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18. Juli 2010 - Wien
Arbeit & Angst


Die Plattform Arbeit und Psyche wurde Mitte 2009 von Projekten mit langjähriger Erfahrung im Bereich der beruflichen Integration von Jugendlichen und Erwachsenen mit psychischen Problemen und/oder Erkrankungen gegründet (www.arbeitundpsyche.at). Ziel dieser Vernetzung ist es, dass Betroffene eine auf ihre persönlichen Bedürfnisse abgestimmte Unterstützung erhalten und dass durch gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit auf ihre Anliegen, Forderungen und Fähigkeiten aufmerksam gemacht wird.

Rund 300 BesucherInnen waren zu der Veranstaltung „Arbeit und Angst“ am 10. Juni in der Arbeiterkammer Wien gekommen, um über die zunehmenden persönlichen Heraus- und Überforderungen am Arbeitsplatz zu diskutieren. Die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt mit verschärftem Wettbewerb und ständigem Zeitdruck führt immer häufiger zu psychischen Erkrankungen. Laut einer Mikrozensus-Erhebung im Jahr 2007 waren 32 Prozent der Erwerbstätigen in Österreich zumindest einem psychischen Belastungsfaktor ausgesetzt. In den vergangenen zehn Jahren ist zudem die Zahl der psychisch bedingten Krankenstandstage um 37 Prozent gestiegen.

Universitätsprofessorin Dr. Gudrun Biffl vom WIFO betonte in ihrem Vortrag angesichts der Zunahme psychischer Erkrankungen und der gleichzeitig steigenden Anforderungen am Arbeitsplatz die Notwendigkeit einer koordinierten Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik. Seit dem Jahr 1990 habe die Arbeitsintensität in der gesamten EU stark zugenommen, insbesondere aber in Österreich und Skandinavien. Daher sei es höchst an der Zeit, umfassende Erhebungen zur Arbeitsgesundheit zuzulassen, um die Lebensqualität der Menschen im Arbeitsleben zu verbessern.

Prim. Dr. Rainer Groß, psychiatrischer Leiter der psychiatrischen Abteilung in Hollabrunn und Psychoanalytiker, beleuchtete die Thematik der Überforderung am Arbeitsplatz einerseits von einer psychiatrisch-analytischen Perspektive, andererseits von einer gesellschaftskritischen Seite. Er gab Einblick in intrapsychischen Mechanismen, die Menschen immer wieder in Situationen bringen, wo sie Opfer von Ausbeutung und Missbrauch am Arbeitsplatz werden und analysierte im Anschluss scharf die strukturellen Gefahren in einer entsolidarisierten Gesellschaft, in der eine neoliberale Umwertung aller Begriffe statt findet und für menschliche Schwächen und kreative Ruhräume nur mehr wenig Platz bleibt.

Besonders beeindruckend war der Erfahrungsbericht einer Mitarbeiterin eines börsennotierten Unternehmens, die ein Burn-Out erlitten hatte und in sehr persönlichen Worten schilderte, wie sie in diesen Zustand der chronischen Überforderung mit anschließendem Totalzusammenbruch hineingeschlittert ist und dank der psychotherapeutischen Unterstützung und der Unterstützung ihres Arbeitsgebers den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben schaffen konnte. Als wichtige Eckpfeiler ihrer Genesung führte sie folgende Erkenntnisse an:

  • Persönliche Grenzen erkennen und sich Ruhepausen gönnen
  • Nicht alles alleine schaffen müssen und um Hilfe bitten.
  • Sagen, wenn es mir schlecht geht und eingestehen, wenn ich etwas nicht weiß.
  • Sich erlauben, immer wieder Kind sein zu dürfen.

Neue gesellschaftliche Leitbilder angesichts der modernen Herausforderungen der Arbeitswelt forderte schließlich der stellvertretende Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt und Integration der Arbeiterkammer Wien, Dr. Gernot Mitter. Gegenmaßnahmen seien die Einführung einer Grundsicherung, die Reduktion der Wochenarbeitszeit, die Erhaltung öffentlicher Dienstleistungen und Sozialschutzsysteme sowie die Förderung von Autonomie und Partizipation.

Daniela Schreyer

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