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10. Mai 2007 - Vorarlberg
10 Jahre HPE Vorarlberg


Mit Stolz und Freude blicken wir auf unsere Jubiläumsfeier zurück, die in harmonischer, fröhlicher Stimmung gemeinsam mit unseren Gästen aus der Psychiatrie, den psychosozialen Vereinigungen und der Betroffenenbewegung Omnibus am 22. März dieses Jahres stattfand.

Die Atmosphäre dieses Festes ließ sich nicht planen oder machen. Sie entstand aus gewachsener Freundschaft und persönlichem Engagement über die Grenzen der HPE hinaus und ist uns Bestätigung für die erfolgreiche Arbeit, die wir seit 10 Jahren, auch immer deutlicher geprägt durch trialogische Inhalte und Ziele, leisten.

Ein herzliches Dankeschön an alle, die uns auf diesem Weg begleiten und unterstützen!

Die gehaltvolle Festrede eines uns immer gewogenen Freundes, Primarius Dr. Albert Lingg, Chefarzt des LKH Rankweil, wollen wir Ihnen nicht vorenthalten:

Die HPE - Vereinigung von Angehörigen und Freunden psychisch Erkrankter feiert ihr 10jähriges Bestehen und ich habe die Freude und Ehre hier zum Thema „PSYCHIATRIE HEUTE – EIN GEMEINSAMER WEG“ (ohne Fragezeichen!) zu sprechen.
Ich durfte dies schon vor 5 Jahren - damals zum Thema „PSYCHIATRIE UND ANGEHÖRIGE – EINE WECHSELBEZIEHUNG MIT ZUKUNFT?“ Damals noch mit Fragezeichen.

Was läge näher, als nachzuschauen, kritisch und selbstkritisch, wie sich diese „Zukunft“ seither darstellt und was an neuen Herausforderungen auf den Jubilar und - siehe unser Thema - uns alle zukommt?

Die Pflanze HPE – verwurzelt, verbreitert, gestärkt und anpassungsfähig

Ich erinnere mich noch, dass vor 5 Jahren, abgeleitet von Ihrem Prospekt, von einen „zarten Pflänzchen“ die Rede war, das schon kräftige Wurzeln schlägt und sich gut gehalten hat. Ich verwende nun wieder dieses Bild, und da hat sich seither, und das sag ich nicht, um der Vereinigung zu schmeicheln, sondern, weil es so ist, diese Pflanze, von starken Frauen „gepflegt“ (besser: kräftig befördert!) in erstaunlich kurzer Zeit weiter verwurzelt, sodass in mehreren Regionen, kontinuierlich Gruppenzusammenkünfte stattfinden. Das Pflänzchen hat sich auch verbreitert, indem von HPE wesentliche Beiträge zur Entstigmatisierung kommen und ihre Öffentlichkeitsarbeit v. a. auch deshalb gut ankommt, weil man die Echtheit und die Ehrlichkeit des Engagements spürt und ideologische Scharmützel vermieden werden. Die Pflanze ist fraglos auch stärker geworden, indem sich die VertreterInnen von HPE etwa in der Ausarbeitung des Psychiatrieplans oder nun im Psychiatriebeirat mit Kritik und Anliegen einbringen. Und es zeigt sich auch, dass die Pflanze HPE Vorarlberg auch anpassungsfähig ist, was im KONTAKT 1/ 2007 in der Rubrik „Aus den Bundesländern“ nachzulesen ist.

Alle Helferorganisationen können es aufgrund der vermehrten Inanspruchnahme ihrer Dienste bestätigen, was Studien der WHO schon seit Jahren belegen und noch verschärft für die Zukunft prognostizieren: Die Zahl ernster psychischer Störungen nimmt zu und wird noch weiter zunehmen. Alle Fortschritte in Diagnose und Therapie fangen diesen Trend im Allgemeinen nicht auf. Differenzierter betrachtet lässt sich allerdings sagen, dass dank verbesserter Behandlungsmöglichkeiten und einem dichteren Netz an Hilfsangeboten heute vielen Kranken besser geholfen werden kann. Sie braucht weit seltener oder meist nur kürzere Krankenhausaufenthalte, was sich etwa im Vergleich von Jahresberichten sehr gut nachweisen lässt: So hat sich der Anteil der Anfallskranken in der Psychiatrie dramatisch reduziert, sind die Aufenthaltsdauern von Menschen mit schizophrenen Störungen und Demenzen vergleichsweise stark verkürzt und leben nur noch vereinzelt Menschen mit chronischen Psychosen oder mit intellektueller Behinderung auf Dauer in der psychiatrischen Anstalt.

Dass bei diesem Fortschritt nicht nur das eigentlich psychiatrische Wirken, sondern auch andere Momente eine maßgebliche Rolle spielen, ist gewiss. So sind vor allem der Abbau von Schwellenängsten nach Öffnung der Psychiatrie und ein verbesserter Informationsstand durch nun endlich auch sachlicheren Umgang der Medien mit psychiatrischen Themen, nicht zu unterschätzen. Auch die Bereitschaft von Betroffenen und Angehörigen, zu ihren Problem zu stehen, sie nicht mehr aus Scham und Ratlosigkeit zu verleugnen oder zu verbergen, und auch die Bereitschaft, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und –initiativen zu setzen, spielen eine wichtige Rolle.
Abschied von Einseitigkeiten

Nun bin ich in einem Kerngebiet der HPE, aber auch des Vereins omnibus gelandet.

