Vom 17. bis 21. Mai 2010 fand in Wien erstmals die 'Woche der Selbsthilfe' statt - eine Veranstaltung, die von den Selbsthilfegruppen mit Unterstützung der Stadt Wien (Wiener Gesundheitsförderung (WIG) organisiert wurde. Ziel war es, die Leistungen der Selbsthilfegruppen einem möglichst breiten Publikum bekannt zu machen und damit die Wertschätzung und Anerkennung für die Arbeit der Selbsthilfe zu erhöhen.
Im Vorfeld wurde die Veranstaltung nach einer Pressekonferenz des Bürgermeisters am 12.5., bei der auch eine Vertreterin von HPE anwesend war (siehe Foto), in vielen Medien (Tageszeitungen, Radio und TV) angekündigt.
v.li.n.re.: Irene Burdich, HPE - Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter, Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag.a Sonja Wehsely, Elisabeth Netter, Vorsitzende der Herz- und Lungentransplantierten, Elisabeth Jäger, Leiterin der Adipositas Selbsthilfegruppe und Bürgermeister Dr. Michael Häupl bei der Präsentation des Programms der 1. Woche der Selbsthilfe in Wien
In Wien gibt es 260 Selbsthilfegruppen mit 40.000 Mitgliedern und über 120.000 interessierten WienerInnen zu 150 verschiedenen Themen. Damit hat Selbsthilfe im Gesundheitswesen der Stadt Wien einen großen Stellenwert betonte Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag.a Sonja Wehsely und erklärte: "Selbsthilfegruppen ermöglichen Hilfesuchenden einen umfassenden Erfahrungsaustausch unter Gleichgesinnten. Hier können Menschen mit körperlichen und psychischen Beschwerden offen auf Augenhöhe über ihre Probleme reden. Das unterstützt den Genesungsprozess".
Rund zwei Drittel der Wiener Selbsthilfegruppen widmen sich körperlichen, ein Drittel psychischen Problemen.
Das Programm der "Woche der Selbsthilfe"
Am 17. Mai machten zwischen 8 und 9 Uhr früh zunächst 60 Wiener Selbsthilfegruppen unter dem Motto 'Selbsthilfe tritt auf' an 20 wichtigen Verkehrspunkten mittels Transparenten auf sich und ihre Themen aufmerksam.
Um 10.30 Uhr wurde in der Lugner City (Einkaufszentrum) die Wanderausstellung "Selbsthilfe - (m)eine Chance" durch die Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely eröffnet. Diese Wanderausstellung, bei der auch HPE mit einem Video (kann unter http://www.youtube.com/user/WiG2010 heruntergeladen werden) und einer Information zur Charakteristik und Erreichbarkeit unseres Vereins vertreten war, bot der Wiener Bevölkerung Gelegenheit, sich mit der Arbeit von Selbsthilfegruppen sowie ihren Angeboten und Leistungen auseinander zu setzen.
Die Ausstellung wanderte am 19. 5. in die Milleniums City (ebenfalls ein Einkaufzentrum) und war letztlich am 21. 5. bei der abschließenden Veranstaltung „Tag der Selbsthilfe“ im Wiener Rathaus zu sehen. Die Abnutzungserscheinungen der drehbaren Würfel, auf denen sich u.a. auch HPE präsentierte, lassen auf eine intensive Nutzung der Ausstellung schließen.
Am 18. Mai fand von 17 – 21 Uhr in den Räumen von HPE in der Bernardgasse 36, Wien 7. eine „Open House“-Veranstaltung statt. 5 ehrenamtliche Beraterinnen von HPE waren voll im Einsatz, um die zahlreich erschienenen InteressentInnen in Gesprächen und mit Informationsmaterial über unsere Angebote und Tätigkeiten zu informieren. Nicht nur Hilfesuchende kamen, sondern auch 3 junge, in Ausbildung stehende SozialbegleiterInnen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Der Tag der offenen Türe veranlasste etliche Angehörige, erstmals Beratung bei HPE zu suchen.
Am 20.5. nahmen Vertreterinnen von HPE an der hochkarätig besetzten „Selbsthilfe–Konferenz“ mit rund 120 TeilnehmerInnen im Palais Auersperg teil. (siehe anschließenden Beitrag) Unter dem Motto "Selbsthilfe - eine Kraft, die verbindet" wurden aktuelle Entwicklungen der Selbsthilfe in Deutschland und Österreich präsentiert. Zusätzlich bot die Veranstaltung eine Plattform für Vernetzung und die Anbahnung von Kooperationen.
Am 21. 5. lud WIG zum „Tag der Selbsthilfe“, einer öffentlichen Veranstaltung, ins Wiener Rathaus ein. In Podiumsdiskussionen stellten sich verschiedene Selbsthilfegruppen vor und gemeinsam mit ExpertInnen aus der Medizin bzw. dem Gesundheits- und Sozialbereich auch den Fragen der Besucher. Von 12–18 Uhr standen auch unsere ehrenamtlichen Expertinnen im großen Festsaal des Rathauses, Koje 15, für Auskünfte zur Verfügung.
