Schizophrenie

Dieses Thema im Forum "Trialog" wurde erstellt von springtime, 25. Juni 2014.

  1. springtime

    springtime New Member

    Hallo im Forum!
    Warum ist es schwierig für an Schizophrenie Erkrankte Personen zur Krankheitseinsicht zu gelangen?
    Warum ist es so schwierig für Erkrankte Personen Freundschaften zu beginnen?
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  2. samiramis

    samiramis New Member

    Hallo Springtime!
    Ich weiß nicht wie es bei anderen Schizophrenie Erkrankten ist, aber bei meiner Tochter war es so, dass sie sich überall verfolgt fühlte und für sie überall das Böse war (sie hat uns das nicht erzählt, war generell sehr in sich gekehrt). Dadurch was sie sehr misstrauisch und wollte auch niemand kennen lernen, hat alte Freundschaften abgebrochen und lebte sehr zurückgezogen. Später hat sie mir erzählt gesagt: "Mama, ich war so mit meiner Angst beschäftig, für mich war das alles ganz echt und jeder war in eine Verschwörung verwickelt". Mein Mann und ich haben das damals nicht verstanden, wir wussten ja auch gar nicht was mit ihr los war und was sie da die ganze Zeit beschäftig hat. Erst jetzt wo es ihr besser geht und sie mit uns darüber spricht wir mir vieles klarer. Damals habe ich nur gesehen, dass sie jeden Kontakt abbricht oder erst gar nicht beginnt, sich weigert irgendwo hinzugehen.
    Jetzt sagt sie zu mir: "Mama, das war damals alles so für mich. Das war alles ganz echt für mich und nicht krank."

    Ich kann mir vorstellen, dass das bei anderen Erkrankten ähnlich ist und dass das eben Gründe dafür sein können. Liebe Grüße, samiramis
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  3. hpe_dorninger

    hpe_dorninger Moderatorin Mitarbeiter

    Hallo springtime und samiramis!
    Ich begrüße Sie beide herzlich in unserem Forum! Ich heiße Birgit Dorninger und bin eine der beiden Moderatorinnen, die hier mitlesen und begleiten.

    Ja, so wie samiramis schreibt: Große Angst und Misstrauen können ein Grund dafür sein, warum sich Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung zurückziehen. Meiner Erfahrung nach haben viele erkrankte Menschen auch große Angst davor, als "verrückt" abgestempelt und stigmatisiert zu werden und vermeiden deshalb den Kontakt mit anderen Menschen.
    Die Ideen und Überzeugungen, die für Außenstehende "krank" sind, erleben Erkrankte als völlig real und in sich logisch - das erschwert natürlich die Einsicht, eine Krankheit zu haben, sehr.
    Letztlich erlebt aber wohl jede/r Erkrankte die Krankheit ein bisschen anders. - Vielleicht finden Sie, springtime, noch weitere Antworten auf Ihre Fragen hier im Forum.

    Herzliche Grüße,
    Birgit Dorninger
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  4. springtime

    springtime New Member

    Danke für die bisherigen Antworten!

    Nachdem ich durch die Erkrankung meines Sohnes schon einige Jahre mit dem Thema Schizophrenie befasst bin,habe ich die schwierige Anfrage , ob sich für die Diagnose " Schizophrenie" auch hier zulande die Umbenennung in "Cerebrale Stoffwechselstörung" erfolgen könnte? In Amerika ist die Akzeptanz der Betroffenen damit erfolgreicher. Aus meiner eigenen Erfahrung gehen hier zulande nicht nur die Medien, sondern auch Fachleute bzw. sehr gebildete Menschen mit dieser Diagnose stigmatisierend um.
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  5. springtime

