Stigma    Martin
Martin glaubt seit Wochen abgehört zu werden und hat Angst, dass seine Verfolger durch Telefonate Dinge über ihn erfahren, die ihm schaden bzw. sogar sein Leben bedrohen könnten. Diese Ängste und Vorstellungen beherrschen derzeit sein ganzes Denken, Fühlen und Handeln und lassen keine Energien für andere Lebensbereiche mehr frei. Gerne würde er Kontakt mit seiner Familie und seinen Freunden haben, doch er fürchtet, dass die Verfolger auch für sein soziales Umfeld gefährlich sein würden. Außerdem ist er überzeugt, dass ihm ohnehin niemand glaubt, dass er in Todesgefahr ist. Martin betritt daher kaum mehr seine Wohnung und ist die ganze Zeit in der Stadt unterwegs – auf der Flucht.
Martin leidet seit einigen Jahren an einer schizophrenen Störung und hat jetzt wieder eine akute Psychose, die sich bei ihm primär durch Verfolgungswahn bemerkbar macht. In seinen gesunden Phasen ist Martin ein sehr intelligenter Mann, dessen große Leidenschaft und Begabung Informatik und das Programmieren ist. Er ist ein zurückgezogener, schweigsamer Mensch, wann immer es aber in seinem sozialen Umfeld Probleme mit dem Computer gibt, steht er mit Rat und Tat gerne zur Seite.
Sein Studienkollege Paul weiß von der Erkrankung Martins, hat ihn aber noch nie in einer akuten Phase erlebt. Er ist völlig schockiert, dass sein geschätzter Kollege solchen Blödsinn denken und reden kann und auf rationale Argumente nicht mehr reagiert. Paul spricht mit Martins Mutter, die gut über Martins Erkrankung informiert ist, und erfährt, dass Martin wahrscheinlich schon vor längerer Zeit seine Medikamente abgesetzt hat und dringend psychiatrische Hilfe brauchen würde. Sie selbst sei völlig ohnmächtig, weil Martin gerade in akuten Phasen jede Empfehlung seiner Eltern ablehnt. Paul holt sich ein paar Tipps für den Umgang mit schizophrenen Menschen, z.B. dass er die Wahnwelt Martins als seine momentane Wirklichkeit ernst nehmen soll, aber sich selbst klar positionieren und abgrenzen muss und dass jetzt lange Diskussionen mit ihm nichts bringen, sondern ihn eher verwirren. Er hat vor, beim nächsten Treffen (Martin taucht sporadisch immer wieder an der Uni auf) die Chance zu ergreifen, mit seinem Kollegen gemeinsam Hilfe beim Psychiatrischen Not- und Krisendienst zu suchen.
 
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