Erste Wiener Selbsthilfe-Konferenz
Die 1. Wiener Selbsthilfe-Konferenz am 20. Mai 2010 im Palais Auersperg wurde von Frau Jasmin Dolati, Programmchefin von Radio Wien, moderiert.
Die Begrüßung erfolgte durch Bezirksrätin Mag.a Sonja Ramskogler, Psychotherapeutin, Herrn Dennis Beck, Geschäftsführer der Wiener Gesundheitsförderung und Herrn Mag. Keclik, Teamleiter Selbsthilfe und Empowerment.
In einem ersten Vortrag sprach Herr Dipl. Psych. Jürgen Matzat, Selbsthilfegruppen-Organisation von der Universität Gießen, BRD über die gesellschaftlichen Aspekte der Selbsthilfe, deren Stand und Entwicklung in Deutschland.
Das Krankheitsspektrum unterliegt laut Jürgen Matzat einem Wandel: Waren früher akute und Infektions krankheiten im Vordergrund, überwiegen heute chronische und psychosoziale Erkrankungen. Je besser das Gesundheitssystem ist, umso mehr chronisch Kranke gibt es, da man heutzutage mit vielen Krankheiten sehr lange leben kann.
„Die Selbsthilfegruppe ist ein wichtiger Beziehungspartner. Regelmäßige Zusammenkunft und persönliche Gespräche sind unersetzlich!
Ein zunehmender Risikofaktor für Erkrankungen ist der Zerfall der sozialen Netze wie Familie, Ehe, Nachbarschaft, etc. Die Folge sind Einsamkeit, Isolation, Beziehungslosigkeit - diese bilden ebenso bedeutsame Risikofaktoren wie Bewegungsmangel oder falsche Ernährung. In den USA hat Robert Putnam das Buch 'Bowling Alone' über die Vereinsamung geschrieben: früher war Kegeln ein Gesellschaftssport, heute ist er 'dank' Maschinen völlig alleine ausführbar. Die Selbsthilfegruppe ist ein wichtiger Beziehungspartner, weil regelmäßige Zusammenkunft und persönliche Gespräche unersetzlich sind!
Weiters hat ein Wertewandel eingesetzt ("68er", "89er"): Durch mehr Bildung ist es zur Emanzipation der Frauen gegenüber den Männern, der Kinder gegenüber den Eltern, aber auch der Patienten gegenüber den Ärzten gekommen. Er wird zunehmend nicht mehr als der 'Gott in Weiß' gesehen. Daher wurde die Selbsthilfe anfangs sehr bekämpft.
Die Selbsthilfe machte in Deutschland folgende Entwicklungsstadien durch:
1976 wird in der BRD beim Fürsorgetag erstmalig von Selbsthilfe gesprochen
1977-82 gab es Neugier, aber Widerstand
1982-87 folgten Akzeptanz und Idealisierung
1987-92 kam es zu Institutionalisierung, Professionalisierung, Modellprogrammen des Bundes (Kostenübernahme)
ab 1992 wird die SH finanziert und gesetzlich verankert ('Legalisierung'):
2000 Gesundheitsreform und Rehab-Gesetz
2004 GKV-Modernisierungsgesetz = Krankenkassen müssen 40 Millionen Euro pro Jahr zur Förderung der Selbsthilfe ausgeben = 0,5 Euro je Einwohner
2004 hat eine Umfrage der Firma Jansen Cillag 84% Zustimmung zur Selbsthilfe ergeben - allerdings: 2003 waren nur 8,9% der dt. Bevölkerung (= rund 3 Mio Personen) Mitglieder in SHG's. (Anm.: das sind aber immer noch mehr als es Parteimitglieder in der BRD gibt)
Eine Umfrage unter Ärzten und Psychotherapeuten über die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen (SHG) ergab: 95% halten sie für sinnvoll, 70% machten positive Erfahrungen damit, 65% vermitteln Patienten an SHG's und 33% würden unentgeltlich Beratung bei SHG's durchführen.
In der BRD gibt es heute 100.000 SH-Gruppen, 100 SH-Organisationen (die nach außen tätig sind) und 300 SH-Kontaktstellen (die als professionelle Einrichtungen der Anregung und Unterstützung von SHG's dienen).
Der ehemalige Gesundheitsminister Seehofer hat die Selbsthilfe als 4. Säule des Gesundheitswesens bezeichnet - neben Ärzten, Krankenhäusern und öffentlichem Gesundheitsdienst.
Die Selbsthilfe ist sozialpolitisch wichtig: die Menschen kommen zusammen, um bei einem gemeinsamen Problem ohne professionelle Leitung zur Überwindung beizutragen. (Hilfe ohne 'professionelle' Leitung war früher ein Skandal! Es hat sich aber gezeigt, dass informierte Patienten häufiger und zu besseren Ärzten gehen. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Wenn Du Wissen begehrst, frage die Erfahrenen, nicht die Gelehrten". Dipl. Psych. Matzat relativiert: nicht nur die Gelehrten.)