    springtime New Member

    Sehr geehrte Fr.Mag. Dorninger!
    Liebe Samiramis!
    Da ich davon überzeugt bin, dass ein psych.kranker Mensch vor allem auch im Kontakt mit der Außenwelt an sich wachsen kann,stellt sich mir die Frage welche Ausbildung möglich ist? Haben Sie Erfahrung mit dem "BBRZ" oder in der Uni mit der Beratungsstelle für psych. Erkrankte?
    Zur Zeit hat mein Sohn noch keinen "Plan", da er eine FHS-Ausbildung abbrechen mußte und diese Enttäuschung nun verarbeitet. Ein großes Thema ist immer wieder Über- und Unterforderung!
    Ich freue mich auf Antworten,danke .
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  6. samiramis

    samiramis New Member

    Hallo Springtime!
    BBRZ kenne ich nicht, das liegt aber wahrscheinlich daran, dass wir in einem anderen Bundesland beheimatet sind (OÖ). Aber auch wir haben die Erfahrung gemacht, dass es meiner Tochter sehr gut getan hat wieder Kontakt mit anderen zu haben und einer Beschäftigung nach zu gehen. Sie hat über pro mente Oberösterreich und das ATZ OÖ eine Arbeitstrainingsmöglichkeit in einer Gärtnerei erhalten und war sehr zufrieden damit. Auch bei ihr war es zu Beginn so, dass sie immer viel wollte, sich auch schnell unterfordert fühlte. Andererseits gabe es auch Zeiten, wo etwas schnell zuviel wurde. Beim ATZ war es aber möglich, dass sie mal mehr oder weniger machte. Je nach dem...

    Liebe Grüße, samiramis
    PS: den stigmatisierenden Umgang mit der Diagnose Schizophrenie kann ich bestätigen.
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  7. hpe_dorninger

    hpe_dorninger Moderatorin Mitarbeiter

    Liebe springtime!

    Meiner Erfahrung nach ist es von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich, welche Art von Betätigung in welchem Ausmaß gerade passt, was möglich ist, was empfehlenswert ist. Zudem gibt es eine Menge verschiedener Einrichtungen und Angebote auf diesem Gebiet. - Da ist es die Herausforderung, das "Passende" zu finden, das weder unter- noch überfordert - so wie samiramis auch berichtet.

    Sollten Sie, springtime, genauere und konkrete Informationen über Angebote im Arbeits- und Ausbildungsbereich haben wollen, dann kann ich Ihnen die Möglichkeit eines persönlichen Beratungsgespräches in der HPE Beratungsstelle in Wien empfehlen.

    Herzliche Grüße,
    Birgit Dorninger
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  8. springtime

    springtime New Member

    Liebe Samiramis!

    Danke für Ihre aufschlußreichen Antworten! Was mich besonders freut ist,dass Ihre Tochter rückblickend unterscheiden kann, was krank war und sie nun sozusagen zur Realität zurück gefunden hat, WUNDERBAR!!!
    Meine Frage wäre: War dieser Erfolg eine Kombination aus Psychotherapie,Vertrauen in den Psychiater,bzw. optimale Med.einstellung und der Rückhalt in der Familie?
    Bei meinem Sohn ist es leider so, dass er immer wieder mit seinenWahnideen ( sprich eine Kombination aus früheren Erlebnissen und jetzigen Alltagseindrücken ) anfängt zu überlegen, besonders nach dem Studienabbruch zuletzt ist er besonders verletzlich bzw. hatte einen Rückfall! Ich frage mich des Öfteren: Ist er so krank? Hat seine Therapie zu spät oder nicht erfolgreich begonnen? Wäre es ratsam den Psychotherapeuten oder die Medikamente bzw. den Psychiater zu wechseln? Wir als Familie sind nonstop für ihn da und je nach Tagesverfassung ermutigen wir ihn zu weiteren Schritten wieder hinaus, oder wir sind traurig wenn er leidet.

    Ich freue mich auf Antworten.

