediglich als Defizite beschreibt, hin zu ressourcenorientierten Ansätzen“ (S. 97). Michaela Amering und Margit Schmolke stellen dem Leser in weiten Teilen des Buches eine Fülle an solchen europäischen und US-amerikanischen Ansätzen und Projekten vor, die die Ideen des Recovery erforschen bzw. anwenden. Darunter finden sich Forschungsprojekte von Psychiatrie-Erfahrenen zum Thema, Selbsthilfebewegungen wie die englische Stimmenhörer-Bewegung, von Betroffenen geleitete Organisationen, die über Recovery informieren, Publikationen und vieles mehr. Allen Ansätzen gemein ist die Fokussierung auf Hoffnung, subjektive Bedeutung und Sinnfindung, auf Veränderungspotential und die Weiterentwicklung der PatientInnen-Rolle in Richtung Selbstmanagement.
Doch nicht nur in regionalen Projekten findet sich das Recovery-Konzept wieder, sondern auch auf internationaler Ebene. In Kapitel 3 ihres Buches stellen die Autorinnen das „Institutionelle Programm einer Psychiatrie für die Person“ des Weltverbandes für Psychiatrie (WPA) vor. Ziel dieses Programms ist es, dass die gesamte Person des Patienten, also auch ihre gesunden Aspekte, unter Berücksichtigung ihres soziokulturellen Kontextes Zentrum psychiatrischer Behandlung wird. U. a. wird auch „die volle Einbeziehung der Angehörigen in den diagnostischen und therapeutischen Prozess“ (S. 89) gefordert.
Beschäftigt man sich mit den individuellen Gesundungswegen von Menschen, so stellt sich auch die Frage, warum es manchen Menschen besser als anderen gelingt, seelische und soziale Stabilität zu erlangen, trotz vergleichbar schwerer Belastungen. Mit dieser Thematik beschäftigt sich die Resilienzforschung. Der Begriff Resilienz kommt ursprünglich aus dem technischen Bereich und beschreibt die Elastizität, Widerstandskraft oder Haltbarkeit eines Werkstoffes gegenüber Belastungen. Die Resilienzforschung der Klinischen Psychologie beschäftigt sich mit der menschlichen Widerstandskraft oder Elastizität. Resilienz ist dabei mehr als eine Anpassungsleistung oder ein Durchstehen und auch etwas anderes als psychische Gesundheit. Sie ist eine situationsangepasste, dynamische und flexible Widerstandsenergie und ein Schutzfaktor. Die Konzepte von Resilienz und Recovery sind, wie Amering und Schmolke zeigen, eng miteinander verbunden. Ihnen gemeinsam ist die Orientierung an den Ressourcen und Faktoren, die es dem Menschen ermöglichen, Krisen zu überstehen bzw. zu integrieren.
„Recovery zielt also weniger auf die Wiederherstellung eines früheren Zustandes als vielmehr auf eine Veränderung, eine Transformation, ein Wachstum, ein Integrieren und einen persönlichen Lernprozess“
(S. 199). Recovery läuft in verschiedenen Phasen ab: Von der Angst und Hoffnungslosigkeit über ein Bewusstwerden, dass positive Veränderung möglich ist und der Suche nach solchen Veränderungsmöglichkeiten und persönlicher Sinngebung hin zu Recovery, Empowerment, Wohlbefinden. Wichtig dabei ist, dass diese Phasen nicht linear ablaufen und dass nicht jede Person jede Phase erlebt. Es gibt Vorwärts- und Rückwärtsschritte. Was fördert Recovery? Respekt, Vertrauen, Information über Behandlungsmöglichkeiten und Medikamente und diesbezügliche Wahlfreiheit, ganz praktische und alltagsnahe Unterstützung, emotionale Unterstützung durch Freunde und Familie.
Recovery betrifft nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Angehörige: „Im Recovery-Prozess durchlaufen nicht nur die „Betroffenen“ einen Rollenwechsel, sondern auch deren Familienmitglieder, die ebenfalls auf die Rolle der „betroffenen Familien“ reduziert worden sind und die ihr Leben neu ordnen und ihren sozialen Kreis erweitern müssen, um Recovery zu leben“ (S. 216).
Mit all den zitierten Studien und Untersuchungen und den interessanten Einblicken in die Geschichte des Schizophrenie-Verständnisses, liest sich Michaela Amerings und Margit Schmolkes Buch als spannendes und in seiner Sprache mitreißendes Werk. Bis zur letzten Seite - auf der die beiden Autorinnen sehr berührend schildern, was die Entdeckung des Recovery für sie persönlich bedeutet - spiegelt es den Facettenreichtum des Themas Recovery wider: Nicht eindeutige Definitionen, klare Handlungsanweisungen und objektive Daten erwarten uns, sondern ein schillerndes Feld aus Erfahrungen, Projekten und „Geschichten“, die eine gemeinsame Botschaft haben: Hoffnung macht Sinn.
Mag. Birgit Dorninger-Bergner
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