Eine neue und künftig zunehmende Aufgabe der Selbsthilfe ist die formalisierte Beteiligung und Interessenvertretung der Betroffenen im Rahmen von Gremien mit Entscheidungskompetenzen im medizinischen Versorgungssystem. In Deutschland hat dies bereits seit 2004 eine gesetzliche Grundlage.
Anschließend stellt der Soziologe Dr. Peter Nowak vom Ludwig Boltzmann Institut für Gesundheitsforschung Erkenntnisse zur Situation in Österreich dar. Sein einleitender Kommentar: Österreichs Verhältnis zur Selbsthilfe steht ungefähr beim Stand von 1987-92 in der BRD. Allerdings bestünde lt. Dr. Peter Nowak von der Wissenschaft zunehmend Interesse an der SH.
Es wurde eine Österreich weite Erhebung mittels Fragebogen und Interviews unter 1654 SH-Gruppen - davon 259 in Wien - durchgeführt. Die Antwortquote betrug Österreich weite 40%, in Wien 37%. In Wien gibt es die wenigsten SHG's bezogen auf die Einwohner, davon entfallen 53% auf körperliche und 18% auf psychische Erkrankungen, 13% auf psychosoziale Belastungen, der Rest auf Mehrfachbehinderungen und Sucht. In Wien sind 31% der SHG's regional, 69% überregional tätig.
Einige Ergebnisse dieser Studie:
Enge Partner der SHG's sind: 1. Ärzte, 2. Unterstützungsstelle, 3. Spitäler, 4. Polizei und Verwaltung
Die SH-Aktivitäten in Wien: 97% bieten Gesprächsgruppen und 85% Einzelgespräche an, 78% haben eine Inter-netseite, 39% Online-Foren, 66% bieten Erweiterung des Fachwissens, 48% nehmen kollektive Interessenvertretung wahr.
Ihre Wirksamkeit schätzen die SHG's wie folgt ein: 76% vermuten eine Wissensverbesserung ihrer Mitglieder, 66% einen besseren Umgang mit der Krankheit im Alltag und 28% eine Verbesserung der professionellen Leistungen und 27% Entwicklung eines gesünderen Lebensstils.
„Selbsthilfegruppen sind Gesundheitsförderer“
Die SHG's sind Gesundheitsförderer - durch wechselseitige Unterstützung haben sie hohe Entlastungswirkung für andere, nämlich für: Partner, Familie (97% der SHG's meinen dies), Ärzte (67%), Staat (61%), stationäre Einrichtungen (60%), Krankenkassen (47%) und Arbeitgeber.
Je höher sie organisiert sind, umso unzureichender sind jedoch die finanziellen Ressourcen. Die Hälfte der SHG's Wiens verfügt über ein Jahresbudget von weniger als € 2.000 (!!!), lediglich 15% haben ein Jahresbudget von mehr als € 20.000.
Schlussfolgerung:
Selbsthilfegruppen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsförderung und die Erwartungen an SHG's steigen. Die externe Unterstützung von SHG's ist jedoch nicht ausreichend - weitere Förderungsmodelle wären wünschenswert. In diesem Zusammenhang wäre eine finanzielle Beteiligung des Bundes erwünscht. Man möchte die Sozialversicherung (Krankenkassen) mehr einbinden bei der Öffentlichkeitsarbeit und wird dies beim Bundestag des Hauptverbandes vorbringen.
Nach der Mittagsause fanden 5 parallele Workshops zu folgenden Themen statt:
Mitgliedergewinnung und -Aktivierung in Selbsthilfezusammenschlüssen (Dipl. Psych. Christopher Kofahl, Universität Hamburg Eppendorf)
Aus Erfahrung lernen. Was macht Sie in Ihrer SHG-Arbeit erfolgreich? (Mag.a Gudrun Braunegger-Kallinger, Uni Wien und Mag.a Romana Schweiger, Wiener Gesundheitsförderung)
Migration und Selbsthilfe (Dr.in Esra Kilaf, Referentin für Gesundheit und Soziales, MA 17)
Selbsthilfe und Zusammenarbeit mit Arztpraxen und Apotheken - Ideenwerkstatt mit Kurzberichten zu zwei Modellprojekten in Bayern (Dipl.Soz.Päd.in Theresa Keidel -SH-Koordination Bayern und Sonja Stipanitz, Landesbeauftragte für SHG's, BAV Bayrischer Apotheker Verband)
Selbsthilfegruppen und Krankenhaus in Kärnten und Wien. Unterschiedliche Modelle. Unterschiedliche Erfahrungen? (Mag. Andreas Keclik, Wiener Gesundheitsförderung und Mag.a Monika Maier, Dachverband SH Kärnten)
Insgesamt war die Wiener SH-Woche sicher ein großer erster Schritt, unser aller Bemühen in der Wiener Bevölkerung bekannter zu machen. Erfreulich ist, dass im kommenden Jahr eine Fortsetzung geplant ist (evtl. konzentriert auf ein Wochenende von Freitag bis Sonntag) und auch Maßnahmen überlegt werden, wie man die SH bis zur nächsten Veranstaltung medial im Gespräch halten kann.
IreneBurdich, Hedwig Nechtelberger, Inge Wondrejc - Mitarbeiterinnen der HPE Wien.
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