Es war schon zu Beginn von der Notwendigkeit ständiger Anpassung unserer Hilfsangebote an die sich ändernden Fragestellungen die Rede. Es ist wohl jedem klar, dass die Psychiatrie gerade letztgenannte Probleme niemals nur mit medizinischen Maßnahmen, sondern immer nur mit psychologischem Verständnis und sozialer Unterstützung lösen helfen wird können. Wir haben uns, das ist zu hoffen, von früher hinderlichen Einseitigkeiten freigemacht. Mit einseitig meine ich etwa moralisierende Vorstellungen, nach denen psychisch Kranke mit ihren Leiden für etwas bestraft werden. Einseitigkeit meint ferner die fatalistische Ansicht, dass wir nur Spielball unserer Generation sind, also angeborenen Tendenzen und Schwächen nicht entkommen können. Einseitigkeit bedeutet aber auch, den Menschen nur als Produkt seiner Umwelt, vor allem Erziehung oder frühkindlichen Erlebens zu sehen. Einseitig ist es aber auch, ausschließlich biochemische Prozesse, d.h. vor allem unseren Transmitter-Haushalt im Gehirn, für die primär entscheidende Ebene unserer Ängste, Verstimmungen oder queren Gedanken anzusehen.

Nun, an all diesen Faktoren ist doch das eine oder andere dran. Wir müssen sie im Auge haben und in unsere Konzepte des Helfens oder Heilens einbringen.
Ja, es gibt Menschen, die aufgrund eines schlechten Lebensstils in Sackgassen oder Verzweiflung hineingeraten.
Ja, es gibt Menschen, die aufgrund widriger Umstände schlechte Chancen für ein gesundes Aufwachsen bekommen.
Ja, es gibt Menschen, die aufgrund traumatisierender Erlebnisse schreckliche Hypotheken für ihr ganzes Leben mitbekommen.
Ja, da und dort ist eine angeborene genetische Anfälligkeit nicht zu leugnen und bestimmend für das wiederkehrende Auftreten von Gemütsstörungen.
Ja, nicht selten bedingen funktionelle Störungen unseres Hirnstoffwechsels oder körperlicher Erkrankungen, seelisches Leiden oder verändertes Verhalten.

Und – die Psychiatrie ist doch zwischenzeitlich multiprofessionell geworden und integriert im Idealfall diese verschiedenen Bereiche des Körperlichen, Lebensgeschichtlichen und Sozialen, dann und wann auch Spirituellen, indem selbstverständlich nicht einer all das wissen und können kann, sondern die verschiedenen Berufe gut zusammen arbeiten, jeweils im Wissen um ihre Stärken und Grenzen und auch in Akzeptanz der jeweiligen Verantwortung.
Damit sind wir mitten in unserem Thema, dem Gemeinsamen – doch fehlt noch Entscheidendes: Involviert, beteiligt, mitunter auch in die Pflicht genommen gehören nämlich auch Betroffene und Angehörige bzw. das soziale Umfeld. Betroffene und Angehörige wollen und müssen gehört werden und ihre Nöte und Bedürfnisse in Planungen und Adaptierung von Angeboten eingehen. Dies ist schwierig, stößt auf starre Organisationsstrukturen und mitunter auch auf gekränkte Helfer.
Für mich sind diese Bewegungen der Selbstermächtigung und damit verbunden auch verstärkter Selbstverantwortung das Spannendste, das sich in unserer psychosozialen Versorgungslandschaft abspielt. Sie sind vor allem aber auch eine Chance, neuen Schwung in zwar immer wieder – und das teils auch zu recht – hoch gelobte Versorgungsangebote zu bringen und sich konkret etwa folgenden Problemen zu stellen:

  • Wenn wir nach WHO-Erhebungen und auch nationalen Daten wissen, dass psychische Störungen nicht nur großes persönliches Leid sondern auch enorme Kosten verursachen – wäre der Prophylaxe psychischer Störungen deutlich mehr Aufmerksamkeit zu geben.
  • Nach wie vor sind wir – stationäre wie ambulante Dienste – auf manchen Feldern zu wenig problem- und patientenorientiert und es fallen manche, meist besonders schwierig zu betreuende, Patienten durch die sonst dicht gestrickten Maschen des sozialen Netzes.
  • Leider war es bislang nicht möglich, unsere Forderung nach Pflichtversorgung in der Region durchzusetzen und wird einem als Konter der Wunsch nach einer zentralistischen Organisation unterstellt.
  • Die strikte Trennung der Kostenträger für stationäre, ambulante, rehabilitative oder soziale Hilfe ist ein schon lange identifiziertes Hindernis für effizientes Arbeiten und gerechte Ressourcenverteilung, vor allem auch Umschichtung von Mitteln bei geänderter Schwerpunktsetzung – ob hier der Gesundheitsfond Abhilfe schaffen wird, bleibt abzuwarten.
  • Ihrerseits gefordert vor allem auch ein nachgehender Krisendienst und mehr Tagesstruktur- bzw. Beschäftigungsangebote.

 Die Liste wäre fortzusetzen und heißt zuletzt, dass bei allem, was schon erreicht wurde, noch viel zu tun bleibt und wir dies alles gemeinsam weit eher auf die Reihe bringen, als jeder für sich.

„Willst du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten.“

Mit diesem chinesischen Spruch sei der Haupttenor meines Beitrags noch einmal betont und auf die Wichtigkeit dessen verwiesen, was Sie von HPE, was Angehörige und Freunde von psychisch Erkrankten, aber auch Betroffene selbst leisten und einbringen!

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