Stigma    Sabine
Sabine hat sich gestern mehrmals selbst geschnitten, nachdem sie wieder einmal heftig mit ihrem Freund gestritten hat. Immer wieder gerät sie in solche psychischen Extremzustände, wo sie ihre Gefühle nicht mehr wahrnehmen kann und nur mehr eine innere Leere und starke Spannung spürt, die sie dann z.B. durch schneiden oder auch Alkohol zu bekämpfen versucht. Das bringt für sie kurzfristig eine Entlastung, die aber nicht lange anhält. Sabine tut sich überhaupt schwer, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Einerseits wird sie sehr rasch sehr wütend, wenn sie sich vernachlässigt oder kritisiert fühlt und kann dann andere Menschen durch ihre Beschimpfungen und Vorwürfe sehr verletzen und zurückweisen. Andererseits fühlt sie sich dann häufig wieder sehr schuldig, schämt sich abgrundtief und stürzt in Phasen der Verzweiflung und Selbstanklage. Sabine fühlt sich diesen Stimmungsschwankungen hilflos ausgeliefert und hat oft den Eindruck, dass nicht sie selbst Probleme hat, sondern ihre Mitmenschen sie quälen und ärgern wollen.
Sabine hat eine Borderline-Störung, die es ihr schwer macht, Beziehungen aufrechtzuerhalten bzw. befriedigend zu gestalten. Durch ihre liebenswerte und einfühlsame Art findet sie zwar immer schnell neue Freunde, die sie aber bald durch ihr Verhalten vergrämt.
Sabines derzeitiger Freund Hans fühlt sich nach 3-monatiger Beziehung schon so von Sabine vereinnahmt und ausgelaugt, dass er sich mit Trennungsgedanken trägt (auch gute Freunde raten ihm dies). Wenn ihm Sabine nicht so faszinieren und gleichzeitig auch wieder leid tun würde! Sabine hat ihm angedeutet, dass sie schon mehrmals im psychiatrischen Krankenhaus war, auch der Begriff „Borderline“ ist gefallen. Er hat das nicht wirklich ernstgenommen, und konnte sich aufgrund ihres selbstbewussten Auftretens auch gar nicht vorstellen, dass Sabine wirklich ernsthaft psychisch krank sein könnte. Hans informiert sich über Borderline-Störungen und kann nun das Verhalten seiner Freundin viel besser einordnen. Er hört aber auch, dass Verständnis alleine nicht genügt, sondern diese Menschen vor allem klare Grenzen als Orientierung brauchen. Er führt ein offenes Gespräch mit Sabine, wo er ihr deutlich sagt, dass er nicht bereit ist, die Beziehung auf diese Art und Weise mit den ständigen Verletzungen und darauf folgenden Versöhnungsszenen weiter zu führen. Er könne sie nicht retten, der einzige Weg sei, dass Sabine endlich selbst Verantwortung für ihre Störung und ihr Verhalten übernimmt. Sabine rastet nicht wie erwartet aus, sondern fühlt sich von Hans ernstgenommen und ermutigt, sich kompetente psychotherapeutische Hilfe zu holen.
 
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