    Liebe Grüße springtime
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  9. aushalten

    aushalten New Member

    Hallo Springtime,

    mir geht es ähnlich mit meiner Tochter, wie Ihnen mit Ihrem Sohn. Nur, dass sie schon 40 Jahre alt ist und weder eine Ausbildung oder ähnliches hat. Sie hat sich selbst den Weg sehr schwer gemacht hat, da sie ihre Erkrankung (Schizophrenie) bis heute (sie erkrankte ungefähr mit 18) nicht erkennen konnte. Sie zog in eine andere Stadt, um das Abitur nachzuholen, was nicht gelang. Bewarb sich bei unendlich vielen Ausbildungsstellen und erhielt keine Zusage. Arbeitete an etlichen Stellen ehrenamtlich, d.h. ohne Bezahlung, oder für Kost und Logis. Vor wenigen Jahren erhielt sie zum ersten Mal die Chance zu einer Ausbildung - trotz der riesigen Lücke in ihrem Lebenslauf. Doch die Stelle wurde ihr kurz vor Ablauf der 6-monatigen Probezeit gekündigt. Warum auch immer. Ich hielt auch die Bedingungen für sie zu überfordernd. Sie steckt, meines Erachtens nach, ihre Ziele zu hoch (z.B. Ergotherapie-Ausbildung). Sie will keinerlei Kontakt zu Menschen, die irgendetwas mit Psychiatrie zu tun haben, seien sie betroffen oder professionell, aus Angst vor erneuter Zwangseinweisung oder -medikation. Deshalb lehnte sie auch eine angebotene Reha des Sozialamtes ab.
    Sie lebt nun seit ihrer letzten Zwangseinweisung/-medikation vor knapp 10 Jahren in einer Großstadt und scheint keine tiefgehenden Kontakte zu haben, außer zu mir. Selbst ihre 3 Geschwister haben den Kontakt abgebrochen. Sie muss von sehr wenig Geld existieren, deshalb habe ich sie in der Vorgeschichte immer wieder unterstützt. Doch das will sie nun auch nicht mehr. Das war unsere einzige letzte Verbindung.
    Während der ambulanten Zwangsmedikation, die durch einen richterlichen Beschluss festgelegt wurde, war sie weitaus zugänglicher ihren Geschwistern und mir gegenüber. Es erinnerte mich an die Tochter, die sie als junges Mädchen, Heranwachsende war. Sie lud uns auch einige Male in ihre neue Wohnung ein. Sie hatte ein sehr geordnetes Umfeld und kochte lecker für uns. In ihrer Wohnung, selbst an ihrem Wohnort will sie keine Besuche mehr von mir und zu mir nach Hause will sie schon lange nicht mehr. Ich glaube zuletzt war sie vor 6 Jahren hier. Bei ihr zu Hause war ich zuletzt, glaube ich, vor 2 Jahren. Bei unserem letzten Treffen vor ca. 6 Monaten sah sie sehr verhärmt und mager aus.

    Die Online-Beratung des HPE hat mir sehr geholfen. Mich etwas mehr auf mich selbst zu besinnen und nicht mein ganzes Leben überwiegend von meiner Tochter bestimmen zu lassen. Oder vielmehr ihr einen so großen Raum zu geben. Ohne schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Auch einige Buchquellen, die mir vom HPE empfohlen wurden, halfen und helfen noch: z.B. Janine Berg-Peer "Aufopfern ist keine Lösung", BApk e.V. (Hg.) "Mit psychischer Krankheit in der Familie leben" Rat und Hilfe für Angehörige; Xavier Amador "Lass mich - mir fehlt nichts", Ins Gespräch kommen mit psychisch Kranken. Letzteres hat mir Wege zu neuem Verständnis eröffnet, bezüglich sogen. Krankeitsuneinsicht. Leider verweigert meine Tochter jegliches Gespräch und grenzt sich vehement ab. Sie schickte mir vor wenigen Tagen 2 schwere Kartons gefüllt mir Büchern. Ein Karton zu meinem Geburtstag (in 3 Wochen) und einer bereits für Weihnachten, mit weiteren Abgrenzungswünschen, aber auch mit einer Forderung nach sehr viel Geld für eine Privatschule.

    Ich wünsche Ihnen einen besseren Verlauf mit Ihrem Sohn! Die Hoffnung für meine Tochter, dass sie einen angemessenen Weg für sich noch findet, gebe ich nicht auf.

    Liebe Grüße
    aushalten